Full text : 32.1927 (0032)

Europäische Wirtschaftsprobleme.‘

Von Geheimrat Kastl,
Geschäftsführendem Präsidialmitglied des Reichsverbandes der Deutschen Industrie. .

‚Meine sehr verehrten Herren!

Bei dem außerordentlichen Interesse, das wir in der Haupt-;itadt
 des Deutschen Reiches insbesondere den Nöten der
besetzten Gebiete zuwenden, ist es mir eine besondere Ehre
und Freude, hier in diesem Kreise sprechen zu dürfen.
Ich danke den drei hier vertretenen Verbänden dafür, daß
mir Gelegenheit gegeben ist, ihrer bedrängten Wirtschaft
aus diesem Anlaß einen Besuch abzustatten, und ich versichere
Ihnen, daß ich um viele Eindrücke bereichert nach Berlin
zurückkehren werde und diese Eindrücke dort bei der
weiteren Arbeit des Reichsverbandes zum Wohle der deutschen
 Industrie und insbesondere auch zur Stärkung der
Industrie. in den wirtschaftlich bedrängten Gebieten gern
verwenden werde.
Ich damke auch Ihrem Vorsitzenden, Herrn Dr. von Voelius,
 für die offene und loyale Art, in der er auf
zewisse Ausführungen auf der Frankfurter Tagung Bezug
renommen hat. Nach meinem Dafürhalten ist im seinen Ausführungen
 Herr Geheimrat Bücher sicherlich mißverstanden
worden. Er hat sicher nicht der kleinen und mittleren Industrie
 die Lebensberechtigung absprechen wollen, sondern
seine Ausführungen habe ich vielmehr dahin verstanden,
daß er nachweisen wollte, daß die Nachkriegszeit Verhältnisse
 geschaffen hat, die dem kleinen und mittleren Unternehmer
 bedauerlicherweise nicht mehr die Möglichkeit der
Betätigung bieten wie früher und daß man infolgedessen
zwangsläufig zu gewissen Konzernbildungen schreiten mußte.
Gehen wir von diesen Voraussetzungen aus, so werden die
Ausführungen von Herrn Geheimrat Bücher sicherlich mehr
Verständnis begegnen, als das bisher der Fall gewesen. ist.
{m übrigen darf ich darauf hinweisen, daß die Vorträge,
die auf unserer Mitgliederversammlung gehalten werden,
nur insoweit die offizielle Ansicht des Reichsverbandes darstellen,
 als die Vorträge des Vorsitzenden und des Geschäftsführenden
 Präsidialmitgliedes in Betracht kommen. Die anderen
 Referenten halten. ihre Referate in eigener Verantwortung
und legen damit in keiner Weise die Politik des Reichsverbandes
 fest. Es kann auch gar nicht der Zweck unserer
Mitgliederversammlung sein, unseren Mitgliedern nur Referate
‚orzusetzen, die in jedem einzelnen Teil die vorherige Billigung
 der verantwortlichen Gremien des Reichsverbandes geunden
 haben. Wir wollen mit diesen Referaten keine bestellte
 Arbeit Mefern, sondern wir wollen Anregungen geben
und Grundlagen für eine Diskussion schaffen. Was nun
die offizielle Stellungnahme des Reichsverbandes zur kleinen
und mittleren Industrie angeht, so ist sowohl in den Aus-Führungen
 des Herrn Vorsitzenden als auch von mir auf
unserer vorletzten Tagung in Dresden, bei einer Tagung des
Eisen- und Stahlwarenindustriebundes in Elberfeld und gejegentlich
 einer Mitgliederversammlung des Verbandes Rheinischer
 Industrieller mit besonderem Nachdruck darauf hinyewiesen
 worden, daß das Wesen der deutschen Industrie
nicht darin bestehen könne, eine Anzahl von großen Konzernen
 zu schaffert, sondern daß gerade die Erhaltung und
Konsolidierung der kleinen und mittleren Unternehmer eine
der vornehmsten Aufgaben unseres Verbandes ist. Da, wo
Konzerne notwendig und zweckmäßig sind, müssen sie entstehen,
 aber niemals gegen die kleinen und mittleren Industrien,
 sondern in einer brauchbaren und geeigneten Verbindung
 mit ihnen. Und ich kann Sie versichern, meine sehr
verehrten. Herren, daß der größte Teit unserer Arbeit in
der Geschäftsführung des Reichsverbandes gerade der Fürsorge
 für die kleinen und mittleren Industrien gewidmet ist.
Ich erinnere dabei an die monatelangen Bemühungen zur
Beschaffung geeigmeter Kreditmöglichkeiten, an die wiederholten
 Beschlüsse des Präsidiums und Vorstandes, die die
Tendenz zeigen, gerade der kleinen und mittleren Industrie
zu helfen. Und wenn wir uns für eine vernünftige Kartellpolitik
 einsetzen, so geschieht das wahrlich nicht wegen
der Konzerne, sondern gerade deshafb, weil vielfach für
die kleine und mittlere Industrie im Kartell die geeignete
Art des Zusammenschlusses zu suchem ist. Der in den
letzten Tagen mehrfach genannte Referent der Neußer
Handelskammer hat gezeigt, wie unbekannt ihm die Zusammenhänge
 sind, wenn er im der Förderung einer vernünftigen
 Kartellpolitik durch den Reichsverband eine Unterstützung
 der großen Betriebe sieht, Ich glaube, wir sollten
uns alle darüber klar sein, daß gerade aus den Kreisen
der selbständigen Unternehmer die Persönlichkeiten geboren
worden sind, die heute. als Führer in unserem industriellen

_eben zu gelten haben, und daß dem Wagemut und dem
zroßen Verantwortungsgefühl der industriellen. Unternehmer,
He noch in der Lage sind, alle Teile ihres Betriebes: selbst
zu führen und zu betreuen, ein erhebliches Verdienst an
ınserem industriellen Aufstieg zuzumessen ist. Sie sehen
ılso, meine Herren, daß hier die Politik des Reichs-‚erbandes
 mit der Ihrigen vollkommen konform geht und
laß wirklich kein Grund vorhanden ist, hier in diesen
>unkten etwa Befürchtungen zu haben. Gestatten Sie, meine
ehr verehrten Herren, daß ich nunmehr zu meinem Vartrag
‘bergehe.,
Das Thema, das mir Ihre leitenden Herren vorgeschlagen
taben, lautet: „Europäische Wirtschaftspro->leme“.
 Ich habe dieses Thema trotz oder vielleicht gerade
wegen seiner allgemeinen Fassung gern übernommen, da
» mir die Möglichkeit gibt, einmal über die uns alle
>edrückenden finanziellen Nöte hinaus Ausführungen zu
nachen, die sich nicht so sehr mit den alltäglichen Sorgen
nd Arbeiten beschäftigen, sondern von einer etwas höheren
Varte aus erfolgen können. Jeder Teil des deutschen Vaterandes
 hat heute in ungleich größerem Maße als früher
eine besonderen Sorgen und Probleme, und die Gesamtheit
ler deutschen Wirtschaft steht heute vor Aufgaben, die
gleich komplizierter als früher sind. — Da bedeutet es
ine Aufgabe von besonderem Reiz, einmal über die Grenzen
ler deutschen Wirtschaft hinauszuschauen und hineinzugreifen
n das große Gebiet der nicht national begrenzten, sondern
resamteuropäischen Wirtschaftsprobleme. Der Blick über die
jrenzen vermittelt zahlreiche Gesichtspunkte von internatiovalem
 Interesse, deren Bedeutung sich aber nicht etwa im
hesem internationalen Interesse erschöpft, sondern die auch
hre Wirkungen wiederum sehr stark auf jede nationale
Virtschaft- ausstrahlen. So ergibt sich als spezieller Sinn
neiner Ausführungen nicht nur eine Darstellung der eurojäischen
 Wirtschaftsprobleme selbst, sondern meine Ausührungen
 sollen zugleich auch beweisen, wie sehr Deutschand
 an den gesamteuropäischen Vorgängen interessiert ist.
Im Rahmen der beschränkten Zeit, die mir für meinen
/ortrag zur Verfügung steht, kann ich Sselbstverständlich
lem Problem des wirtschaftlichen Europas von heute in keiner
Veise in vollem Umfang gerecht werden. Ich muß meine
\ufgabe vielmehr darauf beschränken, einige besonders wichige
 Probleme herauszugreifen und ihre Gestaltung und Beleutung
 für unseren Kontinent kurz darzustellen, und zwar
ol dieser Aufgabe der erste Teil meiner Ausführungen
lienen. Bei dem besonderen Interesse, das heute die Frage
les internationalen Waremaustausches beansprucht, werde ich
ların in dem zweiten Teil meiner Ausführungen mich diesem
‚pezielten Problem besonders zuwenden.

„Allgemeine europäische Wirtschaftsprobleme.
:, Das Produktionsproblem.
Die Grundlage jeder Volkswirtschaft und ebenso der Weltvirtschaft
 oder der europäischen Wirtschaft bildet die Proiuktion.
 Die Lebensbedürfnisse der Bevölkerung unseres
<ontinents können, wie überall auf der Welt, nur durch
me auf eine bestmögliche Bedarfsbefriedigung gerichtete
?roduktion erfüllt werden. Ein Rückblick auf die Vorkriegs-‚eit
 zeigt, daß sich im Laufe einer langen Wirtschafts-'ntwicklung
 die europäische Wirtschaft zu einem in großen
Zügen arbeitsteilig gegliederten Oesamtorganismus herauszebildet
 hatte. Das industrielle Zentrum und zugleich die
ndustrielle Werkstätte für die Welt wurde neben England von
Vest- und Mitteleuropa gebildet. Zwei große Entwicklungsinien
 zeichneten sich deutlich ab. Einmal machte in Westınd
 Mitteleuropa die Industrialisierung ständig Fortschritte,
lie industrielle Produktion. wurde immer mehr spezialisiert
ind verfeinert, und! es trat im wachsendem Maße eine inlustrielle
 Verarbeitung der selbstgewonnenen Rohstoffe ein.
Zweitens setzte sich im den übrigen Gruppen der euro-»äischen
 Landwirtschaft eine zunehmende Intensivierung der
andwirtschaftlichen Produktion durch. . Man kann rück-;ichauend
 sagen, daß. das Produktionsproblem für Europa
mn der Vorkriegszeit ciner immer besseren Lösung entgegen-*)

 Vortrag, gehalten bei der diesjährigen Hauptversammlung
les Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen
nteressen im Saargebiet am 3. Dezember im Festsaal des
zathauses in Saarbrücken Hl
            
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