Full text : 32.1927 (0032)

=

Schriftwechsel zwischen Bischof Bornewasser
von Trier und dem Arbeitgeberverband
der Saarindustrie.
Aus Anlaß des Streikes in der saarländischen
Metallarbeiterschaft hat zwischen Bischof Bornewasser
 von Trier und dem Arbeitgeberverbaud der
Saarindustrie ein Schriftwechsel stattgefunden. Der
Bischof richtete am 19. November 1927 folgendes
Schreiben an den Arbeitgeberverband der Saarindustrie:


„Hochverehrte Herren!
Mit Interesse und steigender Sorge habe ich seit geraumer
Zeit die Entwicklung verfolgt, welche die Lohnbewegung
nmnerhalb der saarländischen Arbeiterschafit genommen hat.
Aus den letzten mir zugekommenen Informationen entnechme
ch nunmehr zu meinem großen Leidwesen, daß innerhalb der
saarländischen Schwerindustrie starke Spannungen bestehen
und Cie Gefahr ernster Lohnkontlikte urd Lohnkämpfe unmittelar
 zu befürchten steht. Nach monatelangen vergeblichen Bemühungen,
 auf dem Wege von Verhandlungen zu einem
refriedigenden und die wesentlichen Wünsche der Arbeitıehmer
 erfüllenden Ergebnis zu gelangen, hat der von dem
Christlichen Metallarbeiterverband. und dem Hirsch-Dunckerschen
 Cewerkverein angerufen? Schlichtungsausschuß am 4.
Heses Monats einstimmig einen Spruch gefällt, der eine in
bescheidenen Grenzen gehaltene Zulage zu den Akkordlöhnen
ınd den tarifüchen Stundenlöhnen vorsicht. Diesen Spruch
'ehnte die Arbeitgeberversammlung mit Stimmenmehrheit ab,
Selbstverständlich liegt es mir fern, über die Grenzen
meiner Amtspflichten und Amtsrechte hinaus wirtschaftliche
Auseinandersetzungen dieser Art in den Bereich meiner Beurteilung
 zu ziehen. Ich vermag auch durchaus die Schwierigkeiten
 zu würdigen, mit denen die Arbeitgeberschaft des
Saargebietes zur Zeit kämpit — Schwierigkeiten, dic die
saturgemäße Folge gewisser, in ihren wirtschaftlichen Konsequenzen
 wohl nicht hinreichend überschauter Bestimmunyen
 des Fricdensvertrages darstellen. Ein Vergleich der Löhmne
Jer schwerindustriellen Arbeiter mit anderen Hauptarbeiterzruppen
 des Saargebietes läßt jedoch erkennen, daß die durch
Jen obengenannten Schiedsspruch vorgesehenen Lohnbesscrungen
 sich in sehr engem und für andere Wirtschaftszweige
ıragbarem Rahmen bewegen. Unter diesen Umständen erachte
ıch es angesichts der gespannten Lage für meime bischöfliche
Oflicht, nichts unversucht zu lassen, um die bevorstehende
Gefahr womöglich roch zu basnen und dem Weg für eine
'riedliche Regelung offen zu halten. In aufrichtiger Sorge um
las Schicksal zahlreicher Arbeiterfamilien des saarländischen
Anteils meiner Diözese, der in seiner heutigen Lage umd
.nnerhalb mannigfakiger Beschwernisse einen besonderen Anspruch
 auf meine oberhirtliche Sorge und meine Fürsprache
hat, wende ich mich daher in diesem Augenblick an Sie,
hochverehrte Herren, als die maßgebenden Führer der saar:
ländischen Schwereisenindustrie und bitte Sie eindringlichst,
noch einmal ernstlich alle Möglichkeiten einer friedlichen
Lösung prüfen und, wenn auch unter Opfern, einen Weg
suchen zu wollen, der den sozialen Frieden an der Saar
wahrt und die körperlichen und geistigen Schäden vermeidet,
die der Ausbruch des wirtschaftlichen Kampfes unweigerlich
nach sich ziehen müßte, Die Tatsache, daß die Ablehnung
Jes Schiedsspruches durch eine schwache Mehrheit gegen
eine beachtliche Minderheit erfolgte, 1äßt mir die tröstliche
Hoffnung, daß die Uchberzeugung der Tragbarkeit der Ihnen
damit zugemuteten Opfer auch in Ihren eigenen Kreisen ihre
Vertreter hat und daß es deshalb nicht ausgeschlossen erscheint,
 die zunächst gefaßte Entschließung einer wohlwollenden
 und großherzigen Revision zu unterziehen.
Des Dankes zahlreicher saarländischer Arbeiterfamilien, die
‚etzt an der Schwelle des Winters an sich schon mit einem
reichen Maße von Sorgen und Kümmernissen zu ringen
naben, wie auch meines bischöflichen Dankes können Sie
versichert sein.
Mit dem Ausdruck besonderer Verehrung und ausgezeich-1eter
 Hochschätzung
Dr. Franz Rudolf Bornewasser,
Bischof von Trier,‘
Der Arbeitgeberverband der Saarindustrie beantwortete
 dieses Schreiben am 23. November 1927
in folgender Weise:
„Hochwürdigster Herr Bischof!
Wir beehren uns, für das warme Interesse und die Sorge
He Euer bischöfliche Gnaden einer ungestörten friedlichen

ınd damit erfolgreichen Weiterarbeit der Industrie entgegenringen,
 unseren geziemenden Dank zum Ausdruck zu
ringen. Euer bischöfliche Gnaden können überzeugt sein,
laß auch uns bei allen unseren Entschließungen die gleiche
sorge bewegt.
Wenn wir uns im Frühling dieses Jahres genötigt sahen,
inen Abbau der Löhne vorzunehmen, so war dabei unser
dauptgesichtspunkt, den ungestörien Fortgang unserer Beriebe
 zu gewährleisten und den Tausenden vom Arbeitern
ınserer Industrie die Arbeitsstätte und damit Brot und Verlienstmöglichkeiten
 zu erhalten. Diese Maßnahme, so hart
sie von dem Einzelnen auch empfunden werden mochte, hat
richt zu einer dauernden Verschlechterung der Lebenshaltung
rzeführt, denn wir können zu unserer Genugtuung auf Grund
ıusführlichen statistischen Materials feststellen, daß die Lejenshaltung
 im Herbst dieses Jahres um etwa 5°v besser
st als im Herbst des vergangenen Jahres.
Wir dürfen wohl für uns in Anspruch nehmen, soweit uns
ias die schwankende Wirtschaftslage gestattete, die Löhne
uf einem Stand gehalten zu haben, der Jahre hindurch
:icht nur gleichmäßig war, sondern sich in einer leicht
‚ufsteigenden Linie bewegte, Damit so!l nicht gesagt sein,
laß eine weitere Steigerung des Lohnstandards zur gegebenen
Zeit ausgeschlossen wäre, denn cs gehört zu den vornehmsten
ufgaben des Unternehmertums, Kulturträger und -förderer zu
ein und somit auch für die Hebung des Lebens- und
Culturstandards der mit ihm zusammenwirkenden Arbeiterchaft
 besorgt zu sein; aber die Verwirklichung dieser Auf--abe
 kann nur Hand in Hand gehen mit der zunehmenden
’roduktivität der Unternehmungen.
Wenn angesichts der augenblicklichen Meimnungsverschiedenjeiten
 zwischen Arbeitzebern und Arbeitnehmern in unseren
igenen Reihen verschiedene Ansichten laut geworden sind,
Oo bezieht sich diese Verschiedenheit der Ansichten keinesvegs
 auf die vorher gekeunzeichneten Kulturaufgaben, vielnehr
 berührt sie leckiglich die Frage nach der Durchährbarkeit
 der von dem Schlichtungsausschuß vorgeschlagenen
tegelung. Die Tatsache, daß ein Teil dieser Regelung für
urchführbar hält, beweist nicht, daß sie auch in anderen
betrieben durchführbar wäre, denn wie die arbeitenden
Aenschen untereinander verschieden sind, so sind auch ihrer
lände Werke, die Unternehmungen, verschieden geartet und
‚r-beiten unter abweichenden Voraussetzungen. Die Verschiclenheit
 der Beurteilung in unseren Reihen beweist deshalb
wur, daß die derzeitige Lohnentwicklung einen Grad erreicht,
ler hart an der Möglichkeitsgrenze der Weiterentwicklung
jegt, stellenweise diese Grenze aber schon überschritten hat.
Wir bleiben uns der hohen Verantwortung, die wir nicht
ıur unserer Arbeiterschaft, sondern auch der Gesamtheit
regenüber tragen, stets bewußt und werden uns in unseren
veiteren Entschließungen nur vom Geiste dieser Verantvortung
 leiten lassen.
Mit dem Ausdruck besonderer Verehrung und ausgezeichıeter
 Hochachtung
Arbeitgeberverband der Saarindustrie e. V.
gez. Unterschrift.“
Auf diese Antwort ist das folgende neue und abichließende
 Schreiben vom 26. November 1927 des
Bischofs von Trier eingegangen:
„Hochverehrie Herren!
Das sehr gefällige Schreiben vom 23. dieses Monats, dessen
Impfang ich hiermit dankend bestätige, ist von mir mit aufichtiger
 Genugtuung entgegenzemommen worden, Ohne auf
veitere Einzelheiten seines Inhaltes näher eingehen zu wollen,
r'laubte ich daraus die ernste Bereitwilligkeit der großndustrielien
 Arbeitgcberschaft der Saar entnehmen zu dürfen,
or weiteren Entschließungen in der Lohnfrage noch einmal
n eine verantwortungsbewußte Nachprüfung der gesamten
jachlage einzutreten. Aus den mir zugegangenen Presseneldungen
 entnehme ich, daß diese meine Erwartung sich
n erfreulicher Weise verwirklicht hat. Ich möchte daher,
m Nachgang zu meinem Schreiben vom 19. dieses Monats
ıicht verfehlen, Ihnen, hochverehrte Herren, über das nunnehr
 erreichte Ergebnis und die Erhaltung des. Wirtschafts-'riedens
 an der Saar meine freiklige Genugtuung zum dank-»arem
 Ausdruck zu bringen.
Mit der Versicherung vorzüglicher Hochachtung und aus
zezeichneter Wertschätzung
gez. Dr. Bornewasser, Bischof von Trier.‘
            
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