heiten, unter deren Herrschaft er lebt. Je größer diese Abhängigkeiten
sind, desto weniger ist er in seinem Tun und
Handeln frei, und desto schwieriger ist es, einen gewollten
Erfolg zu erreichen, Das gilt nicht nur von dem Menschen
als Einzelindividuum, sondern auch in seiner Zusammenfassung
zu größeren Gemeinschaften oder Gesellschaften, gleichgültig,
ob diese politisch, beruflich, wirtschaftlich oder anders geartet
sind. Dem gleichen Zwang unterliegen naturgemäß
auch die einzelnen Wirtschattsgebiete, und der Zwang ist
um so größer, je geringer der Einfluß ist, den der handelnde
Mensch oder die in den einzelnen Gemeinschaften wirkenden
Menschen auf die Gestaltung der Dinge ausüben können.
Das empfinden wir ganz besonders hier im Saargebiet immer
wieder.
Kein Wirtschaftsgebiet der Erde von einiger Bedeutung lebt
unter ähnlichen Zwangsverhältnissen. Ob es sich um die
Rohstofferzeugung handelt oder um den Absatz unserer Produkte,
ob um Zölle, um Währung, um Kredite, um Gütertarife,
ob die Gestaltung unseres Rechts, besonders der
Sozialversicherung, des Arbeitsrechts, des Steuerrechts, zur
Aussprache steht, immer wieder erleben wir die gleichen
Hemmungen, die darin bestehen, daß das Saargebiet als
isolierter Wirtschaftskörper von seinem Mutterland abgetrennt
und zoll- sowie währungstechnisch Frankreich angegliedert
wurde.
Von allen Roh- und Hilfsstotfen des industriellen und gewerblichen
Bedarfs ist in dem kleinen Gebiet nur die Kohle
vorhanden, diese allerdings überreichlich, aber alle anderen:
Erze, Schrott, Ton, Sand und sonstige Erden, Holz und
Chemikalien werden aus anderen Gebieten ins Saargebiet eingeführt.
Auch der Nahrungsbedarf der Bevölkerung kann
im Saargebiet nur zu einem Zehntel gedeckt werden, der
Kleidungsbedarf muß ganz von außen herangezogen werden.
Diese. Unselbständigkeit wird noch dadurch vergrößert, daß
nur der allerkleinste Teil der Erzeugung im eigenen Gebiet
abgesetzt werden kann, Von der gesamten Kohlenproduktion
von zirka 14 Millionen Tonnen verbleiben etwa 4 Millionen
Tonnen im Saargebiet, nach Frankreich einschließlich Elsaß-Lothringen
gehen etwa 5,5 Millionen Tonnen, nach Deutschland
zirka 1,5 Millionen und in andere Länder etwa 1,2
Millionen Tonnen. Der Rest ist Eigenverbrauch,
Der scheinbar beträchtliche Kohlenabsatz im Saargebiet
dient aber in erster Linie dem Bedarf der Industrie, vornehmlich
der Eisenindustrie, deren Gesamterzeugung von
zirka 2 Millionen Tonnen und Gußwaren nur zum kleinsten
Teil im Saargebiet verbbeibt. Schätzungsweise 60%, fließen
in das deuische Wirtschaftsgebiet ab, etwa 25% gehen
nach Frankreich, 10° din andere Länder und nur 5%a
verbleiben im Saargebiet selbst.
Von der Erzeugung der keramischen und der Tafelplasindustrie
bleiben ebenfalls nennenswerte Mengen nicht im
Saargebiet.,
Diese. Abhängigkeit des Saargebietes in Absatz und Versorgung
verschärft noch seine geographische Lage an der
äußersten Peripherie sowohl Deutschlands wie Frankreichs,
Der Absatz von Kohle und Eisen auf unserem natürlichen
Absatzmarkt Süddeutschland und angrenzenden Ländern wird
beeinträchtigt durch den Wettbewerb anderer deutscher und
firemdländischer Produktionsgebiete, die ihre Erzeugnisse auf
der großen Rheinwasserstraße billiger nach Süddeutschland
transportieren können, als es uns auf dem kürzeren Schienenweg
bis zum Rhein möglich ist. Der Absatz ins Innere
Frankreichs andererseits nötigt dazu, unsere Produkte an den
Erzeugungsstätten der lothringischen Industrie vorüberzufahren
und damit eine Vorfracht und Vorbelastung von etwa 100 'km
in Kauf zu nehmen. Wollen wir für den Export die Seehäfen
erreichen, so sind wir, ohne Wasseranschluß und nur auf
einen langen Schienenweg von mehreren hundert Kilometer
angewiesen, allen anderen Erzeugungsgebieten megenüber im
größten Nachteil,
Es ist erklärlich, daß unter diesen Umständen die Industrie
sich den Wirtschafts- und Absatzorganisationen teils Deutschlands,
teils Frankreichs angeschlossen hat. Damit aber ist
sie wiederum abhängig von der Verkaufstätigkeit einesteils
der deutschem, andererseits der französischen Verbände und
damit auch wieder von der Koniunktur beider Wirtschaftsgebiete,
Die Abhängigkeit des Saargebietes besteht aber nicht nur
auf dem Gebiete des Güteraustauschs. Zoll- und währungspolitisch
sind wir durch den Versailler Vertrag dem französischen
Wirtschaftsgebiet angegliedert worden, das ganze
Öffentliche und bürgerliche Recht dagegen ist deutsches
Recht, und wenn auch die Fortentwickelung des deutschen
Rechts nicht in allen Teilen mitgemacht worden ist, so übt
diese Fortentwicklung doch einen großen Einfluß aus, namentlich
auf die soziale Gesetzgebung und auf das Arbeitsrecht.
Dabei fehlt aber auch der Einfluß Frankreichs keineswegs,
denn der Versailler Vertrag etellt ausdrücklich fast daß nahme
‚orherige Befragung des französischen Staates keine Aendeung
der gesetzlichen Bestimmungen über den Bergwerksjetrieb,
wie sie vor dem 11. November 1918 bestanden,
;orgenommen werden darf,
Das gleiche Bild zeigt sich auf dem Gebiete der Vervaltung.
Der Etat z. B., der für die gesamte Verwaltung
ne wesentliche Grundlage bildet, wird von beiden Ländern
;tark beeinflußt. Rücksichten auf französische Verhältnisse
»estimmen die Gestaltung der Umsatzsteuer, einer wesentichen
Einnahmequelle, bestimmen ferner den Anteil des Bergjaues
an dem Steueraufkommen, während andererseits die
Zesoldlung der Beamten infolge des Baden-Badener Abkomnens
stark von der Höhe der Beamtenbesoldung im Reich
ıbhängig ist.
Es ist leider allzu natürlich, daß diese zwangsweise gechaffene
Zwitternatur des Saargebietes das industrielle und
zewerbliche Leben in manchmal unerträglicher Weise stört
ınd die Arbeit unserer Verbände in entscheidender Weise
»estimmt.
Namentlich auf dem Hauptarbeitsgebiet unseres. Verbandes,
zegelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen, wird uns das
jesetz des Handelns von Tatsachen vorgeschrieben, die
außerhalb unserer Einflußsphäre liegen.
So ist unsere Lohngestaltung im wesentlichen abhängig von
ier Verfassung der französischen Währung, und im Verhuf
les hinter uns Kegenden Geschäftsjahres sind wir zunächst
jurch die ständige Verschlechterung der französischen Wähung
zu immerwährenden Lohnerhöhungen gezwungen gevesen,
um nachher, als der französische Franken sich von
jeinem tiefsten Stand um rund 50% verbesserte, uns wielerum
vor den Zwang gestellt zu sehen, eine Reduzierung
lieser Löhne eintreten zu lassen, Wenn auch das Ausmaß
lieser Lohnreduzierung im wesentäichen durch die Zwangsage
diktiert war, in die die Industrie durch die Entwertung
ijes französischen Franken gekommen war, so haben sich
loch auch hier wieder Einflüsse geltend gemacht, die zwar
Kcht außerhalb unseres Interessenkreises, aber stark außer-1alb
unserer Einflußsphäre lagen, und zwar die Rücksicht auf
lie Gestaltung des Kohlenpreises, Wirkte diese Rücksicht aber
1auptsächlich im der Richtung einer Senkung der Löhne,
;o fehlten auch andere, von außen kommende Einflüsse
ıicht, die darauf hinzielten, diese Senkung möglichst gering
verden zu lassen. In dieser Richtung hat sich namentlic
las Reichsarbeitsministerium stark eingesetzt, und wenn ihm
zuch ein unmittelbarer Erfolg bei der Zwangslage, in der
äch unsere Industrie befand, nicht beschieden sein konnte,
© sah es sich in der weiteren Verfolgung der Angelegenheit
loch veranlaßt, die Lohnabbauaktion in ihrer Wirkung für
lie Arbeitnehmer dadurch abzuschwächen, daß das Reichsırbeitsministerium
das Reichskabinett veranlaßte, eine Ssor‚enannte
Betreuungsaktion für die Arbeitnehmer mit Hilfe der
jewerkschaften durchzuführen. Ob diese Aktion der Reichs-‚egierung
notwendig war, namentlich auch in der Form, in
ler sie durchgeführt wurde, mag dahingestellt bleiben. Jeden-'alls
ist es notwendig, einmal festzustellen, daß der Lohnıbbau
zu einer dauernden Verschlechterung der Lebenshalung
der Arbeiterschaft nicht geführt hat, denn gegenüber
tem höchsten Stande im Oktober vorigen Jahres ist der
ndex der Lebenshaltung um etwa 15% gesunken, während
{ie Löhne im gleichen Zeitraum des Jahres eine Senkung
‘on nur 7 bis 8% erfuhren. Ganz vereinzelt ist die Lohn-‚enkung
stärker gewesen, in vielen Fällen aber auch moch
reringer als 7%.
Auch andere Einflüsse sind für die Gestaltung der Löhne
m. Saargebiet stark mitbestimmend, In der gleichen Zeit, in
ler wir uns zu einem Lohnabbau gezwungen sahen, fanden
ıllenthalben im deutschen Wirtschaftsgebiet Lohnerhöhungen
‘tatt, so daß etwa im August dieses Jahres der Stundenohn
in der rheinisch-westfälischen Industrie im Durchschnitt
ıler Werke sich auf 89 Pfg. stellte, während er in dem
jenachbarten lothringischen Industriegebiet im gleichen Monat
32 Fr. = 0,54 Mk. betrug. Der Stundenlohn des rheinischvestfälischen
Arbeiters stellt sich danach fast doppelt so
soch als im Lothringen. Es ist natürlich, daß die Lohnhöhe
ınseres Gebietes hierdurch stark beeinflußt wird. Weder
st es möglich, etwa die Löhne der rheinisch-westfälischen Inlustrie
zu zahlen, noch etwa mit den Löhnen auszukommen,
lie die lothringische Industrie aufwendet, So stand der Durchschnittsiohn
unserer Hüttenindustrie im gleichen Monat 4,34
5ranken = 0,71 Mk. Der Abstand der Stundenverdienste
m Saargebiet gegenüber Rheinland-Westfalen bedeutet aber
ceineswegs, daß die Arbeiterschaft im hiesigen Gebiet zu
ner schlechteren Lebenshaltung gezwungen ist als die Arzeiter
in Rheinland - Westfalen, denn der August - Lebens-1altungsindex
in Gold beträgt im Saargebiet 118,8, im Reichslurchschnitt
146,6, wobei zu berücksichtigen ist, daß das
‘heinisch-westfälische Gebiet über dem Reichsdurchschnitt,
ınd zwar etwa 10 Punkte höher liegt. Während also der
Stundenlohn des rheinisch-westfälischen Arbeiters 26,5% über
1em Stundenlohn des Saarhüttenarbeiters steht. liegt der