Full text : 32.1927 (0032)

einem Schutzzoll, sondern in Schaffung gleicher Verhältnisse
durch Oeffnung des notwendigen inneren Marktes. Es ist
daher auch keine Absurdität, sondern hängt mit der geschilderten
 Frage zusammen, daß bei den Saarzollverhandlungen
 für ein und dieselben Waren Ein- und Ausfuhrwünsche
bestehen.
Das Problem, das sich hier vielleicht zum erstenmal in
dieser Deutlichkeit kenntlich macht, hat größere Bedeutung.
Alle die in dem balkanisierten Europa und seinen Zwergwirtschaftsstaaten
 entstandenen Treibhausindustrien werden
am Ende an dem Umstand, daß sie mit ihrem kleinen inneren
Markt nicht rationalisieren können, zugrunde gehen müssen,
wenn nicht die natürlichen Wirtschaftsgrenzen baldigst fallen.
Die rasche Entwickelung fordert heute gebieterisch eine
Neuordnung der Verhältnisse, wie sie aus den im Jahre
1919 und 1920 in Versailles und Umgebung geschlossenen
Verträgen hervorgegangen sind. Für uns hier im Saargebiet
 resultiert daraus die Notwendigkeit, für alle unsere
Industrien den Anschluß an den richtigen inneren Markt, den
deutschen, zu gewinnen.
Wenn wir der Sache auf den Grund gehen, gilt die Frage
nicht nur für die mittleren und kleineren Industrien oder
gar nur für die Beispiele, die ich eben genannt habe, sondern
mutatis mutandis ist überall auch in den größten Industrien
das Rationalisierungsproblem mit dem Zollproblem verknüpft.
Aus der Rationalisierung entspringen daher auch allenthalben
gegen die Zeit vor drei Jahren, wo die ersten Wünsche gestellt
 wurden, durchaus veränderte Zollwünsche. Es geschieht
viel auf dem Gebiete der Rationalisierung im Saargebiet. Ich
erinnere an die Rationalisierung der Tafelglasindustrie,
an die großen Arbeiten in der keramischen Industrie, an dic
umfassenden Neubauten der Hüttenindustrie. Zweifellos ist
die Lösung des Zollproblems eine Voraussetzung dafür, daß
tatkräftig auf dem beschrittenen Wege weitergegangen werden
 kann zum Nutzen der gesamten Saarwirtschaft einschließlich
 vor allem auch der Arbeitnehmerschaft.
Die Saarwirtschaft hat die Hoffnung, daß das zweite ihrer
Hauptprobleme, die Währungsfrage, die ihr einen
schier unerschöpflichen Reichtum an Abwechslung, Aufregung
und Schwierigkeiten, aber sonst keinen Reichtum gebracht
hat, bald zu den erledigtem gehört. Wir würden uns freuen,
wenn der Gouverneur der Bank von Frankreich ebens> wie
der Reichsbankpräsident Schacht seine Währung mit den
Frauen vergleichen könnte, von denen diejenigen die besten
sind, über die man nicht spricht. Man spricht zwar augenblicklich
 nicht sehr laut von der französischen Währung,
aber, was vielleicht schlimmer ist, man munkelt und raunt
über sie. Noch immer hat man die Angst, daß vor der
endgültigen Lösung noch einmal eine Währungsschwankung
kommt, wobei man die Wahl hat, eine Schwankung nach
oben oder nach unten für schlimmer zu halten. Dabei scheint
es wirklich so zu sein, daß keine anderen Hindernisse als
solche innernolitischer Art, wie die Rücksicht auf eine zugkräftige
 Wahlparole, also Hindernisse, die mit der Währung
an sich nichts zu tun haben, bisher verhindert haben, die
de facto Stabilisierung, die wir seit 11, Jahrem haben, durch
eine de jure Stabilisterung abzulösen. Wünschen wir nur,
und dieser Wunsch kommt uns allen sicher aus dem Herzen,
daß es abwegig ist, wenn einige Schwarzseher raunen, €s
wäre der günstigste Zeitpunkt für die de jure Stabilisierung
schon verpaßt, weil man zu lange gewartet habe. Hoffen wir
auf den baldigen Tag der endgültigen Stabilisierung.
Unser Wunsch und unsere Hoffnung werden nicht etwa
davon berührt, daß die endgültige Stabilisterung des Franken
uns hier mit Sicherheit wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen
wird, — die Stabilisterungsk rise, durch die wir hindurch
müssen, wenn wir endgühig gesunden wollen. Dabei ist zu
beachten, daß eim Teil der Stabilisierungskrise bereits da ist,
nämlich das völlige Darniederliegen des französischen Marktes,
auf dem, wie ich schon mehrfach betonte, heute ein Absatz
kaum zu finden ist. Das Darniederliegen nahezu jeder Wirtschaftsbetätigung
 ist begleitet von einer anormalen Geld-Flüssigkeit
 auf dem kurzfristigen Markt, die aber so schwebender
 und ungewisser Natur ist, daß sie nicht zu einer
Wiederankurbelung der Wirtschaft führt, wie sich auch darin
zeigt, daß trotz dieser Geldflüssigkeit das Preisniveau in
Frankreich wie auch hier im Saargebiet gesunken ist. Wir
kennen die Ursache dieser Geldflüssigkeit: Spekulationsgelder
und zum französischen Sparkapital hinzutretendes, zurückgewandertes
 Kapital liegen auf dem französischen Geldmarkt.
erstere ihrer Natur mach kurzfristig, das zweite deshalb
kurzfristig, weil der französische Kapitalbesitzer angesichts
der Unsicherheit der Lage noch keine Dispositionen über
die Anlage treffen will, trotzdem sicher die französische Wirtschaft
 eine Auffüllung ihrer Betriebsmittel u. a. auch wegen
Rationalisierung durch die auf der hohen Kante liegenden
Spargelder dringend notwendig hat. Mit der endgültigen
Stabilisierung müssen, wie man die Dinge heute beurteilen
kann, eigentlich zwangsläufig die Spekulationsgelder abfließen
und die französischen Spargelder zur Auffüllung des Betriehsxapitals

 der Wirtschaft herangezogen werden. Die Befürchungen,
 die man bei der dann einsetzenden Geldknapp-1eit
 hegen muß, kommen heute schon dadurch zum Aus-Iruck,
 daß die Sätze für langfristige Gelder, die schon lange
weitaus höher HKegen als die für kurzfristige Gelder, im
Steigen begriffen sind, Für das Saargebiet, wo ein großer
Feil des augenblicklichen kurzfristigen Ucberschusses des
ranzösischen Geldmarktes angelegt ist und wo eigene Sparzelder
 nur in verhältnismäßig geringem Umfange vorhanden
nd, muß die zu erwartende Geldknappheit besonders scharfe
Formen annehmen, zumal hier auch eine Bankverschuldung
ler Wirtschaft vorliegt an Belastungsstellen, die bei vor-;ichtiger
 Betriebsführung nur durch eigenes Kapital oder
1öchstens durch langfristiges Darlehen ausgefüllt werden
lürfen. Es beruht dies auf der bisher — zum mindesten
‘ür alle mittleren und kleineren Betriebe -— gegebenen Unnöglichkeit,
 wegen der besonderen Lage des Saargebietes
<apital in größerem Umfange als Eigenkapital oder als langristiges
 Darlehen hereinzubekommen. Unser Verein hat sich
zemeinsam mit der Handelskammer seit langem bemüht,
venigstens durch Hereinholen langfristigen Geldes für den
\ugenblick der Geldverknappung vorzusorgen. Ich darf schon
ıeute das sagen, daß wir hoffen können, durch einen Erfolg
ınserer Bestrebungen einigermaßen Hilfe zu schaffen.
Mit der Verknappung des kurzfristigen französischen Geldnarktes
 wird vielleicht noch eine Verschärfung der bis jetzt
ıchon bestehenden Absatzkrise in Frankreich eintreten, die
Jann den Uebergang zu normalen Zeiten einleiten würde.
Vir haben also bis zur endgültigen Stabilisierung und darübeı
ıinaus mit geringem Absatz nach Frankreich zu rechnen.
\k Plus steht auf der anderen Seite unsere Absatzmöglichzeit
 nach Deutschland, die uns durch die Saarzollabkommen
1offentlich gesichert und vermehrt wird und vor allem auch
denjenigen Firmen zugute kommt, die bislang durch die
Saarzollabkommen noch keine Regelung ihrer Ausfuhr nach
Deutschland erhalten konnten. Wir können hoffen, mit diesem
Vorteil, wenn gleichzeitig gegen die zu befürchtenden Schwieigkeiten
 der Geldverknappung vorgesorgt wird, einigermaßen
Jurch die Stabilisierungskrise hindurchzukommen, die naturzemäß
 sonst, wenn dieses günstige Moment nicht gegeben
väre, unser reim industrielles Gebiet in einer besonders
starken Weise bedrohen würde.
Von dem saarländischen Kohlenproblem, das das
Iritte unserer großen Wirtschaftsprobleme ist, habe ich die
Frage des Kohlenmabsatzes bereits eingehend erörtert und
lie Notwendigkeit betont, den Absatz der Saarkohle nach
Dsten wieder zu gewinnen. Ich darf hier hervorheben,
jaß wir auf diesem Gebiet ein gutes Stück weiter gekommen
ind. Es ist das wichtigste Ereignis unserer Verkehrsolitik,
 die ich hiermit kurz streifen darf, daß es uns
velungen ist, für die hauptsächlichsten Güterarten Waren im
Austausch Saarbahnen—Reichsbahn und umgekehrt direkte
Farife zu vereinbaren, die die Stationen der Saarbahnen
Zeichsbahnstationen gleichstellen. Dadurch ist auf diesem Ge-»ete
 bereits ein Zustand hergestellt, der auch nach der
Zückgkederung vorliegt. Die eingetretene Verbilligung des
3üteraustauschs ist von größter Bedeutung für die gesamte
aarländische Wirtschaft, besonders für die Schwerindustrie
ınd am stärksten für die Kohlenwirtschaft, deren Massengut
ür Frachtnachteile am empfindlichsten ist. Wir begrüßen den
»rheblichen Fortschritt, der durch Entgegenkommen auf beiden
jeiten erreicht wird, müssen aber betonen, daß das erst ein
\nfang ist, weil nach wie vor für ums die ungünstigen Wiraumngen
 des deutschen Staffeltarifs, den die Reichsbahn in
ınserer Abwesenheit und damit auch ohne Rücksicht auf
ins eingeführt hat und die Wasserfrachtlage unserer deutschen
<onkurrenz bestehen und weil diese Nachteile nur durch
ranz besondere Maßnahmen ausgeglichen werden können. Ich
comme darauf gleich noch zurück. Was die Saarkohle anveht,
 so muß sie in ihrer augenblicklichen großen Absatznot
ırch die an sich noch nicht ausreichende Frachtverbilligung
ıls höchst willkommen ansehen und. kann erhoffen, daß
je etwas helfen wird. Wenn darüber hinaus geholfen werden
‚ll, dann erscheint uns eine weitgehende Verständigung
‚wischen Frankreich, als dem jetzigen Kohlengrubenbesitzer,
ınd den: Deutschen Reich, als dem künftigen Wiederbesitzer und
:ugleich dem unentbehrlichen Hauptabnehmer, erforderlich,
ne Verständigung, die natürlich auch von französischer Seite
Zugeständnisse erfordern müßte, weil der Ahsatz der Saar-<ohle
 nach Deutschland naturgemäß Absatzmöglichkeiten der
ibrigen deutschen Kohlengebiete in Anspruch nehmen würde,
Wir glauben aber, daß beide Partner zu einer solchen Ver-‚tändigung
 bereit sein müßten, weil eine solche Saarkohlen-»olitik
 — ich möchte sie eine aktive nennen — den einen
Teil von ger Sorge um seinen Kohlenabsatz, den anderen von
jer Sorge um die deutschen Saarbergarbeiter und die ganze
ındere saarländische Bevölkerung befreien würde. Die Ver-‚tändigung,
 die man sich nicht weitgehend genug denken
<ann, wäre auch sicherlich ein wichtiger Markstein auf dem
Veoxe der Befriedung Europas. Man vergleiche mit dieser
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.