Full text : 32.1927 (0032)

wirtschaft in Schwierigkeiten käme. Ich glaube, daß man
diese Auffassung nicht zu teilen braucht. Die Erzfrage hat,
weil Erz zollfrei ist, mit der Verschiebung der Zollgrenze
an sich nichts zu tun. Andererseits glaube ich nicht, daß
die Erzerzeuger in Lothringen, für die doch auch ein Erzabsatzproblem
 besteht, so schlechte Kaufleute sind, daß sie
durch Lieferungsverweigerung oder Preiserhöhung einen ihrer
ganz großen Abnehmer erledigen würden, nur deshalb, weil
er nicht mehr ihrem Zollgebiet angehört und weil die Bevölkerung
 des Saargebietes die Rückgliederung ins übrige
Deutschland durch Abstimmung herbeigeführt hat. Was die
Brotversorgung des Saargebietes angeht, worunter Herr Bommelaer
 sicherlich auch die ganze Lebensmittelversorgung versteht,
 so ist das natürlich ein verwickelteres Problem, denn
hierbei hat, weil ein Zoll erhoben wird, die Verlegung
der Zollgrenze Einfluß, und hierbei sind auch zweifellos
Unterschiede im Preis des deutschen und des französischen
Lieferanten gegeben. Ich will auf alle Einzelheiten, die
hier zu erwähnen wären, nicht eingehen. Betonen will ich
nur, daß die Auswirkung der Rückgliederung auf diesem
Gebiet davon abhängt, wie es in dem gegebenen Zeitpunkt
mit der Entwicklung der deutschen Landwirtschaft und ihrem
Zollschutz aussieht, und weiter, daß auch vor dem Krieg ein
Unterschied in den Lebensmittelpreisen zwischen Deutschland
 und Frankreich bestand und daß trotzdem die Saarwirtschaft
 innerhalb des teueren deutschen Zollgebietes aufblühen
 konnte. Hierbei spielt eben der innere Markt eine
entscheidende Rolle,
Jedenfalls glaube ich zusammenfassend sagen zu können,
daß das Harakiri nicht sa schlimm sein wird, als daß die
S5aarwirtschaft nicht nach der Rückgliederung in der Lage
wäre, sich ebenso wie Madame Butterfly nach gefallenem
Vorhang in etwas angegriffenem, aber sonst doch ganz gesundem,
 lebensfähigem Zustand vor dem Publikum Europa
zu zeigen, und wir handeln andererseits ganz richtig, wenn
wir uns gegen das Gehängtwerden — hier glaube ich wieder
mit Herrn Bommelaer einig zu sein — solange unter dem
Galgen auf einen hohen Stuhl stellen, den die Saarzollabkommen
 hoffentlich darstellen werden, bis wir vom Strick
endgültig abgeschnitten werden.
Wenn ich das Bezugsproblem vorhin — und zwar auch
mit Hinblick auf den Bezug aus dem übrigen Deutschland
— als in zweiter Linie kommend bezeichnet habe, so bin
ich mir dabei, wie ich auch schan ausführte, der Wichtigkeit
desselben bewußt, wie sie ja auch in allen unseren Kundgebungen,
 vor allem auch in der Ihnen vom Vorstand vorgeschlagenen
 Entschließung deutlich zum Ausdruck kommt.
Ich darf diese Wichtigkeit noch einmal von einem besonderen
 Gesichtspunkt unterstreichen. Nach der soeben
bekanntgewordenen Statistik über die ersten neun Monate
dieses Kalenderjahres führt das Saargebiet für rund 220
Millionen Reichsmark jährlich nach dem übrigen Deutschland
aus, während ungefähr umgekehrt die Einfuhr aus dem
übrigen Deutschland nach dem Saargebiet nicht ganz den
dritten Teil davon beträgt. Im Handelsverkehr des Saargebietes
 mit Frankreich ist die Lage umgekehrt. Es existieren
darüber keine genauen statistischen Zahlen. Die letzte Statistik
 über dem Verkehr stammt aus dem Jahre 1924, al
noch eine saarländisch-französische Zollgrenze bestand. An
neueren Statistiken könnte höchstens die Eisenbahnverkehrsstatistik
 in Frage kommen, die nur Mengen, aber keine
Wertzahlen enthält und die außerdem deshalb mangelhaft ist,
weil Empfang und Versand auf den von Frankreich in Besitz
genommenen sogenannten Querbahnen nach Völklingen, Bous
und Dillingen, ferner der Post- und der Autoverkehr nicht
erfaßt sind. Der Kanmalverkehr läßt sich selbstverständlich
hinzurechnmen. Beide Statistiken leiden daran, daß der Imund
 Export im Transit durch Frankreich, vor allem über
die französischen Häfen, nicht erscheint, wobei für die
französische Zollstatistik aus dem Jahre 1924 insbesondere
noch der Mangel ins Gewicht fällt, daß der Verkehr über
Wintersdorf und Kehl mit dem übrigen Deutschland als saar-Händisch-französischer
 Warenaustausch auftritt; ferner ist bei
cer letzterem Statistik noch zu beachten, daß bei ihr die
Camalige Einfuhr französischer Waren nach dem übrigen
Deutschland auf dem Umweg über das Saargebiet als saarlindisch-französischer
 Verkehr erscheint. In der Zollstatistik
von 1924 erscheint die Einfuhr von Frankreich nach dem
Saargebiet mit 1,3, die Ausfuhr aus dem Saargebiet nach
Frankreich mit 1 Milliarde, Nach Schätzung französischerseits
 ist die Einfuhr von Frankreich nach dem Saargebiet inzwischen
 ‚auf 1,8 oder sogar auf 2 Milliarden gewachsen.
Diese Zahl läßt sich statistisch weder belegen noch vor
allem beweisem. Die Ausfuhr des Saargebietes nach Frankreich
 ist demgegenüber, auf Gold berechnet, sicher gefallen
und in Papierfranken sicher kaum gestiegen. Die Einfuhr von
Frankreich nach ‘hier setzt sich zusammen ‘hauptsächlich
aus den Erzbezügen, aus Lebensmitteln und aus Fertigwaren
für den täglichen Gebrauch, vornehmlich Textilien. Demgegenüber
 besteht die Ausfuhr hauptsächlich aus Kohle

allein 0,5 Milliarden), der Rest aus den Erzeugnissen der
:aarländischen Industrie, die über den schlechten Gang des
ranzösischen Geschäfts klagt und auch auf die Dauer einen
yroßen Absatz nicht zu erringen hofft, jedenfalls aber den
nengenmäßigen Absatz aus dem Jahre 1924 aus den schon
rüher geschilderten Gründen längst nicht mehr erreicht. Man
seht wohl nicht fehl, wenn man die Einfuhr Frankreichs
tach dem Saargebiet, wenn auch längst nicht mit der Zahl
:on 2 oder 1,8 Milliarden, aber jedenfalls mit dem Doppelten
jer Ausfuhr des Saargebietes nach Frankreich beziffert. Es
ırgibt sich hieraus, daß Frankreich auf dem Wege über das
yaargebiet indirekt eine überaus starke Ausfuhr nach Deutschand
 hat, weil seine Handelsbilanz gegenüber dem Saargebiet
ınd ebenso dessen Handelsbilanz gegenüber Deutschland
ıktiv ist. Und es folgt weiter daraus, ein wie großes
genes Interesse Frankreich hat, die Ausfuhr des Saargebietes
ıach dem Reich zu sichern und wie sich die gemeinsamen
Zinfuhrwünsche des Reichs und des Saargebietes für die
Zinfuhr deutscher Waren nach hier mit den französischen
nteressen die Wage halten. Wenn Frankreich durch die
:chwebenden Handelsvertragsverhandlungen die Ausfuhrmögichkeiten
 des Saargebietes nach Deutschland sichert, dann
zanım es ohne jede Schmälerung seiner Handelsbilanz eine
>ntsprechende Einfuhr deutscher Waren in das Saargebiet zuassen.
 Ich darf hier an ein Wort erinnern, das Herr
jerruvs vor wenigen Tagen in einer Versammlung der fran-‚ösischen
 Landwirtschaft ausgesprochen hat, daß nämlich
ler Wunsch zu exportieren bei den ganzen Verhältnissen
lies internationalen Warenaustausches die Notwendigkeit mit
sich bringe, auch den Import hereinzulassen, eine Wahrheit,
lie die französische Landwirtschaft nicht allenthalben bezriffen
 habe, Wir wollen hoffen, daß hinsichtlich des Saarrebietes
 sich die gesamte französische Wirtschaft, die über
las Saargebiet indirekt nach Deutschland exportiert, aber
ns Saargebiet von drüben nichts hereinlassen will, auf die
'on Herrn Serruys ausgesprochene Wahrheit besinnt.
Eine besonders interessante Seite des Zollproblems ist der
on mir schon angedeutete Zusammenhang mit dem Ratiosalisierungsproblem.
 Mechanisierung und Rationali-;jjerung
 erfordern einen möglichst breiten inneren Markt.
Am deutlichsten wird das naturgemäß bei denjenigen Firmen,
lie früher unter Verzicht auf Exportwünsche nur einen be-;chränkten
 inneren Markt, das heißt einen lokalen Absatznarkt
 notwendig hatten. Wenn vorher eine Fabrik mit
50 Erzeugnissen den Bedarf des kleinen Gebietes an diesen
5x0 Erzeugnissen zu befriedigen in der Lage war, dann muß
sc, wenn sie ihre Erzeugnisse auf 5 Typen beschränkt
ınd unter der Voraussetzung, daß gleichzeitig eine Veringerung
 des Typenbedarfs beim Verbraucher auf die Hälfte
»rreicht wird, zur Erhaltung ihres Umsatzes einen fünfmal
zrößeren Markt haben, weil sie in ihrem bisherigen Absatz
ıur mehr ein Fünftel ihrer Erzeugung absetzen kann, während
lie übrigen vier Fünftel künftig von anderen ebenfalls typi-;erten
 Firmen bedacht werden. Das vollzieht sich reibungsos,
 wenn ein großer innerer Markt zur Verfügung steht.
Venn die Firma beispielsweise früher ein Fünftel des deutchen
 Absatzes belieferte, so kann sie auch jetzt — allerlings
 nun nicht mehr ein geographisches, sondern. ein mengennäßiges
 — Fünftel des deutschen Bedarfs decken. Es erhellt
aus dem Beispiel, daß Typisierungsentwicklung der Industrie
les Saargebietes nur möglich ist, wenn ihm ebenfalls ein
rroßer innerer Markt gesichert ist. Nun stößt aber beim
Absatz auf dem französischen Markt solche Typisierung
auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Schon in Deutschland
nit einheitlichem Geschmack und Normung ist die Sache
‚schwierig. Völlig unmöglich würde es einer saarländischen
'ndustrie sein, mit Rücksicht gleichzeitig auf saarländische
— also deutsche Geschmacksrichtung und Normung — und
auf entsprechende französische zu typisieren. Gerade aus
liesem Grunde kann nur der innere deutsche Markt helfen,
ınd hier liegt der Ursprung dafür, daß saarländische In-Justrien,
 die früher rein Örtlich waren und daher von der
Zollgrenze gar nicht berührt zu sein schienen, oder die sich
zerade mit Rücksicht auf Entwickelung eines saarländischen
nneren Marktes nach der Zollabgliederung aufgebaut hatten,
jeute die unabweisbare Notwendigkeit empfinden, zwecks
Typisierung den deutschen Markt zur Verfügung zu erhalten,
ine Notwendigkeit, an die vor drei oder vier Jahren noch
cein Mensch gedacht hst. Als Beispiel nenne ich nur die
Textil- und die Möbelindustrie des Saargebietes. Daß alle
liese Industrien, deren Beispiele ich vermehren könnte, einen
»esonderen Wert als Konjunkturausgleich besitzen, sei nebenjei
 erwähnt, ebenso, daß die Zahl der darin beschäftigten
Arbeiter und, was besonders wichtig erscheint, Arbeiterinnen,
ıuf etwa 8000 zu schätzen ist. Die Schwierigkeiten, mit
lenen diese "Industrien zu kämpfen haben, erhellen am
jesten daraus, daß Konkurrenzindustrien im übrigen Deutschand,
 die vermöge des starkem innerem deutschen Marktes
'ypisiert sind, trotz des Zolles im Saargebiet konkurrenz-‘ähig
 sein können. Die Rettung besteht natürlich nicht in
            
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