Full text : 32.1927 (0032)

Haupfversammlang des Wirlsmaifligien Vereins, ges Arbeitgekerverhandes
ger Saarindusirie und Ges Verbandes zur Wahrung der Inferessen
der Befriehskrankenkassen im Saargehigf,

Am 3. Dezember 1927 fand die gemeinsame
Hauptversammlung des Vereins zur Wahrung der
gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen im Saargebiet,
 des Arbeitgeberverbandes der Saarindustrie
und des Verbandes zur Wahrung der Interessen der
Betriebskrankenkassen im Saargebiet statt. Den
Bericht über den geschäftlichen Teil, der hauptsächlich
 die Erledigung von Regularien betraf, mußten
wir wegen Raummangel für die nächste Nummer
unserer Zeitschrift zurückstellen. Hervorzuheben ist,
daß einstimmig beschlossen wurde, Herrn Kommerzienrat
 C. Roth zum Ehrenmitglied des Vereins
zu ernennen.
In dem anschließenden öffentlichen Vortragsteil
begrüßt der Vorsitzende, Herr Dr. Max von Vope-Fius,
 Sulzbach, zunächst die Vertreter der Behörden
 sowie insbesondere Herrn Geheimrat Kast!
und Herrn Dr. Herle vom Präsidium des Reichsverbandes
 der Deutschen Industrie und Herrn
Dr. Buchmann vom Verein Deutscher Eisen- und
Stahlindustrieller. Sodann teilt Herr Dr. v. Vopelius
der Versammlung den Beschluß mit, Herrn Kommerzienrat
 C. Roth zum Ehrenmitglied des Vereins
 zu ernennen. Herr Kommerzienrat Roth
habe dem Verein seit seiner Gründung vor 45
Jahren als Vorstandsmitglied angehört und seinen
Arbeiten stets lebhaftes Interesse und tatkräftige
Unterstützung entgegengebracht. Er sei der einzige
noch lebende Gründer des Vereins. In bewegten
Worten dankt Herr Kommerzienrat Roth für die ihm
durch die Ernennung zuteil gewordene Ehre. Der
Vorsitzende fährt dann wörtlich fort:
„Meine sehr verehrten Herren!
Die Anwesenheit unserer verehrten Gäste vom Reichsverband
 der Deutschen Industrie gibt mir Gelegenheit, Stellung
 zu nehmen zu einer Frage, welche seit der Tagung
des Reichsverbandes in Frankfurt weite Kreise der deutschen
Wirtschaft beunruhigt. Herr Geheimrat Bücher hat in seinem
außerordentlich interessanten Vortrag in Frankfurt auch über
das Anwachsen der zusammengeschlossenen Großindustrie
und das Absterben der kleineren und mittieren Privatindustrie
geredet, Die Art, wie er die Sache zum Ausdruck gebracht
hat, sprach geradezu der mittleren und kleineren Industrie
heute schon ihre Existenzberechtigung ab. Solche Darlegungen,
 die weit über das Ziel hinausschießen, sind geeignet,
große Unruhen hervorzurufen. Sie sind um so mehr zu bedauern,
 als sie aus dein Munde eines Mannes kommen, der
als früheres Präsidialmitglied des Reichsverbandes und als
hochgebildeter und sehr kluger Mann Anspruch darauf machen
darf, gehört zu werden. Herr Bücher darf als Autorität in
wirtschaftlichen Fragen angesehen werden, Darum besteht
Gefahr, daß seine Ausführungen suggestive Wirkungen erlangen
 und mancher wirklich glaubt, das Ende seiner Selbständigkeit
 stünde bevor. Mit mir wehren sich aber alle
mittleren und kleineren Unternehmer gegen die Preisgabe
ihrer Selbständigkeit und das Unterwerfen ihrer Individualität
unter eine größere Wirtschaftsform. Der Gedanke, in Jahrzehnten
 und vielleicht Jahrhunderten Ueberkommenes aufgeben
 zu sollen, ist unerträglich. Schon aus psychologischen
Gründen dürfte mit derartigen Möglichkeiten nicht gespieli
werden. Ich nehme an, daß Herr Bücher auf der Frankfurter
Tagung rein persönlich und nicht im Sinne des Präsidiums
des Reichsverbandes gesprochen hat. Ich wäre Herrn Geheimrat
 Kast! zu besonderem Dank verpflichtet, wenn er
dieser Ansicht in seinen späteren Ausführungen beitreten
wollte, um dadurch auch eine wesentliche Beunruhigung auch
in den Reihen unserer Wirtschaft zu beseitigen.
Nach diesen kurzen Worten, die im wesentlichen dazu
dienen sollten, vorhandene Mißverständnisse und irrige Anschauungen
 zu beseitigen, möchte ich kurz noch auf einzelne

Vorgänge eingehen, die sich hier im Saargebiet in der letzten
Zeit ereignet haben und die eine Kritik in der Oeffentlichkeit
‚erlangen,
Wir haben in den letzten Tagen den Abschluß eines Streiks
n der Hüttenindustrie erlebt. Die Regierungskommission hat
jich zum erstenmal seit ihrein Bestehen aktiv an dem Abschluß
 dieses Streiks beteiligt, und wir dürfen unserer Freude
jarüber Ausdruck geben, daß sic die Initiative gefunden hat
und daß es ihrer Vermittelung gelungen ist, den Streik zu
Znde zu bringen.
Zweitellos wird an dem Verfahren von mancher Seite Kritik
zeübt werden; aber ich glaube, wir haben mehr Veranlassung,
uns über den Beschluß zu freuen als Kritik zu üben. Was
besonders bei der Auslassung der Regierung von Wert ist, ist
ler Hinweis, daß die gegenwärtige wirtschaftliche Lage
jes Saargebietes, nicht zuletzt auch die Jerzeitigen Währungsınd
 Teuerungsverhältnisse eine gewisse Festigkeit der gegenvärtigen
 Arbeitsverhältnisse erforderlich macht und daß dem->ntsprechend
 die getroffene Regelung bis zum 31. Mai 1928
Jühigkeit haben soll. In dieser Festsetzung der Regierungs-<ommission
 liegt die Anerkennung der ungesunden und verdesserungsbedürkügen
 Wirtschaftsverhältnisse im Saargebiet
ınd die Forderung, Maß und Ruhe zu bewahren und durch
<einerlei Experimente, ganz gleich welcher Art, die Wirtschaftlichkeit
 des Saargebietes zu gefährden. Wir freuen uns
iber diese Erkenntnis der Regierungskommission und wünschen,
 daß sic sie auch auf anderen Gebieten zur Durch-‘ührung
 bringt.
Ich bedauere, feststellen zu müssen, daß trotz allem die
;tellungnahme der Regierungskommission noch manches zu
yünschen übrig läßt.
Wir haben vor einigen Wochen eine französisch-saarlänlische
 Wirtschaftskonferenz hier im Saargebiet beobachtet,
lie unter dem Protektorat des französischen Handelsministers
ınd der Regierungskommission des Saargebietes ihren Wünschen
 und Sorgen in bezug auf das Saargebiet Ausdruck gezeben
 hat. Mehrere hundert hervorragende Mitglieder des
'ranzösischen Wirtschaftslebens hatten sich hier zusammengeunden,
 um zu überlegen, wie sie ihren Warenabsatz nach
lem Saargebiet aufrechterhalten und wie sie ihr Eigentum
m Saargebiet schützen können. Der Warenabsatz nach dem
Saarpebiet wurde in diesem Kongreß auf 1800000000 Fr.
zeschätzt, und es ist zu verstehen, daß unsere französchen
 Nachbarn nur ungern, wenn auch nur einen Teil
tieses Warenabsatzes verlieren möchten, Der deutsche Wett-»ewerb
 im Saargebiet wird nach Abschiuß der Handels-‚erträge
 als außerordentlich störend in Frankreich empfunden.
%Aan hat aber auf der Konferenz nichts gefunden, was in der
„age ist, diesen Wettbewerb auszuschalten und die Mittel,
velche man glaubte anführen zu können, sind doch sehr
ichwach. Man hat das Zugeständnis gemacht, daß mit aller
/orsicht vorgegangen werden muß, den Wert des privaten
ınd nationalen französischen Besitzstandes im Saargebiet zu
»ewahren, daß einseitige Maßnahmen nicht zu dem gevünschten
 Zielc führen können, daß die Aufrechterhaltung
les jetzigen Zustandes nur durch die Freiheit des Handels
zwischen Deutschland und Frankreich gewährleistet werden
sarnn und daß das Saargebiet vor allen Dingen nicht der
Spielball politischer Kompromisse werden darf. Es liegt
;ehr viel Schwäche in diesem Zugeständnis, die Schwäche
ıämlich, daß die ganze französische Einfuhr nach dem Saarzebiet
 und daß das ganze französische Besitztum im Saarzebiet
 nichts Naturgebundenes ist, sondern eine künstliche Er-;cheinung,
 die man nur schwer zu verteidigen vermag. Wenn
‚udem noch ein hervorragendes Mitglied dieses Kongresses
las einzige Heil der Saareisenwirtschaft glaubt darin sehen zu
nüssen, durch eine starke Verbilligung der Exporttarife nach
len französischen Häfen die Wirtschaft wieder zu beleben,
;o darf dadurch die Unzulänglichkeit der jetzigen Veryundenheit
 des Saargebietes ınit dem französischen Wirtichaftsgebiet
 cinwandfrei bewiesen sein. Und wenn endlich
zesagt worden ist, daß das Saargebiet als Land ohne Brot
ind ohne Erze überhaupt micht mehr lebensfähig wäre,
venn es an Deutschland zurückgegliedert würde, so dürfen
vir über eine solche Argumentation mit einem stillen Lächeln
ınweggehen. Alles in allem war dieser französisch-saarlänlische
 Wirtschaftskongreß ein Fehlschlag, darüber hilft auch
lie Begeisterung der französischen Presse. die einen großen
Zrfole konstruiert. nicht hinweo
            
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