Full text : 32.1927 (0032)

zu umgehen sein, bei den kommenden Verhandlungen
 diesen eigenartigen Verhältnissen Rechnung zu
tragen.
Ein weiterer, vielleicht noch wichtigerer Zusammenhang
 zwischen Aus- und Einfuhr besteht auf
dem Gebiete der Produktionsmittel. Es war
einer der bedeutsamsten und erfreulichsten Fortschritte
 auf dem Wege zur Lösung des Saarzollprobiems,
 daß dieser Frage durch das mit dem Begriff
 „Maschinenformel“ gekennzeichnete Verfahren
bereits im Vorjahre in gewissem Umfange Rechnung
 getragen worden ist. Man darf heute, nachdem
 dieses Verfahren etwa ein Jahr praktisch erprobt
 wurde, sagen, daß es.sich in seinen Grundzügen
 bewährt hat. Wenn die erste Fassung noch
manche berechtigte Wünsche unerfüllt ließ, so wird
es jetzt Sache der Verhandiungen sein, Abhilfe zu
schaffen und die Maschinenformel sowohl textlich
als auch hinsichtlich der in Betracht kommenden
Positionen auszugstalten und zu ergänzen. Dazu
tritt als neues und vom Standpunkt der Saarindustrie
wenig erfreuliches Moment die Tatsache, daß der
im Vorjahre für die wichtigsten Maschinenpositionen
gewährte Minima’'tarif durch die Liste B des deutschfranzösischen
 Abkommens zumeist eine fühibare Erhöhung
 erfahren hat, die für die Saarindustrie um
so unerträglicher ist, als schon der Minimaltarif
eine sehr unerwünschte Verteuerung der Gestehungskosten
 bedeutet. Eine wirklich befriedigende
 Lösung würde daher nur in völliger Zollbefreiung
 aller Maschinen zu erblicken sein. Soweit
 dies nicht erreichbar ist, wird’ man von der
Französischen Regierung erwarten dürfen, daß sie
der schwierigen Lage der Saarindustrie wenigstens
durch Wiederherstellung des Zollniveaus vor Inkrafttreten
 des deutsch-französischen Vertrages
Rechnung trägt. Wenn man sich vor Augen hält,
welchen Bedarf an Maschinen die Saarindustrie,
die größtenteils jetzt erst in das Stadium der Rationalisierung
 eintritt, in der nächsten Zukunft haben
wird, so braucht über die Bedeutung dieser Frage
kein Wort mehr verloren zw werden.
Die dritte Gruppe der Einfuhranträge betriffi
schließlich Wünsche der Verbraucherschaft, deren
Befriedigung durch den Handel erfolgt. Soweit es
sich hierbei um Erzeugnisse handelt, für die im
Hauptvertrag der Minimaltarif noch nicht erreicht
wurde, die also entweder immer noch dem Generaltarif
 oder einem Zwischentarif (Liste C des Hauptvertrages)
 unterliegen, erübrigt sich eine weitere
Begründung dieser Anträge. Besondere Widerstände
werden dagegen bei denjenigen Wünschen zu erwarten
 sein, die auf Zollfreiheit oder Ermäßigung
des Minimaltarifs abzielen, zumal es oft nicht leicht
ist, dem Außenstehenden und mit den hiesigen
Verhältnissen nicht Vertrauten ihre Berechtigung
überzeugend nachzuweisen. Französischerseits glaubt
man, bei Gewährung dieser Anträge eine Beeinträchtigung
 der eigenen‘ Absatzmöglichkeiten befürchten
 zu müssen. Demgegenüber muß betont
werden, daß es sich bei der überwiegenden Mehrzahl
 der Fälle um Waren handelt, die entweder
vom übrigen Deutschland oder, wenn dies durch
prohibitive Zölle unmöglich gemacht wird, überhauptnicht
 eingeführt werden. Eine Beeinträchtigung
 der französischen Absatzmöglichkeiten tritt
also nicht ein, höchstens ein Minderverbrauch an
Waren im Saargebiet. Bei dieser Sachlage, deren
Richtigkeit jeder Kenner der Verhältnisse bestätigen
 kann, wird dem französischen Widerstand jede
tatsächliche Berechtigung entzogen. Es kommt hinzu,
 daß man von der deutschen Wirtschaft bei

ihrem Produktionsüberschuß nicht gut verlangen
kann, daß sie viele Tausende von Tonnen Saarändischer
 Waren aufnehmen und den französischen
Markt damit wesentiäch entlasten soll, während sie
zeibst so gut wie nichts nach dem Saargebiet ver-<aufen
 kann. Im übrigen weiß man in Frankreich
vie auch insbesondere im benachbarten Elsaß-Lothingen
 ganz genau, daß für den Absatz nach dem
Saargebiet seibst nach Gewährung aller gestellten
Anträge noch genug übrig bleibt. Die Erfahrungen,
die die saarländische Kaufmannschaft mit der französischen
 Zollgesetzgebung gemacht hat, bürgen
dafür, daß bei gleichem Preis und gleicher Qualität
 in jedem Falle nach denjenigen Waren gezriffen
 wird, die aus dem Zollinland bezogen werjen
 können.
Weit klarer und weniger verwickelt liegen die
Dinge hinsichtlich der Ausfuhr nach dem
Reichszollgebiet. Die Verknüpfung der Saaradustrie
 mit dem deutschen Absatzmarkt im Zuzsammenhang
 mit der französischerseits dringend
zewünschten Entiastung des eigenen Wirtschaftsiystems
 waren ja gerade die Triebfeder für das
Zustandekommen der beiden Teilabkommen des
Vorjahres, durch die für die vier Hauptindustrien
der Weg zu den altgewohnten Absatzgebieten frei
ınd damit ihre Rückgederung in das deutsche
Wirtschaftssystem praktisch vollzogen wurde. Was
ıun noch zu tun übrig bleibt, ist die Ausdehnung
ler für die Schlüsselindustrien gefundenen Regelung
auf die übrigen mittleren und kleineren Industrie-‚weige,
 die, von Ausnahmen abgesehen, bis jetzt
ınberücksichtigt geblieben sind und zum Teil seit
iber zwei Jahren notgedrungen von der Zollstuniung
 Gebrauch machen mußten, um sich ihre Exi-;tenzfähigkeit
 zu bewahren. Es ist allerhöchste Zeit,
laß diesem Schwebezustand, der für die betemig-‚en
 Unternehmungen schmerzliche Belastungen und
Jnzuträglichkeiten mit sich brachte, baldigst abzehoifen
 wird. Daneben gibt es eine Reihe in-Justrieiler
 und auch handwerklicher Betriebe, die
angesichts der Höhe der deutschen Zollsätze sogar
‚on der Möglichkeit der Zollstundung sich ausge-‚schaltet
 sahen und für die daher eine endliche
3eseitigung der Zollschranken besonders dringlich
st. Im übrigen zeigt der beträchtiiche Umfang,
len die Liste der Ausfuhrwünsche gerade im Laufe
les letzten Jahres angenommen hat, daß an die
Stelle der früher vielfach beklagten Einseitigkeit
ler industriellen Struktur des Saargebietes eine erfreuliche
 Vielseitigkeit getreten ist, die aus mehr
ıls einem Grunde begrüßt werden muß. Sind doch
lurch die Entstehung einer Textil-, Tabak- und
Dapierindustrie, um nur einige Beispiele zu nennen,
wertvolle neue Beschäftigungsmöglichkeiten für die
n unserem Revier zahlreich vorhandenen weiblichen
Arbeitskräfte geschaffen worden. Einen unverkennaren
 Aufschwung hat ferner, wie die große Zahl
der antragstellenden Betriebe beweist, zweifellos
ldieecisen-und metallverarbeitenden Inidustrie
 zu verzeichnen. Denken wir ferner an
die in den letzten Jahren erstarkte Möbel- und
YHolzverarbeitungsindustrie, an Seifen- und Lederwerke,
 an die zahlreichen Unternehmungen der Lebensmittelbranche.
 Sie alle sind heute in der
zleichen Lage wie ihre größeren Brüder. Für alle
st das Saargebiet zu klein, um ihre Produktion
ıufnehmen zu können; alle haben in den letzten
Jahren die gleichen bitteren Enttäuschungen mit
den Absatzmöglichkeiten in Frankreich machen müssen.
 Die Tatsache, daß Frankreich im
Saargebiet wohl verkaufen, aber nicht
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.