denn auch Mitglieder und Gäste dem Rufe des Vereins gefolgt;
annähernd 2000 Besucher hatten sich am Eisenhüttentage
in Berlin zusammengefunden zu einer schon rein äußerlich
so machtvollen Kundgebung der Eisenhüttenindustrie,
wie Sn des Reiches Hauptstadt wohl noch nie zuvor geschen
hat.
Im Anschluß an scine Begrüßungsansprache berichtete der
Versitzende, daß der Herr Reichspräsident am Tage
zuvor eine Abordnung des Vereins empfangen habe, um sich
persönlich über die Lage der deutschen Eisenindustrie und
die Arbeiten des Vereins deutscher Eisenmhüttenleute unterrichten
zu lassen; er überbrachte der Versammlung, die seine
Mitteilungen mit stürmischem Beifall entgegennahm, die Grüße
des greisen Reichsoberhauptes, Die Worte des Vorsitzenden
klangen aus in eine begeisterte Huldigung der Eisenhüttenteute
an Hindenbure,
Alsdann gedachte der Vorsitzende mit ehrenden Worten
der seit der letzten Hauptversammlung verstorbenen Mitglieder
des Vereins, Er schloß diesen Teil seiner Ansprache
mit einem warmhberzigen Nachruf für Dr. Beumer, den in
langjährizer Zugehörigkeit zum Vorstande bewährten Freund
und Weggenossen der, deutschen Eisenhüttenleute, den sie im
Dezember 1924 zum Ehrenmitgliede ernannt hatien. Die
Anwesenden echrten das Andenken der Heimgegangenen durch
einen Augenblick stillen Verweilens,
In seinem nachfolgenden Vortrage behandelte
Dr. Vögler das Thema „Stahl und Eisen und die
deutsche Wirtschaft‘‘.
„Der Redner unterstrich zunächst die Bedeutung
der Tatsache, daß die deutschen Eisenhüttenleute
zum ersten Male seit 70 Jahren in Berlin tagen, und
ging dann näher auf das Programm der Provinz
und Reichshauptstadt ein. Ein Reich wie das
deutsche brauche eine starke Metropole als geistigen
Mittelpunkt. Berlin sei das große Sammelbecken
aller geistigen Strömungen, aber auch die überstiegenste
Idee finde hier einen Nährboden. Die
nervöse Steigerung aller Probleme in Berlin wirke
durch Parlament, öffentliche Meinung, Regierung
auf das Land zurück. Psychologisch genommen
sei die deutsche Reichsverfassung auf der Berliner
Metropole aufgebaut. Es sei schwer, sich aus der
Verschiedenheit der Atmosphäre heraus zu verstehen.
Inneriich sei man oft weiter voneinander
entfernt, als die geographische Reichweite es ausdrücke.
Deshalb sei es von der größten Bedeutung,
daß man sich gegenseitig um die Schaffung eines
verständnisvollen inneren Verhältnisses zwischen der
Reichshauptstadt und dem Lande bemühe. Dann
würden auch nicht so viele Reibungen zwischen
dem grünen Tisch der Gesetzgebung und der wirtschaftlichen
Praxis entstehen. Die deutsche Eisenindustrie
könne auf Grund ihrer Leistungen in 50-jähriger
Entwicklung ein größeres Maß von Dispositionsfreiheit
verlangen.
Dr. Vögler schilderte dann die qualitative Leistungssteigerung
der deutschen Eisenindustrie.
Wenn man davon ausgehe, daß das Eisen in etwa
30 Jahren als Alteisen aus dem Verbrauch zurückkehre,
so könne man die Menge des in der deutschen
Volkswirtschaft arbeitenden Eisens auf etwa
200 Millionen Tonnen berechnen. Diese Zahl gebe
einen Begriff von der Fülle der Aufgabe.
Der Vortragende führte nun Beispiele über die
Qualitätsverbesserungen im Maschinenbau, beim
Dampfkessel, bei der Eisenbahn an. Die gemachten
Fortschritte seien nur durch engste Zusammenarbeil
von Wissenschaflt und Technik erreicht worden.
Eisenhüttentechnik sei angewandte Wissenschaft.
In der Heranbildung der notwendigen qualifizierten
Kräfte, in der Förderung der Spezialwissenschaften
habe die deutsche Eisenindustrie eine aufbauende
kulturelle Arbeit von bleibendem Werte geleistet.
Die glänzende Entwicklung der Naturwissenschaften
sei die Grundlage für die Erfolge der Eisenhüttentechnik
gewesen.
Von der Technik zur Eisenwirtschaft übergehend,
»etonte Dr. Vögler, daß wirtschaftlich keine stetige
\ufwärtsentwicklung festzustellen sei. Die heutigen
Verhältnisse seien noch zu. wenig gesichert, als
laß man daraus schon eine schlüssige Beurteilung
ıbleiten könne. Man müsse sich vergegenwärtigen,
auf welchen Grundlagen die deutsche Eisenindustrie
nm der Zeit des Bismarckschen Reiches aufgebaut
worden sei. Der gewaltige Fortschritt zwischen
1890 und 1913 von 4,6 Millionen Tonnen Roheisen
auf 19,3 Millionen Tonnen sei vor allem dem Thonasstahlverfahren
und der Lothringer Minette zu
lanken gewesen. Auf dieser Erzbasis konnte sich
lie deutsche Eisenindustrie einen neuen Standort
schaffen, nachdem sie finanziell soweit erstarkt war,
laß sie das Vertrauen des deutschen Kapitalmarktes
wiedergewonnen hatte. Diese Ausdehnung der deutschen
Eisenindustrie sei dem Verbrauch durch eine
sehr ruhige Preisbehandlung, der Arbeiterschaft
durch eine stetige Lohnsteigerung zugute gekomnen.
Monopolistische Markttendenzen, Mißbrauch
ler Kartelle seien nicht nachzuweisen, im Gegen-;eil,
der deutsche Eisenzoll sei nur in Zeiten
schwerer Depressionen ausgenutzt worden.
Wie sind wir nun — so fragte der Redner —
zus Krieg, Revolution, Inflation und Ruhrbesetzung
1ervorgegangen? Die Krisis des Jahres 1925, in
ler alte deutsche Montanunternehmungen finanziell
scheiterten und die übrigen stark verschuldet wurlen,
haben bewiesen, daß die deutsche Eisenindu-;trie
nicht mit Gewinnen, sondern mit schweren
Schäden aus diesen anormalen 10 Jahren hervorgezangen
sei. Aus der Not entstand, wie in früheren
Zeiten, der Gedanke der Konzentration und der der
Rationalisierung. Wenn man sich über die Lage
ler deutschen Eisenindustrie schlüssig werden wolle,
lann müsse man davon ausgehen, daß die Erzbasis
ınd die ‚.Lothringer Werke verioren seien. Heute
nüsse man gegen diese modernsten Werke, die
20 Mark in den Selbstkosten besser lägen, konkurjeren.
Die Schaffung eines neuen Erzbesitzes sei
äne Kapitalfrage, wobei die Rendite schr zweifelıaft
sei. Nehme man zu diesem Verluste noch
die Vorbelastungen aus dem Dawes-Abkommen
an höheren Frachten, höheren Sozialaufwendunzen,
höheren Löhnen, so ergebe sich eine schwierige
Lage der deutschen Werke, vor allem hinsichtlich
les Exportes. Mit der Rationalisierung könne man
auch nur insoweit auf Erfolg rechnen, als das ent-;prechende
Kapital investiert werde, Die Grundage
der Rentabilität dürfte durch gesetzgeberische
Experimente nicht zerstört werden. Darüber müsse
lie Regierung Klarheit schaffen. Wissenschaft,
Technik und Wirtschaft nützten nicht, wenn die
Politik nicht die psychologischen Voraussetzungen
‘ür eine ruhige wirtschaftliche Entwicklung schaffe.
Wir stünden heute in einer neuen Lohn- und Preisjewegung,
die uns auf eine ganz falsche Bahn zu
enken drohe: Arbeit, Freude an der Arbeit sei
ıber das einzige Mittel für uns, um aus der schweren
‚wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lage
herauszukommen. Wenn wir uns auf dieses Prozramm
nicht einigten, dann blieben wir, was wir
sind: unfrei!
Auch der Unternehmer bedürfe der Arbeitsfreude,
die ihm heute so oft vergällt werde. Man solle sich
nicht sorgen, daß bei uns zuviel Unternehmergeist