Der Ausbau des Straßburger Hafens.
Von Dr. W. Cartellieri, Saarbrücken.
Am 1. Oktober 1927 findet die Einweihung des
neuen Straßburger Petroleumhafens statt. Damit ist
eine wichtige Etappe im Ausbau der Hafenamniagen
von Straßburg vollendet. Seitdem das Gesetz vom
26. April 1924 die Erweiterung des Hafens als
im Öffentlichen Interesse liegend erklärt hat, ist das
großzügige Neubautenprogramm im Straßburger
Hafen mit großem Eifer in Angriff genommen
worden. Nicht nur die Stadt Straßburg,
sondern auch der französische Staat sind unmittelbar
daran interessiert, ferner ist auch die Eisenbahnverwaltung
des elsaß-lothringischen Netzes an dem
Projekt beteiligt. Die Kosten der ersten Baustufe
werden auf 168 Millionen Franken, davon 100 Mill.
für den Hafen selbst und 68 Millionen für Eisenbahnen
beziffert, die der zweiten. Baustufe auf 78
Millionen Franken. Um dem Hafen möglichste Entwickiungsfreiheit
zu geben, ist er durch Dekret
vom 27. September 1925 für autonom erklärt worden.
Das Regime der Autonomie ist am 1. Januar
1926 in Kraft getreten. Der Hafen untersteht der
Kontrolle des Ministers der Oeffentlichen Arbeiten
und wird durch einen Verwaltungsrat verwaltet, dem
je sechs Vertreter des Staates und der Stadt und
je einer des Departements Unterelsaß, der Handelskammer
Straßburg und des Hafenpersonals angehören.
Der Hafen, der zugleich auch die Anlagen
in Lauterburg umfaßt, genießt vollkommene finanzielle
Autonomie. Die Verbindung mit dem Hafen
von Kehl, die im Versailler Vertrag geschaffen
wurde, um den Wettbewerb des deutschen Nachbarhafens
vom Straßburger Hafen. während seines Ausbaues
fernzuhalten, sollte ’eigentlich am 10. Januar
1927 ihr Ende nehmen, ist aber bekanntlich durch
Entscheidung der Zentralkommission für Rheinschiffahrt
um 18 Monate bis zum 10. Juli 1928
verlängert worden.
Mit dem neuen Petroleumhafen ist einer
der wichtigsten Teile des großen Erweiterungsplanes
fertiggestellt. Man hat den Petroleumhafen
aus Sicherheitsgründen von den übrigen Hafenanlagen
getrennt und ihm im Norden einen besonderen
Platz angewiesen, wo er vom Rhein aus zugänglich
ist, ohne daß die Petroleumschiffe den
übrigen Hafenkomplex berühren. Seine.Quais haben
eine Gesamtlänge von 1500 m mit einer anschließenden
Nutzfläche von 20 ha. Die längs der Quais
verteilten Pumpanlagen gestatten die unmittelbare
Ueberleitung des Petroleums aus den Rheinschiffen
in die Tanks und von dort weiter in die Spezialwaggons.
Auf diese Weise hofft man, das Petroleum
billiger als bisher der Verbraucherschaft zuführen
zu können. Bisher war Ostfrankreich z. B.
gegenüber den näher an der Seeküste gelegenen
Regionen im Petroleumpreis stark benachteiligt.
Außer dem von Uebersee importierten Petroleum
rechnet man bezeichnenderweise schon jetzt in
Straßburg mit einer zukünftigen Einfuhr von flüssigen
Brennstoffen von der Ruhr in Verfolg
des Bergiusverfahrens. Unter den industriellen
Gesellschaften, die Niederlagen im Petroleumhafen
errichten, sind: zu nennen die Pecheibronner Oelbergwerke
und die Societe& Alsacienne des Carburants.
Die Pechelbronner Oelbergwerke
sind daran gegangen, ausländisches Petroleum in
ihren Raffinerien. zu verarbeiten, zumal die Eigenproduktion
des. Unternehmens im Unterelsaß in den
letzten Jahren einen merklichen Rückgang aufweist.
Die aufs modernste eingerichteten Raifinerien in
Dechelbronn-Merkweiler vermögen jährlich 90 000
Tonnen Rohöle zu verarbeiten, während die Ausbeute
der Pechelbronner Oelfelder selbst im Jahre
1926 nur 62147 t (gegen 63650 t in 1925 und
70869 t in 1924) erreicht hat. Die Societe Alsacienne
des Carburants, ein im Jahre 1922
yegründetes Handelsunternehmen, das sich vorzugsweise
mit dem Vertrieb flüssiger Brennstoffe befaßt,
hat am Petroleumhafen 4 Zisternen sowie Lagerınd
Büroräume errichtet, deren Einweihung gleichfalls
am 1. Oktober vor sich gehen soll.
Auch die Erweiterung der übrigen Hafenanlagen
nat beträchtliche Fortschritte gemacht. Die Schaffung
eines großen Industrie- und Kohlenhafens
im Süden der alten Hafenanlagen ist im
Gange. Die Verbindung wird durch ein Verbinjungsbecken
hergestellt. Die Staatsstraße und
Eisenbahnlinie nach Kehl müssen deshaib verlegt
werden. Ein besonderer Verschiebebahnhof
wird angelegt, um den Güterumschlag zu bewerkstelligen.
Eine ganze Reihe industrieller Unternehnungen,
insbesondere die Kohlenhandelsfirmen, sind
lamit beschäftigt, sich im neuen Hafengelände
nederzulassen, so die Societe Franco-Suisse de Navization,
die Kohlenfirma }. Kronberg & Söhne, die
Societe de Manutention et Stockage de Briqueties
Je Lignite, die Societe Strasbourgeoise de Comzustibles,
die Schiffahrts- und Lagergesellschaft „Le
Rhin“ u. a. Die im Jahre 1924 neugegründete
Straßburger Kunstseidenfabrik (Soleries
de Strasbourg) hat ein bedeutendes Werk unmittelar
am neuen Rheinhafen erstellt und seit November
1926 in Betrieb genommen. Die Erzeugung
soll zunächst auf 5000 kg pro Tag, später: auf
20000 kg pro Tag gebracht werden. Das Elektrizitätswerk
Straßburg (Electricite de Strasourg)
hat seine neue Zentrale gleichfalls an den
Hafen verlegt, auch sie soll am 1. Oktober dem
Betrieb übergeben werden. Bereits seit Jahr und
Tag in Betrieb ist die Kokerei der Societe Alzacienne
de Cokeries (Alcok) am Austerlitz-Hafen,
de Erzeugung im ersten Betriebsjahr 1926 beträgt
75 000 t.
Hand in Hand mit dem technischen Ausbau des
Straßburger Hafens geht ein bemerkenswerter A ufschwung
des Verkehrs. Der Gesamtverkehr
des Hafens, der sich im Jahre 1913 auf
1989000 Tonnen (nur Rheinverkehr) belief, hat
1924 2728000 t und 1926 3579000 t, mithin das
Anderthalbfache des Vorkriegsverkehrs, erreicht.
Dabei ist besonders. bemerkenswert die Verschiebung
des Kräfteverhältnisses zwischen
Ein- und Ausfuhr. Vom Gesamtverkehr 1913
antfielen 1656000 t auf die Einfuhr und nur 333 000
Fonnen auf die Ausfuhr. Bis zum Jahre 1926 hat das
Verhältnis sich dahin geändert, daß die Einfuhr
mit 2139000 t um ein Drittel gestiegen ist, während
die Ausfuhr mit 1440000 t sich verdoppeit hat.
Diese Entwicklung erklärt sich aus der Aufnahme
der Verschiffung von Kali einerseits und Eisenerz
andererseits. Zur Illustrierung des Gesagten mögen