Full text : 32.1927 (0032)

nicht so legen, daß in alten Fragen der Wirtschaftspolitik
volle Uebereinstimmung bestünde.
Es ist noch etwas weiteres in die Erscheinung getreten,
und das ist besonders interessant: Die nationale Organisation,
 die man auch als eine vertikale Organisation
der wirtschaftlichen Interessen bezeichnen könnte, ist nicht
der einzige Boden, von dem ‚aus man zıt einer weltwirtschaftlichen
 Verständigung kommen kann, und es ist nicht die
einzige Organisationsgrundlage, die jetzt besteht. Es bestehen
auch sehr zahlreiche fachliche Organisationen, die über die
nationalen Gremzen hinausreichen, Also, wenn ich das für uns
gebräuchliche Bild gebrauchen darf, eine horizontale  intermationale
 Organisation der Wirtschaftskreise, deren Kräfte
mit einzuschalten außerordentlich wertvoll war.
Ich erwähne als eine solche horizontale Organisation, die
in einem gewissen Gegensatz zu dem Nationalen steht, die
Internationale Handelskammer. Die Internationale
 Handelskammer war durch einzelne besondere Delegierte
vertreten, Herr Kotzenberg war als solcher Mitglied der
Weltwirtschaftskonferenz. Auch abgesehen von dieser Sondervertretung,
 die sich hat ermöglichen lassen, ist die Internationale
 Handelskammer als eine Zusammenfassung aller
internationaten Interessen von Handel und Industrie natürlich
auch ein stärkeres Bindeglied zwischem denjenigen Persönlichkeitem,
 die von der nationalen Plattform aus die weltwirtschaftlichen
 Bestrebungen verfolgen.
In zweiter Linie möchte ich erwähnen die sehr stark in
Erscheinung getretene internationale Organisation
der Arbeitnehmerschaft in der zweiten Internationale
der sozialistischen Gewerkschaften, die eine starke Unter:
stützung in dem Internationalen Arbeitsamt fanden, in dem
ja auch Arbeitgeber vertreten sind, Dann die christlichen und
nichtsozialistischen Gewerkschaften, die sich neben den anderen
 Herren, wenn atıch nicht in einem so starken Maße,
bemühten, für gemeinsame Interessen eine gültige Formel zu
finden,
In dritter Linie wäre hervorzuheben, daß auch sozusagen
eine „grüne Internationale“ vorhanden war, Auch die Landwirtschaft
 hat, ähnlich wie das Industrie und Handel in
der Internationalen Handelskammer getan haben, sich stärkeı
zusammengefunden in einer internationalen Spitzenorganisation.
Wenn diese Organisation als solche in Genf nicht in die
Erscheinung getreten ist, so war doch zwischen den Vertretern
 der Landwirtschaft aller Länder ‚eben dieses grüne
Band deutlich spürbar,
Und schließlich waren auch die Konsumenten, wenn auch in
beschränktem Maße, zusammengefaßt. Auch die Frauen waren
vertreten. Die internationale Frauenliga war aufgefordert
worden, drei Delegierte zu entsenden, unter denen auch eine
Deutsche, Frau Reichstagsabgeordnete Lüders, gewesen Kt.
Ich glaube, daß diese Verschiedenheit der Ausgangspunkte,
das Basieren der Konferenz nicht nur auf den nationalen
Organisationen, sondern auch mit auf den sich bildenden
internationalen Organisationen außerordentlich zur Vertiefung
der Diskussion beigetragen hat, Denn das ist ganz klar, daß
man bei der starken wirtschaftlichen Verflechtung und angesichts
 der starken Tendenz nach horizontaler Gliederung
diese ganzen Fragen nicht mehr rein vom Gesichtspunkte
der nationalen Staaten wird betrachten können.
Es ist deshalb auch ganz müßig, wenn in der deutschen
Presse gesagt worden ist, innerhalb der deutschen Delegation
sei keine ausreichende Einheitlichkeit gewesen. Es sind nur
fünf deutsche Bürger gewesen und keine Delegation. Ich kann
Ihnen aber versichern, daß in allen Fragen, wo wirklich
deutsche nationale Interessen im Spiele waren, auch nicht der
geringste Unterschied der Meinungen zutage getreten ist.
Das vorbereitende Komitee, von dem ich erzählte, hatte eine
Fagesordmung ausgearbeitet, die vier Teile umfaßt:
1. einen allgemeinen Abriß der Weltwirtschaftslage,
2 die Fragen des internationalen Außenhandels.
3 industrielle Probleme und
4, landwirtschaftliche Probleme.
Diese Tagesordnung 'hat den Beratungen der Weltwirtschaftskonferenz
 zugrunde gelegen, 'hat den Rahmen für ihre Be:
ratungen abgegeben,
Der äußere Hergang der Konferenz war ungefähr folgender:
Es haben sich am der Konferenz insgesamt 48 Nationen beteiligt,
 die mit allen Sachverständigen zusammen ein Parlament
 von 300 bis 400 Personen ausgemacht ‘haben mögen
Man tagte zumächst in Plenarsitzungen, wo eine große Reihe
von Reden gehalten worden ist, Der Nachteil war, daß,
da alle diese Reden natürlich sehr sorgfältig vorbereitet
waren, und der eine mehr seine fachlichen Gesichtspunkte,
industrielle Gesichtspunkte z. B., zur Geltung brachte, ein
anderer Redner mehr die Fragen unter dem Gesichtspunkte
eines besonderen Landes oder eines bestimmten wirtschaftlichen
 Systems behandelte, alle diese Reden etwas aneinande*

vorbeigegangen sind. Der Wert dieser Reden wird sich mehr
m nachträglichen Studium dieser Verhandlungen erweisen, besonders
 dann, wenn man sie mehr als — ich möchte sagen —
Aufsätze wertet. Und doch war schon ganz unverkennbar,
laß der Grundton dieser Reden dahin ging, daß es notwendig
zei, den Ueberprotektionismus der Nachkriegszeit zu überwinden,
 um zu besseren Verhältnissen in der Weltwirtschaft
m gelangen, Eine große Zahl von Reden trug geradezu
nen ausgesprochenen freihändlerischen Charakter.
Es wurde dann, nachdem dieses erste Stadium i{üiberschritten
war, die Bildung von drei Kommissionen vorgenommen, die
aine für die Fragen‘ des Außenhandels, ‘die andere für die
Fragen der Industrie und eine dritte für die Landwirtschaft.
In diesen Kommissionen wurden zahlreiche Unterkommissionen
rebildet, derem Beschlüsse zur. genauen Formulierung Relaktionskomitees
 überwiesen wurden, worauf sie wieder die
zanze Stufenleiter von den Redaxtionskomitees über die
Jnterkommission zur Fachkommission und zum Gesamtjarlament
 durchlaufen mußten, Dort wurden sie in der
/ollsitzung einstimmig angenommen, bei Stimmenthaltung deı
Zussem und Türken, Die russische Delegation konnte bei
‚hrem völlig abweichenden System des Außenhandels natürlich
zur mit einigen wenigen der gefaßten Beschlüsse einverstanden
 sein,
Wenn ich nun übergehe zu dem sachılchen Inhalt
der Beschiüsse, die auf der Konferenz gefaßt worden
jind, so gliederm sie sich gleichfalls in vier Teile, wie
jas nach der Tagesordmung des vorbereitenden Komitees
ıicht anders zır erwarten war. Wir ‘haben eine allgemeine
Zinleitung mit einem Versuch einer Analyse der wirtschaftichen
 Lage und einer Reihe von Resolutionen, z. B. über
lie Bedeutung der wirtschaftsfriedlichen Entwicklung für den
Weltfrieden. Es folgen drei Abschnitte: Außenhandel, Industrie
 und Landwirtschaft, Ich möchte mir gestatten, Ihnen
hier einen Ueberblick zu geben über die Beschlüsse der Weltvirtschaftskonferenz
 bezüglich der Fragen des internationalen
Handels und der Fragen der Industrie, weil ich glaube, daß
verfür ein besonderes Interesse bestehen wird.
Wie gesagt, enthält die Einleitung der Konferenzbeschlüsse
»ine Analyse der Weltwirtschaftslage. Es wird darauf hinrewiesen,
 daß, im Durchschnitt der Welt gesehen, die Proiuktion
 der Welt gegenüber der Vorkriegszeit zugenommen
hätte, daß aber die Entwickhing, im einzelnen betrachtet,
'n einem Weltteil nicht nur dagegen zurückgeblieben sei, sondern
 geradezu in umgekehrter Richtung sich entwickelt hätte.
Dieser Weltteil ist Europa. Es wird darauf hingewiesen, daß,
während das Handelsvolumen der Welt 1925 um 5 Prozent,
lie Weltproduktion, wie man festgetellt hat, um etwa 18
Drozent höher war als 1013, Europa eine starke Einschränung
 seines Anteils an der Produktion und ein Zurückbleiben
‚eines Außenhandels zu verzeichnen hat, Viele Länder liegen
\ber diesem Durchschnitt, andere, namentlich Gesamteuropa,
jarunter, denn der europäische Außenhandel hat sich in der
zleichen Zeit (1925) «mnur auf 89 Prozent des Volumens
jon 1913 gestellt. Aus diesen Zahlem ergibt sich, daß das
veltwirtschaftliche Problem in allererster Linie
im europäisches Problem ist. Dafür bietet auch die
Tatsache einen Beweis, daß die brennendsten Fragen der weltvirtschaftlichen
 Schwierigkeiten, die wir heute in der Welt
‚eststellen können, fast ganz oder ganz auf Europa beschränkt
 Sind,
Nun wird gesapt, daß es falsch sein würde, wenn die
ibrigem Staaten sich beruhigten und sagten: „Das sind ja
ropäische Angelegenheiten, was geht das uns an!“ Es
vird darauf ‘hingewiesen, daß das unrichtig ist, weil der Rückzang
 der europäischen Kaufkraft. mittelbare Wirkungen auf
alle übrigen Gebiete der Welt 'haben muß. Und nun setzt sich
Jie Konferenz auseinander mit der Frage, auf welchen Grünjen.
 der Niedergang Europas denn beruht, Das sind Dinge,
lie ams nicht ganz meuw sind, aber ich halte es doch für
ehr bemerkenswert, daß zum ‚ersten Male eine Weltwirtschaftskonferenz
 die Dinge so klar gesehen und sich bemühl
hat, die Dinge zur Darstellung zu bringen.
Die Weltwirtschaftskonferenz ‘betont ferner, und das jst
‚öchst bemerkenswert, wie schädlich für die ganze euro-‚äische
 Entwickelung die wirtschaftliche Balkanisierung
Europas sich ausgewirkt hat. Die Schaffung von so und
;o vielen neuen Zollgebieten, die Ziehung neuer Zollgrenzen,
>hne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Zusammenhänge. Ich
brauche dies hier nicht näher zu erwähnen, Sie alle hier
nn Hessen und besonders in Mainz wissen das aufs beste,
Ich brauche nur an die Abtrennung in Elsaß-Lothringen zu
erinnern, wo früher ein großer Teil Ihrer wirtschaftlichen
Beziehungen hinzielte, Ich brauche nur hinzuweisen auf die
unerträgliche Situatiom, die durch die zollpolitische Ausgliederung
 des Saargebietes entstanden ist.
Wie haben sich nun in dieser allgemeinen europäischen
Not die im wesentlichen auf solchen gemeinsamen Ursachen
            
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