Full text : 32.1927 (0032)

fügen, während sie selbst so gut wie ausschließlich
auf den Eisenbahnweg angewiesen sind. Von Natur
aus ist das lothringische Kohlenbecken nicht so
begünstigt wie das nordfranzösische. Die einzige
Wasserstraße in erreichbarer Nähe ist der Saarkohlenkanal,
 der jedoch das lothringische Kohlenbecken
 nicht unmittelbar berührt, sondern vielmehr
Östlich daran vorbeiführt. Die Luftentfernung von
dem Kohlenzentrum Merlenbach bis Saargemünd
mißt etwa 15 km, bis Saaralben 20 km, während
es nordwärts bis zur Saar bei Wehrden nur 10 km
sind. Gewisse Anfänge, den Saarkohlenkanal für
den Transport lothringischer Kohle auszunutzen,
sind da. So haben die Bergwerksgesellschaft „Saar
& Mosel“ einen Hafen in Remelfingen unweit Saargemünd
 angelegt, desgleichen die Bergwerks- und
Elektrizitätsgesellschaft „La Houve‘“ in Wittringen
etwa 10 km saaraufwärts von Saargemünd, und
schließlich die de Wendelschen Kohlengruben in
Rech bei Saaralben. Was von diesen Häfen aus
bisher verschifft wird, ist aber sehr gering, für
1926 beziffert sich die Tonnage auf rund 325000 t,
also auf nur etwas mehr als 6% des Gesamtversandes.
 Einer stärkeren Ausnutzung stehen in erster
Linie die hohen Umladungskosten im Wege, die
den Transport auf diesem Wege unrentabel machen.
Für die Kohlen der de Wendelschen Gruben betragen
 die Umladegebühren in Richtung Straßburg
50%, für die Gruben von Saar & Mosel in Richtung
 Paris 20% der Gesamttransportunkosten.
Der Plan der lothringischen Gruben geht daher
darauf hinaus, einen Seitenkanal vom Saarkohlenkanal
 abzuzweigen und in das Herz des Kohlenbeckens
 selbst hineinzuführen. Die Kohle soll ohne
Umladen von den Schächten in die Schiffe verladen
 werden. Zu diesem Zwecke ist im Becken
von Merlenbach ein Zentralkohlenhafen geplant, der
vermittels Stichkanälen mit den Hauptförderschächten
 von Saar & Mosel und de Wendel verbunden
wird. Für letztere ist die Verbindung durch das
Rosseltal vorgesehen. Der Zentralkohlenhafen soll
dann durch den obenerwähnten Seitenkanal an den
Saarkohlenkanal angeschlossen werden, und zwar
ist als Knotenpunkt Saaralben bzw. das nahegelegene
 Rech in Aussicht genommen. In Saaralben
besteht bereits ein Hafen der Solvay-Werke. Die
Kanalverbindung würde also etwa über Püttlingen
in Lothringen führen und das Tal des Mutterbaches
ausnützen.

Die lothringischen Gruben versprechen sich von
der Durchführung dieses Planes eine bedeutende
frachtliche Besserstellung im Sinne einer Angleichung
 an die Verhältnisse im nordfranzösischen ’Revier
 und in Auswirkung davon eine Hebung des
Absatzes, insbesondere nach Südost- und Südfrankreich.
 Auch spielt der Gedanke hinein, auf dem
Wege über den Rhein-Marne-Kanal das lothringische
Hüttenrevier an der Mosel zu erreichen. Was man
möglichst ausschalten will, ist die Konkurrenz deı
Saargruben. Die Verbindung soll so hergestell
wercen, daß sie nicht gleichzeitig auch die Saargruben
 begünstigt. Darum soll der Seitenkanal
möglichst weit südlich in den Saarkohlenkanal münden,
 um einen Frachtvorsprung für die lothringische
Kohle herauszuholen. Auch wird so die schwierige
Kanalstrecke oberhalb Saargemünd, wo der Saarkohlenkanal
 in den Talhang eingegraben ist (und
mithin eine Erweiterung große Schwierigkeiten
macht), vermieden. Im Zusammenhang mit der Inangriffnahme
 des Seitenkanals soll dann ein Ausbau
des Saarkohlenkanak im Südabschnitt stattfinden.

Ueber die gesamte Frage liegt neuerdings. ein
Projekt vor, das der Chefingenieur Arbelot von
den „Ponts-et-Chaussees‘“ in Marseille ausgearbeitet
hat. Anläßlich des Nationalkongresses der Liga für
Binnenschiffahrt und zur Ausnutzung der Wasserkräfte,
 die von Ende Juni bis Anfang Juli in Metz
tagte, wurde ein eingehendes Referat darüber erstattet.
 Nach dem Projekt Arbelot beziffern sich
lie Kosten für die Ausführung des Seitenkanals und
Erweiterung .des Hauptkanals auf 650 Millionen
Franken. Die Finanzierung soll sich auf den Er-;parnissen
 aufbauen, die den lothringischen Gruben:
zesellschaften dadurch zufallen, daß die Transportkosten
 auf dem Wasserwege nur die Hälfte der
Eisenbahntransportkosten ausmachen. Ferner ist die
Zuhilfenahme deutscher Sachlieferungen aus dem
Dawesplan in Betracht gezogen. In diesem Falle
soll mit einer Zinsen- und Amortisationslast von
5% des Anlagekapitals zu rechnen sein.
Noch eine andere Verbindungsmöglichkeit wird
von Arbelot untersucht, nämlich eine direkte Wasserstraße
 von den lothringischen Kohlengruben zum
Eisenrevier an der Mosel. Dieses kann zwar, wie
»ben ausgeführt, auf dem Wege über den Saarkohlenkanal
 und Rhein-Marne-Kanal und dann die
kanalisierte Mosel hinab erreicht werden, doch ist
der Umweg auf dieser Route so beträchtlich, daß
eine erfolgreiche Konkurrenz mit der auf gerader
Linie verkehrenden Eisenbahn fraglich sein dürfte.
Wir messen von Merlenbach den Wasserweg über
5aaralben — Gunderchingen — Dombasle — Nancy
»is Metz rund 160 km, von Merlenbach den Eisen-7ahnweg
 dagegen über Falkenberg — Kurzel bis
Metz rund 55 km. Arbelot hält eine Rentabilität
lieses Kanales für nicht gegeben, er könnte nur
mit großen Staatszuschüssen gebaut werden. Er
spricht aber von der Möglichkeit seiner Verlänge-‚ung
 ins Saargebiet, was für den Erztransport aus
lem Minettegebiet zu den Saarhütten von großer
Bedeutung wäre. Für diese Lösung hat sich benerkenswerterweise
 auf dem Kongreß Handelslirektor
 Boissel von den Mines Domaniales einzesetzt.
 Er bezeichnete den Kanal als durchaus
ebensfähig und sieht in ihm ein Mittel für die
Entwicklung des französisch-saarländischen Handels.
Nach seiner Ansicht würde dies auch die Saarländer
für die Volksabstimmung von 1935 günstig beein-Aussen.
 Selbst wenn die Abstimmung ungünstig
ausfiele, würde die Zusammenarbeit zwischen der
othringischen und saarländischen Industrie geförlert
 werden. Arbelot befürchtet auf der anderen
Seite, daß dadurch den Saargruben und den Saarıütten
 ein billiger Weg nach Frankreich, speziell
ı1ach Lothringen, geöffnet würde, so daß Vorkehrungen
 getroffen werden müßten, um die Konkurrenzfähigkeit
 der lothringischen Gruben und
Hütten zu schützen. Der Kongreß einigte sich auf
eine Kompromißformel, nach der eine etappenweise
Ausführung der von Arbelot proijektierten Arbeiten
vorgeschlagen wird.
Im Gegensatz zu dem letztgenannten Projekt, das
noch auf recht vagem Boden zu stehen scheint,
dürfte die Verbindung der lothringischen Kohlengruben
 mit dem Saarkohlenkanal als ein durchaus
ernst zu nehmendes Unternehmen der Zukunft
betrachtet werden. Technisch gesehen bedeutei
as keine Schwierigkeit, einen Seitenkanal von
5aaralben 20 Kilometer weit nach Merlenbach
zu führen unter Ueberwindung eines Höhenunterschiedes
 von nicht über 80 m. Finanziell erscheint
 die unmittelbare Interessennahme der loth-
            
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