- Dieser ausschließlich zugunsten der rheinischwestfälischen
Industrie wirkenden Tarifermäßigung
steht die Tatsache gegenüber, daß die Eisenbahnfrachten
im Saargebiet sich seit Anfang
des Jahres in den Hauptgüterklassen um 60 bis
80 %, in den Ausnahmetarifen sogar um 60 bis
100 % und darüber erhöht haben, während in Frankreich
die Steigerung durchschnittlich 40 bis 50%
beträgt. Wir behalten uns vor, zu dieser überaus
wichtigen Frage demnächst eingehende Zahlen zu
bringen.
Auch auf dem Kreditmarkt ist in dem ver
gangenen Jahr keine Entspannung eingetreten. Nach
wie vor war es der Wirtschaft unmöglich, durch
das hierfür zuständige französische Zentralnoten:
institut die erforderlichen langfristigen Kredite zu
günstigen Sätzen zu erhalten. Die Folge dieser
so oft schon betonten Diskriminierung der Saarwirtschaft
zugunsten der französischen Konkurrenz
war naturgemäß die Flucht in die oft freilich gefährlichen
Warenkredite. Es dürfte keinem
Zweifel unterliegen, daß die nachstehend erwähnte
Steigerung der Konkurs- und Ausverkaufsziffer in
direktem Zusammenhang mit der Kreditnot einerseits
und der geringen Kaufkraft andererseits steht.
Es wird eine der dringendsten Aufgaben des neuen
Jahres sein, auf dem Gebiete des Kreditwesens
Wandel zu schaffen. Durch die im Dezember vom
Landesrat verabschiedete Verordnung betr. die Eintragung
von Hypotheken auf Feingoldbasis werden
endlich die Voraussetzungen für eine Entspannung
der Lage geschaffen. Es ist zu hoffen, daß damit
das Eis gebrochen ist und daß auch dem Saargebiet,
das auf französische Kredite für die Zukunft wohl!
noch weniger hoffen darf als bisher, nunmehr die
jenigen Möglichkeiten deutscher und ausländischeı
Kapitalbeschaffung offenstehen, die ihm bisher zu
seinem größten Schaden verschlossen bleiben mußten.
Als erster Anfang darf in dieser Beziehung die
von der Hypothekenbank Saarbrücken in den letzten
Tagen des alten Jahres mit einem amerikanischen
Bankhaus abgeschlossene 5-Milionen-Dollaranleihe
gewertet werden.
Das vorstehend von den Wirkungen der De
flation entworfene Bild wäre unvollständig, wenn
wir nicht noch der schweren Lasten gedächten, die
für den gesamten Handel die während der Inflationsperiode
eingegangenen Devisenverpflichtungen
mit sich gebracht haben. Die berechtigten
Gründe, die im Saargebiet in weitestem Umfange
zur wertbeständigen Rechnung geführt haben, sind
zur Genüge bekannt, als daß sie hier nochmals aufgeführt
werden müßten. Die Lage während des
ersten Halbjahres gestaltete sich insofern für Handel
und Industrie verschieden, als letztere in dieser
Periode nicht nur unleugbare produktionssteigernde
Antriebe erhalten hat, sondern auch die entsprechen:
den Absatzmöglichkeiten fand. Für den Handel dagegen
bestanden solche Vorteile nicht, nicht nur
weil die absatzfördernde Wirkung der Inflation, der
bekannte Hunger nach Sachwerten, mangels genügender
Kaufkraft so gut wie ganz fehlte, als auch
weil die Erfüllungsfristen von den französischen
Beziehern immer kürzer gestellt wurden. Dazu kam
eine stark fühlbare Inflationskonkurrenz aus Frankreich,
das auf allen Gebieten wesentlich billiger
anzubieten in der Lage war. Da sich die unbefriedigende
Kaufkraft der breiten Verbrauchermassen
in Anbetracht der Preisentwickelung in der
Deflationsperiode nicht bessern konnte, muß die
Lage des Handels mit wenigen Ausnahmen im vergyangenen
Jahre als höchst angespannt bezeichnet
werden, und dies um so mehr, als auch seiner
alten dringenden Forderung nach Regelung des
Arbeiter- und Kleinen Grenzverkehrs während des
vergangenen Jahres die Erfüllung versagt blieb
Zwar ist es nach vierjährigen mühevollsten Verhand
lungen der deutsch-saarländisch-französischen Grenzrechtekommission
endlich gelungen, im Jahre 1926
ihre Arbeiten zu Ende zu führen und zwei Abkommen
über den Arbeiterverkehr und den eigentlichen
Kleinen Grenzverkehr zu unterzeichnen. Bedauerlicherweise
war es aber trotz aller Bemühungen
bis jetzt nicht möglich, die Abkommen in
Kraft zu setzen, die beide noch ihrer parlamentarischen
Genehmigung warten. Es ist dies um so
beklagenswerter, als das Abkommen über den Arbeiterverkehr
im wesentlichen den vorgebrachten
Wünschen Rechnung trägt und zu einer Erleichterung
der Lage beizutragen geeignet ist. Das gleiche
scheint jedoch für das Grenzverkehrsabkommen
nicht zuzutreffen. Da der genaue Wortlaut jedock
noch nicht vorliegt, muß eine kritische Stellung
nahme vorbehalten bleiben.
Alle diese Schwierigkeiten finden ihren offen-<undigen
Ausdruck in der Zahl der angemeldeten
Konkurse und Ausverkäufe. Die Zahl der Konkurse,
abgesehen von der nicht feststellbaren Zahl!
der wegen Mangels an Masse abgelehnten Anträge,
betrug in den ersten 11 Monaten des Jahres 1926 bereits
42 gegenüber 35 im gleichen Zeitraum des
Vorjahres und 18 im Jahre 1924. Die Zahl der
Total-Ausverkäufe allein in Saarbrücken erreichte
die Rekordzahl von 92 gegenüber 67 im
Vorjahre, während die Firmenlöschungen im Saar
gebiet folgendes Bild zeigen:
1923 192% 1. 12. 1925 15. 12. 1926
173 220 420 301
Aus der Verminderung der Firmenlöschungen zu
schließen, daß die sogenannte Reinigungskrise,
von der wohl in erster Linie der für das
tatsächliche Bedürfnis immer noch zu stark auf.
yeblähte Warenverteilungsapparat betroffen wird,
bereits im Abklingen begriffen sei, würde uns als
falscher Optimismus erscheinen.
Die gesamte Wirtschaft steht nun an der Tahres
wende mitten in der
Stabilisierungskrise.
Sie ist entschlossen, deren unvermeidliche Schwie:
rigkeiten auf sich zu nehmen, in der Hoffnung,
daß die bereits gebrachten und durch eiuve
»äfenbar zu hohe Stabilisierung unnötig ver:
schärften Opfer nicht durch einen erneuten Frankensturz
wieder hinfällig gemacht werden. Nach Lage
der Dinge erscheint eine: solche Entwicklung aller.
lings weniger wahrscheinlich zu sein. Die Saarwirtschaft
sehnt sich mit jeder Faser nach georda1eten
Währungsverhältnissen. Aber sie darf erwarten,
daß die hierbei zu tragenden Lasten und
veiterhin zu erwartenden Schwierigkeiten nicht unnötig
vermehrt, sondern im Gegenteil nach Möglichkeit
erleichtert werden. Dazu gehört vor allem
aine Senkung der Kohlenpreise, eine Ermäßizung
der Eisenbahnfrachten und nicht zuletzt
auch ein Abbau der Steuern. Daß eine
solche im Wege einer entsprechenden Belastung der
Grubenverwaltung nicht nur möglich, sondern auch
nicht mehr als recht und billig wäre, ist oft genug
dargelegt worden. Der gesetzgeberischen Freiheit
auf steuerlichem Gebiete sind ja leider im Saarzebiet
gewisse Grenzen gezogen durch den hohen
jeldbedarf eines viel zu großen und zu teuren
Zegierungsapparates und die für die Verkehrs-