Amtlicher Teil.
Einladung
zur 4. Vollsitzung der Handelskammer
am 29. Juni 1927.
Der Präsident unserer Handelskammer, Herr Luitwin von
Zoch, Mettlach, hat auf Mittwoch, den 29. Juni,
1achmittags 41, Uhr, eine im Sitzungssaale des Hauses
Saarindustrie, Königin-Luisen-Straße 33, stattiindende. Vollsitzung
anberaumt,
Wegen der vorgesehenen Tagesordnung erfolgt weitere
esondere Mitteilung,
Handelskammer zu Saarbrücken.
I, A,: Lütke,
Für beschleunigte Inkraftsetzung
der Abkommen zur Regelung
des Kleinen Grenzverkehrs.
Kritik der Grenzbezirke,
Nachdem sich die Handelskammer zu Saarbrücken
in ihrer letzten. Vollsitzung am 5. Mai 1927 mit
den Protokollen über den Arbeiter- und Kleinen
Grenzverkehr an der deutsch-saarländischen Grenze
befaßt und eine Entschließung mit dem Zweck gefaßt
hatte, daß die Regierungskommission und die
Französische Regierung alles tun müßten, um die
baldige Inkraftsetzung der Protokolle herbeizuführen,
hat nunmehr auch der Landesrat in seiner
Sitzung vom 2. Juni zu dieser Frage Stellung genommen.
Die Fraktionen des Landesrates stimmten
dem Verordnungsentwurf über die Inkraftstetzung
ler Protokolle vom 14. September und 13. Novomber
1926 zu, jedoch unter dem Vorbehalt, daß
die in ihnen enthaltenen Mängel baldigst durch
neue Vereinbarungen abgestellt werden müßten.
Der Zentrumsabgeordnete Seiwert, Merzig, führte zu
‚lieser Angelegenheit etwa folgendes aus: Die Regelung des
Kleinen Grenz- und Arbeiterverkehrs stelle eine Jahre alte
Forderung der Arbeiterschaft, der Handel- und Gewerbe:
treibenden dar, Diese Forderungen seien ganz besonders
an ‚einer Grenze berechtigt, welche sich nicht historisch ent
wickelt habe, sonderm in brutaler Weise Landesteile durchschneide,
welche seit Generationen in innigstem wirtschaiftichem
Zusammenhang ständen. Aufgabe der Regierungs-<ommission
und der beteiligten Länder, Deutschland und
Frankreich, sei es, eine Regelung des Cjrenzverkehrs zu
vereinbaren, welche diesen uralten Interessen und Zusammennängen
Rechnung irage, ganz besonders aber auch aus dem
Grunde, weil die Grenze zwischen Saargebiet und Deutschem
teich nur eine zeitlich kurze Dawer haben werde.
Wenn man die vorliegenden Abkommen daraufhin nachprüfe,
müsse man leider teststellen, daß die daran geknüpften
Wünsche und Hoffnungen in nur bescheidenem
Maße erfüllt seien. In den Grenzorten des Saarzebietes
frage mam sich, ob die Regierung wirklich alles
zetan habe, um ‚die berechtigten Interessen zu wahren. Man
zei dort der Meinung, daß die Regierungskommission in
dieser Angelegenheit viel zu passiv gewesen sei. Denn nur
3o sei es zır erklären, daß die Lebensinteressen der CGirenzplätze
Mettlach, Merzig, Lebach, Homburg und St. Wendel
nicht genügend gewahrt worden seien. Seit vier Jahren hätten
sich die Grenzorte um ein Abkommen bemüht, und wenn
man all die Mühe und den Aufwand mit dem Ergebnis vergleiche,
so könne man wirklich sagen: Es kreißten die Berge
und gebaren eine winzige Maus. Ganz bestimmte Gründe
würden den Redner davon abhalten, an dieser Stelle die
Verbitterung so zum Ausdruck zu bringen, wie sie an den
3renzorten wegen der wirklichen Existenzgefährdung vor
aanden sei, Um aber wenigstens nicht den Anfang einer
Zesserung aufzuhalten, wolle man resignieren und die
schleunige Inkraftsetzung der Abkommen empijehlen,
Sie könnten jedoch nur als eine Abschlagszahlung
für eine später verbesserte Auflage betrachtet werden. Denn
der Kleine Grenpzverkehr müßte das Mittel sein, die Ver:
schichuner der Feietenzorundlacen im Wirtechaftelehen 70
verhindern und dem Arbeiter die Möglichkeit zu geben,
;einen Lohn zu einem Reallohn zu machen, indem er ihn
ın seiner Arbeitsstelle in Realien umwandeln könne.
Ganz besonders sorgfältig hätte man einen Grenzort, Wie
Merzig, behandeln müssen, weil ihm außer der angestammten
ljeutschen auch die gute Kundschaft aus Lothringen endzültig
verloren sei. Statt dessen sei aber in dem Abkommen
‚on hüben und drüben eine gegenseitige Abriegelung erfolgt,
die zwangsläufig zu Verkehrsverschiebunzen
führen müsse, Durch die Abschnürung der deutschen
"irenzdörfer seien diese ganz von der Lebensmittelversorgung
jes Saargebietes ausgeschlossen, Hätten diese früher ihre
Drodukte, Butter, Eier, Kartoffeln, Obst, zum Wochenmarkt
zebracht, so sei fast die ganze Einnahme wieder für nötige
Zinkäufe in der Stadt geblieben. Heute hätten etwa 50
Adändler die Lebensmittelversorgung übernommen, die von
Metzer Großmarkt aus erfolge. Es könne also nur noch
ler kleine Gewinn am Marktort bleiben, aber nicht mehr wie
'rüher der ganze Erlös, Zu welchen Zuständen das führe
<önne aus einer kürzlich erschienenen Zeitungsnotiz aus
lem 9 km von Merzig entfernt gelegenen Ort Losheim
ntnommen werden: „Vor nicht langer Zeit berichteten wir
laß in unserem Ort eine ausnahmsweise Bautätigkeit herrscht
n Verfolg dieser regen Bautätigkeit und Geschäftsblühen
ind vergangene Woche auf einmal vier neue Geschäfte ins
„eben gerufen worden. Zur Zeit werden noch große Um:
inderungen an verschiedenen Häusern vorgenommen zwecks
SZrrichtung offener Läden. Wie man hört, sollen noch weitere
jeschäfte in diesem Jahr in Losheim gegründet werden. Es
st dies ein Zeichen, daß der Geschäftsbetrieb in voller
3lüte steht, Zur Zeit zählt Losheim mit seinen 3000 Einvohnern
einschließlich Hotels, Casthöfen und Mühlen 86
»ffene Geschäftslokale. Somit haben sich in den letzten
ahren die Geschäfte fast um das Vierfache vermehrt.“ In
lem gleichen Maße, wie jetzt durch die unnatürliche Saarzrenze
das Geschäft künstlich hochgepäppelt werde, müsst
5 in der Kreisstadt zurückgehen. In diesen Dörtern mache
nan heute aus Scheunen und Ställen Läden mit Spiegel.
cheiben, und in der Kreis- und Grenzstadt Merzig mache
nan aus den größten Läden gern Schulsäle.
Zum Schluß wies der Redner darauf hin, daß sich die
Zegierungskommission ein Verdienst erwerbe, wenn sie an
die französische Regierung das dringende Ersuchen richte
las Grenzabkommen in aller Kürze zu ratifizieren, damit dit
nkraftsetzung nicht noch länger zum Schaden der saar
ändischen Wirtschaft hinausgsezogen werde
Gemüsetransporte aus Frankreich
nach dem Saargebiet.
In einer Eingabe, die die Handelskammer vor einiger
Zeit an die Regierungskommission richtete, machte sie aul
{fie ausnahmsweise lange Laufzeit für Sendungen aus Frankeich
nach dem Saargebiet aufmerksam. Daraufhin ging
olgendes Schreiben der Regierungskommission vom 8. Juni
927 ein, das wir hiermit zur allgemeinen Kenntnis bringen:
„Von der Abteilung Oeffentliche Arbeiten, der auch die
Zisenbahnverwaltung angeschlossen ist, erhalten wir die
Mitteilung, daß in der Durchführung der Gemüse-Transorte
aus Südfrankreich durch Verhandlungen mit den fran:
‚ösischen Fisenbahnlinien bedeutende Verkürzunzen
der Fahrzeiten für Eilgut erreicht worden
ind, Die Transportdauer für Frühgemüse aus dem Süden
ünsbesondere der Gegend von Barbentane, Cavaillon etc.)
lie bisher 50 Stunden betrug, wurde auf 35 Stunden abge-<ürzt,
und €es besteht sogar Aussicht, daß eine weitere
?eduzierung auf 28 Stunden möglich sein wird.
Diese Transportbeschleunigung wird zweifellos den Handel
nit Gemüse aus Südfrankreich günstig beeinflussen und ins-»esondere
auch die Gefahr des Verderbens der laufenden
Xaren wesentlich herabsetzen. Bisher war es eine ständige
Zlage der saarländischen Bezieher, daß ein hoher Prozentsatz
Jjer Ware auf dem Transport zugrunde ging, ein Umstand, der
sich auch in der Preisbildung sehr ungünstig auswirkte,
Es wäre daher im Interesse der saarländischen Versorgung
;ehr zu begrüßen, wenn durch diese Erleichterungen des
Transportes auch eine Erleichterung in der Preisbildung sick
‚echt hald hemerkhar machen würde “