Full text : 32.1927 (0032)

sich dabei vornehmlich um Vereinfachungen der
Zollformalitäten, wovon die wichtigste Vereinfachung
 wäre, daß ein einheitliches Zolltarifschema
aufgestellt würde. Niemand weiß besser als das
Saargebiet mit seinen zu seinem Leidwesen so reichen
 Zollerfahrungen, welche Bedeutung es erst haben
 würde, wenn alle diese wohlgemeinten Empfehlungen
 7u praktischen Folgen {ührten.

Zwar mit etwas mehr Ruhe, als zu der Zeit, wo
die fortwährenden großen Kursschwankungen tägich
 und stündlich eine veränderte Lage brachten
und neue Entschlüsse forderten, aber nach wie vor
mit tiefer Besorgnis blickt das Saargebiet auf den
Stand der französischen Währungsfrage.
Der seit über einem halben Jahr gegebenen de
facto-Stabilisierung wird nach allem, was sich er-Kennen
 läßt, die de iure-Stabilisierung noch in langer
 Zeit nicht nachfolgen. trotzdem man als sicher
annehmen muß, daß die de jure-Stabilisierung, wenn
man sie ernsthaft wollte, schon lange möglich gewesen
 und auch jetzt sofort durchzuführen wäre.
Ueber die Gründe der trotzdem erfolgenden Aufschiebung
 lassen sich nur Vermutungen aufstellen.
Am einleuchtendsten ist neben dem Hinweis auf
etwaige Möglichkeiten, die sich die französische Rezierung
 bei der Schuldenregelung mit den ehemaligen
 Alliierten offenhalten will, die Vermutung, daß
die heutige {französische Regierung erst die im nächsten
 Jahr erfolgenden Kammerwahlen abwarten will.
Sie hofft, bis dahin die de facto-Stabilisierung
halten und in den Wahlkampf gehen zu können
mit der Parole, daß nur sie nach den bisherigen
Erfolgen auch die endgültige, nämlich die de jure-Stabilisierung
 bringen könne. Sie will weiter in
dem Wahlkampf nicht das Odium der Entrechtung,
die die de jure-Stabilisierung für alle alten Frankengläubiger,
 d. h. vor allem für den Rentnerstand
Frankreichs, endgültig bringen muß, auf sich nehmen
 und in der Wahlperiode noch durchaus offen
lassen, oh nicht eine weitere Verbesserung des Frankenkurses
 kommen könnte. So überzeugend aber
die Begründung klingt, es handelt sich, was betont
werden muß, nur um eine Vermutung, und über
den Bereich der Vermutungen wird man bei dem
sphinxartigen Verhalten der {französischen Regierung
 kaum hinauskommen können; nichts ist aber
30 unsicher, wie das Prophezeienwollen in Währungsfragen.

Es ist klar, daß der jetzige Zustand eine starke
Hemmung für jede Betätigung des saarländischen
Wirtschaftslebens bringt. Jede Währungsfrage muß
ja für das Saargebiet bei seiner Verflechtung mit der
übrigen deutschen Wirtschaft und bei seinen inter-1ationalen
 Wirtschaftsbeziehungen einschneidende
Folgen haben. Ganz besonders gespannt blickt das
Saargebiet auf die Gefahr, daß vielleicht gegen den
Willen der französischen Regierung eine weitere
Besserung des französischen Franken eintritt, zumal
einflußreiche französische Finanzkreise offen auf
eine sclche Besserung hinarbeiten. Es ist möglich,
daß eine solche Besserung für die französische, Wirtschaft,
 als Ganzes gesehen, tragbar erschiene,
trotzdem zweifellos die französische Industrie einschneidend
 davon getroffen würde.‘ Das so gut wie
rein industrielle Saargebiet könnte aber eine Kursbesserung
 in keiner Weise vertragen. Eine solche
Besserung würde natürlich sehr viel schlimmer sich
auswirken, als die Deflation des französischen Franken
 im vorigen lahr. weil heim Finsetzen der danaligen

 Kursbesserung im Saargebiet, wenn. auch
in geringerem Maße wie in Frankreich, der Lebensund
 Lohnstandard nicht auf dem Weltmarktspreis
stand, sondern ihm nach den Gesetzen der voranzegangenen
 Inflation nachhinkte, so daß ein immer
noch erheblicher Spielraum für die Besserung blieb,
bevor Gefahr für die Konkurrenzfähigkeit entstand
ınd die Notwendigkeit der Senkung des Lebensınd
 Lohnstandards eintrat. Heute ist ein solcher
Spielraum nicht gegeben, jede Verbesserung des
“rankenkurses muß daher größte wirtschaftliche
Schwierigkeiten bringen.
Eine ganz eigenartige Erscheinung, scheinbar
allen Erfahrungen bei sonstigen Stabilisierungen widersprechend,
 und andererseits der größten Beachung
 aller Wirtschaftskreise wert, ist die augenblickiche
 Flüssigkeit auf dem französischen
<urzfristigen Kapitalmarkt. Diese Flüssigzeit
 hat zur Senkung des Zinssatzes für kurzfristiges
jeld, teilweise weit unter den Satz langfristiger
Anlagen geführt. In Verbindung mit der Haussestimmung
 hat sie, was kennzeichnend für die Lage
st, den bisherigen französischen Report für Devisen
 sogar in einen Deport umwandeln können.
Die Gründe für die als abnormal zu bezeichnende
"]üssigkeit lassen sich wohl mit Sicherheit erken-1en,
 aber nicht mit Sicherheit in ihrem Wirkungszrad
 abgrenzen. Es handelt sich hauptsächlich um
lie Auswirkung einer starken Kapitaleinwanlerung,
 die von maßgeblicher französischer Seite
auf etwa 20 Milliarden für die letzte Zeit geschätzi
vird. Diese Kapitaleinwanderung geschieht zu einem
zroßen Teil naturgemäß in Devisen und ist in
liesem Falle deutlich daran zu erkennen, welche
Zestände an Devisen die Bank von Frankreich zur
Verhinderung einer Kursbesserung des Franken
ibernehmen.. mußte. Die Kapitaleinwanderung isi
zum Teil zurückzuführen auf ausländisches Kapital,
vobei die Bildung von Haussepositionen für
ien französischen. Franken sicherlich eine große
Rolle spielt. Zum andern Teil handelt es sich um
lie Rückwanderung französischen, während der
nflation in das Ausland geströmten Kapitals. Weier
 kann beobachtet werden, daß ein großer Teil
les französischen, im Inland verbliebenen Sparcapitals
 liquidiert ist und wird und kurzfristige
Anlagen sucht. Bei den aus spekulativen Zwecken
zehaltenen Frankenbeständen ist die kurzfristige Anage
 selbstverständlich. Daß das französische zuückgewanderte
 oder bisher im Inland angelegte
Sparkapital kurzfristig angelegt wird, hat neben den
ıuch hier mitspielenden spekulativen Erwägungen
wohl sicher einen Hauptgrund darin, daß das Unjcherheitsmoment
 der französischen Währung hemnend
 auf eine Tendenz zur festen Anlage des Kapitals
änwirkt. Es kann beobachtet werden, daß es sich
»ei diesem Sparkapital meist um Gewinne aus der
nflationszeit, und zwar um wirkliche Gewinne und
icheinbare Buchgewinne handelt, die das franzöjische
 IJnternehmertum seiner Spartendenz folgend
ıicht etwa, wie es in Deutschland bei der Inflation
zeschehen ist, wieder in irgend welcher Form in
las Unternehmen gesteckt, sondern in Frankreich
ıder draußen auf die hohe Kante gelegt hat. Es ist
<lar, daß durch die Inflation auch in Frankreich die
3Zetriebsmittel der Unternehmungen eine starke Zer-;törung
 erfahren haben. Aber bei der jetzigen noch
vorhandenen Unsicherheit wird das Fazit aus der
abgeschlossenen Inflation noch nicht gezogen odeı
aus der schon allmählich werdenden Erkenntnis noch
nicht der notwendige Entschluß gefaßt, kurz es
wird das aufgesparte Kapital seiner sicher später
            
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