Full text : 32.1927 (0032)

Zur allgemeinen Wirtschaftslage im Saargebiet.
Ergebnisse der Weltwirtschaftskonferenz. — Die französische Währungsfrage. -.
Das saarländische Kohlenproblem. »

In den abgelaufenen Wochen stand die Wirtschaft
der Welt unter dem Eindruck der Ergebnisse, die
die Ende Mai beendigte Weltwirtschaftskonferenz
von Genf gebracht hat. Die weitere Verarbeitung
dieser Ergebnisse ist die Aufgabe der nächsten und
weiteren Zukunft. Wir konnten es an dieser Stelle
schon bei Beginn der Konferenz zum Ausdruck
bringen, daß wir zwar mit großer Spannung, aber
nit niedrig gehaltener Erwartung den Ergebnissen
entgegensähen, und wir haben hierin keine Enttäuschung
 erfahren. Die Ergebnisse sind leider Gottes
 mager und sind vielleicht am wichtigsten nur
nach der negativen Seite, nämlich in der Festlegung
derjenigen Wege, die die Weltwirtschaft nicht beschreiten
 soll, während die positive Seite im wesentlichen
 offen geblieben ist. Aber auch so sind
die Ergebnisse allgemein und vor allem auch für
das Saargebiet mit seiner in die Weltwirtschaft aufs
innigste verwobenen Stellung von größter Bedeutung.

Von den Arbeiten der drei Gruppen, in die sich
die Konferenz teilte, haben diejenigen des Agrarausschusses,
 so wichtig sie auch sein mögen
und so sehr gerade sie das größte Maß positiven
Ergebnisses aufweisen, für das Saargebiet die geringste
 Sonderbedeutung. Zwar ist die Landwirtschaft
 durchaus kein unwichtiges Glied der Saarwirtschaft,
 aber sie tritt im Industriegebiet der Saar
an Bedeutung zweifellos hinter die übrige Wirtschaft
 zurück. Andererseits interessieren natürlich
bei der. gegebenen innigen Verflechtung zwischen
Industrie, Handel und Landwirtschaft die Agrarprobleme
 auch im Saargebiet aufs nachhaltigste.
Das Interesse, das das saarländische Industriegebiet
an diesen Fragen hat, teilt es mit den übrigen Wirtschaften
 der Welt. Es ist beispielsweise klar, daß
das Saargebiet an der Lage der internationalen
Landwirtschaft als des — richtig gesehen — größten
 Verhrauchers seiner Industrieprodukte das lebhafteste
 Interesse hat. Das Interesse ist aber sicherlich
 identisch mit dem Interesse, das die Wirtschaft
der Ruhr oder Belgiens, Luxemburgs usw. haben
muß. Von den Arbeiten des Agrarausschusses sind
hervorzuheben seine Stellungnahme zu der Frage,
ob extensive oder intensive Agrarwirtschaft sein
soll, . die. eine einheitliche Beantwortung in dem
arsteren Sinne brachte, seine Stellungnahme zu dem
Problem des Gileichgewichtes der Preise von Agrarınd
 Industrieprodukten und — besonders wichtig
für den Handel, aber auch für die Industrie von
zroßem Interesse — seine besondere Empfehlung
der Entwickelung des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens
 mit der deutlichen Tendenz, den
Bezug industrieller Erzeugnisse für die Landwirtschaft
 unter Ausschaltung des Handels zu bewerkstelligen
 und gleichzeitig der Landwirtschaft, eine
starke Stellung gegenüber dem industriellen Erzeuzer
 zu geben.
Von größerem Sonderinteresse für das Saargehiet
ind die Arbeiten des Industrieausschusses,
den man eindeutiger wegen des Hauptproblems,
das er bearbeitet hat, einen Kartellausschuß
nennen könnte. Hier haben die Ergebnisse den
stärksten negativen Charakter. indem man nämlich

 festgestellt hat, daß internationale Kartelle, so
wertvoll sie auch sein mögen, nicht das Allheilnittel
 sind, um alle Handelshemmnisse trotz Wei-:erbestehen
 der Zollmauern zu beseitigen, indem
nan weiter den Gedanken der staatlichen Kontrolle
nternationaler: Kartelle abgelehnt und damit die
Gefahr gebannt hat, daß die für einen Wirtschaftsrieden
 überaus wichtigen privatwirtschaftlichen Ver-;tändigungen
 von politischen Gesichtspunkten be-1errscht
 und auch auf diesem Gebiet der Politik
ier Primat vor der Wirtschaft eingeräumt wird,
während man doch die Entwickelung in der umgecehrten
 Richtung anstreben muß. Das Interesse des
Saargebietes an diesen Ergebnissen braucht nür
lurch den Hinweis auf den internationalen Eisenjakt,
 dessen eines wichtiges Kernstück die Ab-;atzregelung
 für die saarländische Eisenwirtschaft
st, beleuchtet zu werden. Die Geschichte der verichiedenen
 Saarzollabkommen und die weiteren
Wünsche des Saargebietes auf ihre Verbesserungen
jeweisen ebenso wie die Befürchtungen, die das
Saargebiet und dabei besonders auch die saarlänlische
 Schwerindustrie wegen der geplanten Ver-;chärfung
 des französischen Zollschutzes hegen
nuß, daß eine staatliche Zollabrede keinesfalls entjehrt
 werden kann, so wichtig internationale Priatverständigungen
 auch sein können und so sehr
m speziellen Falle des Saargebietes erst das Zu-:tandekommen
 des Eisenpaktes eine einigermaßen
ıusreichende Lösung der Zollfrage ermöglichte.
Zeides, privatwirtschaftliche Verständigung und
;taatliche Zollabreden müssen sich ergänzen und
»edingen, aber eines kann nicht ohne das andere
jein. Und weiter ist sicher, daß das Saargebiet es
ı1ur begrüßen kann, wenn privatwirtschaftliche Veritändigungen
 nicht unter irgendeinen Zwang staaticher
 Machtpolitik kommen, denn gerade aus dem
Sieg der Wirtschaftsvernunft erhofft ja das Saarzebiet
 Lösung auch seiner politischen Zukunft.
Am allermeisten und unmittelbarsten interessiert
var das Saargebiet an den Arbeiten des Handelsıusschusses,
 der sich vornehmlich mit den
Zollfragen beschäftigt hat. Es war hier noch mehr
vie bei der Kartellfrage der das Saargebiet sicherich
 am schärfsten von allen Wirtschaftsgebieten
jerührende Plan der Ueberhöhung des französischen
Zollschutzes, der — mehr oder weniger deutlich
ıusgesprochen — im Mittelpunkt der Debatte stand,
ınd das wichtige negative Ergebnis ist, daß
“rankreich durch seine Zustimmung“ zu den allgeneinen
 Empfehlungen des Ausschusses eine gevisse,
 allerdings nicht zu überschätzende Bindung
ingegangen ist, einen Teil seiner Absichten nicht
zu verwirklichen. Hoffentlich wird diese Bindung
ei der endgültigen Festlegung des französischen
Zolltarifs und bei den schwebenden Handelsverragsverhandlungen
 Frankreichs, von denen der Hanlelsvertrag
 mit. Deutschland der wichtigste ist und
edenfalls für das Saargebiet in allererster Linie in
Frage‘ kommt, günstige Folgerungen tragen. Im
iibrigen hat der Ausschuß auch positive Arbeit
yeleistet, aber hier sind es schließlich nur Empfehungen,
 über deren Wert erst ihre Beachtung durch
lie einzelnen Staaten entscheiden wird. Fs handel
            
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