Full text : 32.1927 (0032)

Gewiß sind seit Oktober 1926 Preissenkungen vorgenomnen
 worden, die im Durchschnitt 10% betragen dürften.
Auch im letzten Vierteljahr wurden einige Artikel im
Kleimhandel verbilligt, wovon die Regierungskommission
nit Genugtuung Kenntnis genommen hat. Diese Preissenkungen
 erscheinen aber nicht ausreichend. Gerade bei
den Artikeln, die für die arbeitende Bevölkerung in erster
Linie in Betracht kommen, ist der Preisabbau noch unzenügend,

Die Regierungskommission richtet daher an alle Kreise
des Handels die dringende Bitte, auch ihrerseits im allgemeinen
 Interesse Opferbereitschaft zu beweisen und für
vorgenannten Artikel eine allgemeine erhebliche Preisaenkung
 eintreten zu lassen,
In bezug auf den Handel mit Gegenständen des täglichen
3Zedarfs und mit Lebensmitteln sei ganz besonders darauf
ıingewiesen, daß beim Abbau der Kalkulationsvorschriften
m Jahre 10923 im BEinverständnis mit den Kreisen des
Handels der auch heute noch geltende Grundsatz aufzestellt
 wurde, im Saargebhiet den Konsumenten keinen
nöheren Preis für diese Artikel abzufordern als in den
benachbarten Gegenden des gemeinsamen Zollgebietes. Bedauerlicherweise
 muß aber immer wieder festgestellt werden,
 daß in den benachbarten Städten (wie Metz und
Straßburg) der Konsument billigere Preise zahlt als im
5aargebiet,
Die Regierungskommission wendet sich daher an den
Groß- und Kleinhandel mit der Bitte, zusammenwirken zu
wollen, um in allernächster Zeit die unbedingt notwendig
gewordene Senkung herbeizuführen und der Bevölkerung
"ühlbar zu machen.

Der Präsident der Regierungskommission
des Saargebietes: 1. V. gez. Vezensky.‘“
Entsprechende Schreiben sind gleichzeitig an den Schutzverein
 für Handel und Gewerbe im Saargebiet und an die
Handwerkskammer gerichtet worden
Dem Schutzverein für Handel und Gewerbe ist inzwischen
auf eine Rückfrage an die Regierungskommission, in der
um Mitteilung von Unterlagen, auf die sich die Regierungs-Kommission
 bei ihrem Schreiben stützt, gebeten wird, unterm
14. Mai das nachfolgende Schreiben der Regierungskommission
zugegangen:
„Auf Ihr Schreiben vom 29. April 1927 betr. Preisgestaltung
 für Gegenstände des täglichen Bedarfs gebe
ich Ihnen nachstehend eine kurze Gegenüberstellung der
Preise von solchen Gegenständen und Leistungen des täglichen
 Bedarfs, deren Preise im Saargebiet nach den statistischen
 Ermittelungen von den Preisen in Elsaß-Lothringen
 wesentlich abweichen:
. Lebensmittel:

Preise
im Saar-=biet in Eisaß-Lothr,
Tr.
Margarine U
Molkereibutter 0,—
Milch 1,20
Schweineschmalz (inländ.) x e—15,50
3Zlutwurst 12,—
Leberwurst 12,—
3ier ('/2o) 0,60
Leistumgen des täglichen Bedarfs:
Rasieren 1,50 1,—
Schuhsohlen mit Fleck 20,— 20,—
Anzug machen 00,— 300,—
Diese Preise sind dem vorhandenen Ssatistischen Material
antnommen, und es wäre sehr wohl möglich, diese Liste
ı1och zu erweitern, jedoch müßten dann weitere Preisvergleiche
 an Ort und Stelle vorgenommen werden,
Auch ein Blick nach der Preisgestaltung im Reich für
manche Artikel ist nicht ohne Interesse. Beispielsweise
sind die zubereiteten Heringe in Dosen (Bratheringe, Heringe
 in Gelee usw.) ein beliebtes Essen im Arbeiterkreisen.
Da <liese Artikel von der französischen Bevölkerung nicht
n dem Maße konsumiert werden und die französischen
Fabriken daher darauf weniger eingestellt sind, werden
liese Heringe vom Reich bezogen. Der Verkaufspreis in
den Läden beträgt pro Kilogramm 11 bis 12 Fr., während
lie entsprechenden Preise im Reich 80 Pfg. bis 1 Mark
vetragen, das sind beim heutigen Kurse 4,80 bis 6 Fr.
Der saarländische Konsument zahlt daher für dieses Lebensmittel
 genau 100% mehr als der deutsche Konsument.
Mit der Zollbelastung ist diese Differenz nicht zu erxlären,
 da diese pro Kilogramm nur 42 Centimes beträgt.
Die Regierungskommission rechnet jedenfalls auf den
zuten Willen und friedlichen Sinn der saarländischen Handelskreise,
 damit sie es sich ersparem kann, sonstige Maßnahmen
 zur Herbeiführung einer Preissenkung zu erwägen.
Der Präsident der Regierungskommission
des Saargehietes*‘ 1 V ovr7 Ver7zenckv “

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14.50
14,50
0.90

Der Vollversammlung Hegt zu ihrer Beratung neben
lesen beiden Schreiben noch eine vom Schutzverein ver-'aßte
 Zusammenstellung amtlicher Zahlen übeı
lie Indexbewegung in die Preisbildung und insbesondere
lie amtlichen Zahlen über den Kleinhandelspreis in Saar
brücken und Straßburg vor.
Der Syndikus erstattet zunächst einen einleitenden Beicht.
 Er gibt Kenntnis davon, daß sich die Geschäftsführung
sofort nach Erhalt des Schreibens mit dem Schutzverein und
ter Handwerkskammer in Verbindung gesetzt habe. Der Schutzr‚erein
 ‘habe nach Vereinbarung mit der Handelskammer auf
ten gestrigen Tag eine Sitzung des Hauptausschusses beufen,
 damit die Beschlüsse dieses Gremiums zur Unterage
 für die ‘heutige Stellungnahme dienen könnten, In
leser Hauptausschußsitzung sei die Handelskammer durch
hren ersten stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Lam->ert,
 und durch den Syndikus vertreten worden, Alk
Zrgebnis der dort gepflogenen Beratungen und der von der
landelskammer angesteilten Ermittelungen dürfe man schon
‚on vornherein zu der Feststellung kommen, daß die Rezierungskommission
 sich nur auf sehr geringe Unterlagen, die
zudem nicht einmal unbedingt zuverlässig seien, stütze. Man
rauche im übrigen nur auf das Schreiben der Regierungs-<ommission
 vom 4. Mai an den Schutzverein hinweisen, en
;chon erheblich nach einem Rückzug der Regierungskomnission
 aussehe, Man habe den Eindruck, daß das Vor:
sehen der Regierungskommission mehr aus einem unkontroljerten
 Gefühl heraus erfolgt sei.. Es ähnele sehr stark der
jekannten Preisabbauaktion der Regierung Luther in der Zeit
der deutschen Deflationskrise, einer Aktion, die bekanntlich
aus allen Kreisen der Wirtschaft als verfehlt bezeichnet
vurde und die nur um deswillen keinen großen Schaden
wıgerichtet hat, weil sie schließlich nach langem Hin und
der völlig eingeschlafen ist und einschlafen mußte. Man
ı1abe den Eindruck, daß die Regierungskommission, die sick
a oft von wirtschaftshistorischen Argumenten leiten lasse,
ı1ach dem Vorbild im Reich, ohne es auf seine Bedeutung
und Wirkung zu untersuchen, vorgegangen sei. Es sei ja
zut und recht, daß man aus den Vorbildern anderer lernen
volle, aber man solle dabei nicht alles unbesehen nachmachen,
sondern auch untersuchen, ob nicht etwa das Vorbild anderer
in Fehler gewesen sei, und dann aus diesen Fehlern lernen.
Der Syndikus gibt dann eine eingehende Darlegung an Hand
ler vom Schutzverein zusammengesteliten amtlichen Zahlen
ınd geht dann weiter auf die Darlegungen des Schreibens der
degierungskommission vom 4. Mai ein. Wenn sich auch
ılernach bereits jetzt, wie er schon eingangs festgestellt
1abe, ergebe, daß die Forderung der Regierungskommission
<aum eine Berechtigung habe, so sei es doch unter allen
Jmständen notwendig, der ganzen Frage mitallem Ernst
ı1achzugehen. Es seien zweifellos Faktoren vorhanden, die
die Preisbildung des Saargebietes ganz anders gestalten
ıls im benachbarten Elsaß-Lothringen. Er erinnere nur an
len überaus großen Anteil, den die deutsche Ware für die
Versorgung des Saargebietes nach wie vor habe und bei
len Bedürfnissen und der Geschmacksrichtung der saarlänlischen
 Verbraucher auch weiter behalte und behalten müsse,
Diese ganzen deutschen Waren seien aber durch den Zoll
ınd manchmal noch mehr durch die Zollnebenspesen beastet.
 Weiter sei sicher, daß die Methode der Preisverrleiche
 an vielen Mängeln leide. Alle Kreise der Saarwirtvirtschaft,
 nicht nur Handel, Handwerk und Landwirtschaft.
‚ondern ganz maßgeblich auch die Industrie hätten ebenso
vie die saarländischen Verbraucher das größte Interesse
laran, daß die Frage der Preisbildung einmal gründlich
ıntersucht und ihren Ursachen nachgegangen werde. Er
viederhole daher den Vorschlag, den er im Einvernehmen
nit Herrn Lampert schon gestern dem Schutzverein mitreteilt
 habe und der dort einstimmig begrüßt worden sei,
laß nämlich die Handelskammer in Zusammenarbeit mit
ıllen Kreisen der Wirtschaft, insbesondere aber auch mit den
jewerkschaften und im Einvernehmen mit den zuständigen
stellen der Regierungskommission eine eingehende Unersuchung
 über die Frage der Preisbildung
‚m Sdargebie: anstelle. Eine Klärung dieser Frage
verde ganz wesentlich dazu beitragen, den Wirtschaftsfrieden
m Saargebiet zu Sichern. Selbst wenn die gegenwärtige
Aktion der Regierungskommission mangels der vorhandener
Jnterlagen sich erledige, sei ja doch die ganze Frage noch
ıicht aus der Welt geschafft. Man wisse, ZB sie immer unc
mmer wieder auftauche, und es erscheine als eine überaus
ıützliche Arbeit, ein für allemal in objektivster Weise die
jeferen Ursachen und Zusammenhänge aufgedeckt zu haben
In der anschließenden Aussprache, am der sich u. a.
lie Herren Süßkind, Lampert, Rich. Becker und
Seibert beteiligen, werden die Ausführungen der Regie-‘ungskommission
 einer sachlichen Kritik unterzogen. Inszesondere
 weisen die verschiedenen Redner auf die Unzuänglichkeit
 der statistischen Erhebungen hin. Diese werder
sesninders an kleineren Ortschaften durch völlig unausge
            
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