Die Auswirkungen des französischen Zolltarifentwurfs
in Frankreich, im Ausland und auf das Saargebiet.
Bei der Tendenz des neuen Zolltarifentwurfs war
von vornherein zu erwarten, daß Gegenwirkungen
nner- und außenpolitischer Art nicht ausbleiben
würden. Zuerst meldete sich das Ausland zum
Wort, indem es sowohl durch seine Presse wie
auch durch diplomatische Vorstellungen seinen
starken Bedenken gegen den Tarifentwurf Ausdruck
verlieh. Neuerdings ist aber nach anfänglichem
Schweigen auch innerpolitisch der Kampf um den
Zolltarif auf der ganzen Linie entbrannt. Den Anstoß
hierzu gab die Landwirtschaft, die sich dadurch
besonders benachteiligt fühlte, daß die industriellen
Zölle im Durchschnitt gegenüber den
Vorkriegssätzen versiebenfacht wurden, während bei
den sie interessierenden Zollsätzen lediglich ein
Koeffizient von 3,5 zur Anwendung gekommen sei.
In einer Veröffentlichung fordern die landwirtschaftlichen
Organisationen die einheitliche Zugrundelegung
dieses Koeffizienten für den gesamten Zolltariıf,
wobei sie sich im allgemeinen mit dem gegenwärtigen
Zollschutz als durchaus zufriedengestelli
erklärten. Sollte sich jedoch. das Parlament nicht
zu einer Senkung der industriellen Zölle entschließen
können, sondern dem der Industrie durch den Tarifentwurf
vorgesehenen „Superprotektionismus‘ seine
Zustimmung erteilen, so wird folgerichtigerweise
eine Angleichung der landwirtschaftlichen Zölle nach
oben gefordert, „da durch die Uebersteigerung des
industriellen Protektionismus die Existenz der Landwirtschaft
gefährdet sein würde‘. Die Regierung
wartete das Wiederzusammentreten der Kammer
nicht ab, sondern nahm von sich aus eine kräftige
Korrektur der landwirtschaftlichen Zölle nach oben
vor, entschloß sich also bedauerlicherweise für den
zweiten Weg. Die Landwirtschaft war nach einer
Aeußerung des „Journal“ einigermaßen überrascht,
als sie vernahm, daß die Regierung die Sätze für
Getreide, das jetzt mit 18,50 Fr. belastet ist, von
25 auf 35 Fr., für Vieh von 34 auf 75 Fr., für
Frisches Fleisch von 60 auf 125 Fr. erhöht habe.
Diese Maßnahme hatte zunächst die von der Regiesung
zweifellos nicht erwartete und auch nicht gewünschte
Wirkung einer fühlbaren Preissteigerung
für Mehl. Die hierdurch drohende Verteuerung der
Lebenshaltung rief nunmehr einerseits die Industrie,
zum anderen aber auch die breite Masse der Verbraucher
auf den Kampfplan. Insbesondere protestierte
die Industrie durch. das Sprachrohr der
„Usine‘“ aufs heftigste gegen einen „super-protectionisme
aussi irraisonne‘“, den sie als höchst ge-Fährlich
vor allem für die verarbeitenden Industriezweige
bezeichnet („Usine‘‘ vom 30. April 1927).
Bei dieser Auseinandersetzung wurden überdies
einige Einzelheiten bekannt, die recht interessante
Einblicke hinsichtlich des Zustandekommens der
Zolltarifnovelle gestatten. So gibt die „Usine“, der
man gewiß keine freihändlerischen Bestrebungen
nachsagen kann, in ihrer Nummer 17 vom 23. April
1927 offen zu, daß die Veröffentlichung des Tarifentwurfs
in industriellen Kreisen einige Ueberraschung
hervorgerufen habe, weil man nicht zu
hoffen gewagt habe, daß den von: der Industrie
gestellten Maximalforderungen in solch’
weitem Ausmaße Rechnung getragen würde. Auf
Grund wiederholter Mahnungen und Warnungen
von Herrn Serruys hätte man im Gegenteil be-Hürchtet.
dem vorhandenen Schutzhediürfinie nicht
unbeträchtliche Opfer bringen zu müssen und: hätte
lemgemäß seine Anträge kräftig nach oben abgerundet,
um für die erwarteten Verhandlungen mit
Jem Handelsministerium noch genügend Spielraum
zu haben. Statt dessen habe die Regierung offen-5jar,
ohne die erwartete eingehende Prüfung der
zeforderten Zollsätze vorzunehmen, diese kurzerı1and
in den Tarifentwurf übernommen, was man
jamit zu begründen sucht, daß sich die Regierung
auf diese Weise ein möglichst scharfes Verhandungsinstrument
für die bevorstehenden Vertrags-‚erhandlungen
schaffen wollte. Die Industrie scheint
ich keinen Illusionen darüber hinzugeben, daß die
Aufrechterhaltung der im Tarifentwurf vorge-;ehenen
Zollsätze ein Ding der Unmöglichkeit sein
Jürfte und daß die Ueberspannung der Sätze sich
schließlich gegen sie selbst richten könnte. „Et
Yest pourquoi on est arrive€ ä se demander, si
ze projet de tarif n’Etait pas trop beau.“
Wie „schön“ der Tarifentwurf ist, dafür nachstehend
noch einige besonders markante Beispiele.
Die Erhöhung der Zollsätze beträgt nach dem
‚Journal‘“ bei folgenden Gegenständen des tägichen
Bedarfs: Schuhe 10—15 %. einfache Kon-'ektion
12—18 %, Hüte 9%, Wirkwaren (z. B.
Strümpfe) 8 0%, Baumwollstoff 30—50 %, bei Blechwaren
und Lampen 100—200 %. Einfachstes Porzellan
soll einem Wertzoll von 35% unterliegen,
was eine Erhöhung von 25—30 % bedeutet. Die
Zölle für Bürsten sollen verfünffacht werden. Ein
>ordautomobil im Gewicht von 1200 kg soll in Zucunft
14 100 Fr. Zoll kosten, was einer Verdoppeung
des Kaufpreises gleichkommt. Völlig uner-;schwinglich
sind die Zölle für Spielzeug, die
n zahlreichen Fällen um 800—1000 % gesteigert
verden sollen. Es liegt auf der Hand, daß die Ein-‘ührung
aller dieser Zollsätze eine unmittelbare
Zückwirkung auf die allgemeine Preisgestaltung
ausüben muß. Dazu kommen nun noch die mittel-2aren
Auswirkungen, die sich aus den vorgesehenen
Zrhöhungen für Werkzeuge, Maschinen aller Art,
»lektrotechnische Erzeugnisse usw. ergeben müssen.
=3s ist daher nicht weiter verwunderlich, wenn neben
lem bekannten Comite d’action €Ecoanomique et
louaniere, das die Interessen von Handel, Spedition
ınd Schiffahrt vertritt, auch die Verbraucher
sich aufs heftigste gegen die Absichten der Regierung
zu wehren beginnen und wenn die Industrie
sich plötzlich einer durchaus nicht unbeachtlichen
Sinheitsfront gegenübersieht.
Es kommt indes noch ein weiterer sehr bedeuungsvoller
Umstand hinzu, der bewirkt, daß die
industrie den Geschmack an der chinesischen Mauer,
nit der sie offenbar Frankreich umgürten wollte,
>ereits ein wenig verloren hat. Man fängt nämlich
an zu begreifen, daß die Uebersteigerung des Zollschutzes
sich nicht nur auf innerpolitische Rückwirkungen
beschränkt. Die „Usine‘“ schreibt: „Ce
qui doit passer au premier plan, c’est de conserver
et meme d’accroitre nos debouches ä Vexterieur,
car les ventes ä l’exportation sont devenues pour nos
industries ‚et particulierement pour notre m6tallurgie
me&canique et Electriqgue une nEcessite de premier
oardre.“ Im „Journal‘ vom 5. Mai wird ferner
darauf hingewiesen, daß die Ausfuhr von Fertig-Jabrikaten
nicht weniger als 62 % der französischen
ecamtansfnuhr erreicht während ummekehrt der