Full text : 15.1935/36, 7-12 (0015)

Kr.

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Sänder-Zeitung des Gaues Westmark.

Seite 855

UNeslere

Ludwigshafen-Rhein-Mundenheim,
im Dezember 198365.
Lieber Freund und Kupferstecher!
Komm, setze Dich im Geiste zu mir auf vie Ofenbank
Hinter einer Flasche Königsbacher will ich vergnüglich
mit Dir plaudern!
Ging ich da kürzlich an einem späten Abend von
Michelshausen nach Zipfelbach. Die Schenke
zum „Deutschen Sänger“ lud mich zur Rast ein. Im
bberen Sälchen probse der Gesangverein, und als man
von meiner Anwesenheit erfuhr, holte man mich hinauf.
Nach vollendeter Liedarbeit ging man zum gemütlichen
Schoppen über. Rede und Gegenrede kamen bald in
Fluß, bis schließlich die Sänger mit Fragen auf mich ein—
stürmten, die in mir den Zweifel aufkommen ließen, ob
ich in ein Dorf sechs Stunden hinterm Mond geraten sei:
Warum erfährt man nichts vom Gaufest? Wann und wo
soll's sein? Welche Chöre sind zu üben? Wie kommen
wir in den Besitz derselben? Was ist mit den versproche—
nen Ehrennadeln? Wie sind unsere Beiträge zu zahlen?
Wie steht es mit dem offenen Liedersingen usw. usw
Ich frug nach der Sängerzeitung. Was! Sän⸗
eim ? Wir haben im Verein schon drei Monate
eine nß gesehen. Das ist ein Skandal! Der Rede⸗
schwall ging ins Schimpfen über, die Wogen des Unmuts
nahmen die Richtung nach Herzogenbrücken. Die Zipfel—
bacher sind wahrhaftig nicht auf den Kopf gesallen, be—
sonders wenns gilt, andern die Leber zu schleimen, zu—⸗
mal hinterm Schoppenglas.
Glücklicherweise wohnte der Vereinsführer im Nach—
barhaus. Abgemacht! In eigener Person ging ich mit
ihm auf die Suche nach der Sängerzeitung. In der Woh—
nung kramten wir laonge in einer alten Schublade unter
Kalendern, Steuerzetteln, Briefen und alten Büchern
herum, bis drei ungeöffnete Kreuzbandsendungen hervor—⸗
kamen, die durch die allzugroße Aufräumungsliede der
Hausfrau in Vergessenheit geraten waren.
Na, Bruderherz, und jetzt?
Auf den Zehen gings zur Stube hinaus, um die in der
Kammer schlummernde Eva nicht zu wecken. Triumphie-⸗
rend kam ich bei den Sängern an. Bald war ich Meister
der Lage. Ich las alle gauamtlichen Bekanntmachungen
der letzten drei Monate, das Programm zur Sängerkund⸗
gebung 1936 u. a. m. vor — mit wohlgefälligem Aus—
druck — und bald herrschte Klarheit in allen Dingen.
Der Vereinsführer mochte sich in die Rolle eines Adam
im Paradies versetzt fühlen und warf die Schuld auf seine
Fva! Soweit mein Erlebnis. Und Du mein Fcreund auf
der Ofenbank, weißt Du, was ich den Zipfelbachern ins
Ohr gesagt habe? Das gilt auch für Dich!
Was ist die Sängerzeitung?
Was will sie?
Sie ist das Sprachrohr des Gauführers,
sein Laufbursche. Wohin soll es kommen, wenn wichtige
Anordnungen hinausgehen, die aber garnicht gelesen
verden? Da ist jede Fühlung verloren. Die Vereine
virtschaften auf eigene Faust.

Sie ist das Band gemeinsamen Strebens.
Gute Ratschläge, fördernde Gedanken, wegweisende Er—
fahrungen finden in ihr den geistigen Niederschlag. Das
gibt Anregung und Nacheiferung. Das hilft bauen und
entwickeln. Und praktischer Sinn weist neue Wege.
Sie ist ein un versiegbarer Quell, von dem
ruchtbringende Rinnsale hinabführen in Gruppen und
Vereine.
Sie ist der helle Sonnenschein, der die lied—
frohen Seelen mit lieblichem Glanz umgibt und den vom
Thorleiter in den Proben vorbereiteten Boden befruch—⸗
tend durchwärmt.
Sie ist Dein Ratgeber! Darum sollte sie in
keinem Sängerhause fehlen. Das wäre die rechte Treue
dem Blatte gegenüber, das sich ganz in den Dienst
angesbrüderlicher Erziehung stellt und so letzten Endes
einer guten deutschen Sache dient.
Sie ist Dein Berichterstatter über das ge—
sellschaftliche und musikalische Leben in den Vereinen,
Bauen und Bünden weit dräußen im ganzen Lande, auf
daß Du hinhorchen kannst, wie es um die Pflege des
Liedes in Heimat und Vaterland steht.
Das ist und will sie, Deine Sängerzeitung!
Wiesiehts aberin Wirklichkeit aus? Gibt
es nicht noch mehr Zipfelbacher? Lieber Freund, nicht
chimpfen! Wer schimpft, hat Unrecht. Ich weiß bestimmt,
daß die Sängerzeitung jeden Monat in Deinen Verein
zommt. Und wenn Du und Dein Nachbarsänger nichts
davon erfahren, so suche die Schuld nicht in Herzogen⸗
brücken. Es gibt in der Welt noch mehr Evas Und
leider manchen Adam!
Ich mache Dir einen Vorschlag: Verlange von Deinem
Bereinssührer, daß er regelmäßsg in der ersten Monats—
vprobe die Sängerzeitung mitbringt und die gauamtlichen
Bekanntmachungen bespricht. Noch besser: Du raffst Dich
auf und pfeifst auf die lumpigen paar Pfennige.
Du wirst BestellerDeinerSängerzeitung
und nimmst fie daheim unterm Lampen
schein gemütlich vor die Brille! Dann fühlst
du erst ihren wahren Wert, Du bist beim Lesen unter
Brüdern, Du genießest im Konzertsaal die Lieder der
Konkordia“, begleitest den Liederkranz zum, Abend⸗
tändchen, erlebst große Stunden vaterländischen Ge—
schehens, Du hörst die Ratschläge Deiner Sängerführer,
Du bist mit allen verbunden. Deine Sänger⸗
zeitung stellt Dich mitten hinein, in ein
freudiges Liedschaffen, und sollte, Dein
Häuschen auch abseits vom Wegestehen.
Und wenn Du Deine Zeitung hältst, dann tuts auch der
Meyer, und der Mungz, der Müller, und der Kunz! So,
nein Lieber, das ist die Predigt von Zipfel—
ach. Uebers Jahr will ich wieder den Wieg nach
Michelshausen und Zipfelbach unter die Füße nehmen,
dann kommie ich auch bei Dir vorbei. Will sehen, ob i ch
auf Deinem Fensterbrett die Sängerzei—
tung liegensehe.
So grüßt Dich mit Heil Hitler! Dein
W. Daniel.

— Du mit all Deinen Sangesbrüdern unser Gaue
 n Es witd höchste Zeit, daß Ihr es Euch besorgt!

8 Dinge brauch ich zeden Tag. wovon ich keines missen mag

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