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Sänger-Zeitung des Gaues Westmark.
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vtehr sleines Gebetutgbages.
Gedenktage haben nur zu häufig das Schicksal, eben „zur Kennt⸗-ais“
genommen zu werden. Sie können aber auch zum Bekennt⸗
nis werden. Wir haben dies erst in diesem Jahre erlebt, da die
Bach- und Händelfeiern, die in allen größeren deutschen Städten unter
maßgebender Förderung des Reiches durchgeführt wurden, zur groß—⸗
artigen Bejahung des Lebenswerkes dieser beiden deutschen Meister
vurden. Wenn man sich nun heute unter der Führung der gleichen
taatlichen Institutionen und Organisationen anschickte, eines andern
Sroßmeisters der deutschen Musik zu gedenken, eines Meisters, der
gewürdigt wurde, mit Bach und Händel in gleichem Atem genanni
zu werden, dann muß das mehr bedeuten, als nur oberflächliche Hin—
nahme, mehr als nur Kenntnisnahme von ein vaar Zeitungsartikeln
und Rundfunkvorträgen.
Und doch, vor 100 Jahren noch war der Name Heinrich Schütz so
zut wie unbekannt. Vor 50 Jahren wurde die Dreihundertjahrfeiet
seines Geburtstages das Bekenntnis einiger weniger Fachgelehrter zu
dem großen Meister und Anlaß, seine in Bibliotheken schlummernden
Werke zunächst einmal einer breiteren Oeffentlichkeit zugänglich zu
machen. Erst die letzten Jahrzehnte ebneten mit der Befinnung
auf die unvergänglichen Werte einer großen musikalischen Vergangen—
heit den Boden für eine neue Schützpflege und machten die Zeit reis
zum Bekenntnis einer Nation für einen ihrer größten Söhne
Zärten der Zeit zu mildern suchte, wie er Eingaben an seinen Brot—
zerrn richtet, um die foziale Lage seiner Musiker inmitten der Wirren
des Krieges zu sichern. Früh verlor er seine Familie. Seine Musiker
mußten sie ihm, dem Einsamen, ersetßen.
Der Musiker.
Scharf umrissen liegt heute Schützens Lebenswerk vor uns. Sein
deben fiel in die traurigste und zerrissenste Zeit, die je Deutschland
sah. Die Ohnmacht des Vaterlandes, seine wirtschaftliche Not brachten
s mit sich, daß mehr und mehr italienischer Geist sich in deutschen
Landen breit machte. Mitten in der Zeit aber, da an den deutschen
Fürstenhöfen Italiener sich einnisteten, da der Deutsche voll über—⸗
riebener Ehrfurcht zum fremden Geist emporschaute, weil er rings
nur Leere sah, in der Zeit, da in der hoffnungslosen Oede, inmitten
der Wüsie, die da Deutschland hieß, der Bestand der deutschen Kultur
zefährdet erschien, da geschah das Wunder, da zeigte sich erst die
draft des deutschen Blutes, da erstand Heinrich Schütz
n seiner ganzen Größe Und diese Größe besteht darin, daß er
deutscher blieb, nur Deutscher. Nicht, daß Schütz die
nannigfältigen Einflüsse von jenseits der Alpen nicht verwertet hätte.
rnicht, daß er beispielsweise den venezianischen Prunkstil, die klançzolle
Mehrchörigkeit und weiterhin die neue Errungenschaft der
Monodie, wie sie in der italienischen Oper besonders zum Durchbruch
rzam, verschmäht hätte! Aber er gestaltet um, vertiefte, gab der über—
zommenen Form Seele und drückte ihr den Stempel seiner Persön⸗
ichkeit auf. Er konnte es, weil in ihm die rassischen Bedingt—
eiten besonders mächtig waren. Schütz ist unter den Musikern
ielleicht der reinste Vertreter der nordischen Rafsse. Herbheit
aart sich bei ihm mit Kühnheit, Phantasie mit gedanklicher Tiefe,
eidenschaftlicher Ausdruch von vulkanischer Gewalt mit diszipliniertet
zucht.
Man zählt Schütz zu den frühen Barockmeistern. Gewiß, sein Stil,
zie Elemente seiner Tonsprache, die Mittel für sein musikalisches Ge⸗
talten, sind die des Barock. Aber das Wesentliche, das Tiefste in
einer Musik ist die Beseelung, dasjenige, was sich aus den
dräften des Blutes in seine Musik ergoß, das, was ihn über seine
zeitgenossen hinaushebt. Und das ist wie bei Bach nichts anderes als
ie Aeußerung des gotischen Geistes. Man möchte ihn mit
zrünewald vergleichen, so gotisch wirkt die Kühnheit seiner Gesichte,
zie Realistik feiner Eingebungen. Innerlichkeit, Mystik, herbe Rein⸗
seit der Gesinnung, was könnten es Gotischeres, Deutscheres geben?
Erhalten ist uns von Schützens Riesenwerk nur die Vokalmusik, in
der Hauptsache Kirchenmusik. Wir finden darunetr eine Vielfältigkeit
»er Formen, von größeren vielstimmigen und mehrchörigen Motetten
»is zu den geistlichen Konzerten für Chor oder Eingelstimmen mit
Instrumenten, von denen zumal die Dialoge zu den wundervollsten
S„chöpfungen voll dramatischer Spannungen gehören. Das Größte aber
ind die in den letzten Jahren häufig aufgesührten Passionen und
zistorien, allen voran die Matthäuspassion. die „Sieben Worte“ und
zie Weihnachtshistorie.
Heinrich Schütz kann auch den Ruhm für sich in Anspruch nehmen,
der Komponift der ersten deutschen Oper gewesen zu sein.
62 wird in Torgau seine Oper „Daphne? aufgeführt. Das Textbuch
»on Opitz, eine freie Uebersetzung des ersten italienischen Operntert⸗
»uches von Rinuceini, ist uns erhalten, die Musik, wie die zu einigen
zalletten und andern dramatischen Werken sind leider verschollen.
Es ist kaum verständlich, daß Heinrich Schütz, der zu Lebgzeiten so
große Verehrung genoß, nach seinem Tode fast völliger Vergessenheit
inheim fiel. Und doch scheint gleichsam unterirdisch eine direkte Linie
don ihm zu Bach hin zu führen, wenn dieser auch kaum eine Note
on Schütz gekannt haben mag. Es ist wie das Walten der Rassenseele,
vor dem wir uns in Ehrfurcht beugen.
Unserer Zeit erst ist es vorbehalten, Heinrich Schütz wieder zu
erwerben, um ihn zu besitzen. An ihm erfülle sich der wahre Sinn
ind die Aufgabe des Gedenkjahres, tätiges Bekenntnis zu
verden zum Werk eines der ganz Großen der deut⸗
schen Geistesgeschichte!
Dr. Ernst Stilz, Neunkirchen (Saar).
Der Mensch.
Heinrich Schütz entstammt einer mitteldeutschen Familie. Großvater
ind Vater waren ehrsame Gastwirte jener in Weißenfels als
Besitzer des heute noch bestehenden Gasthofes „Zum Schützen“, dieser
in Bad Köstritz. Dort wurde Heinrich Schütz am 8. Oktober 1588
geboren. Früh scheinen sich musikalische Anlagen gezeigt zu haben,
denn allein seiner schönen Stimme wird er es nicht zu verdanken
jehabt haben, daß der Landgraf Moritz von Hessen auf den Drei—
zehnjährigen aufmerksam wurde und ihm in seiner Erziehungsanstalt,
dem „Collegium Mauritianum“ in Kassel, eine sorgfältige, allseitige
Erziehung angedeihen ließ. Noch zweimal griff dieser sein Gönner
entscheidend in sein Leben ein. Das erstemal, als er den jungen
ztudiosus juris, der an nichts weniger dachte, als daran, den Beruf
des Musikers zu ergreifen, von der Unlversität Marburg zur musika—
lischen Ausbildung nach Venedig zu dem damals berühmtesten italieni—
schen Meister Giovanni Gabrieli sandte; das zweite Mal nach Schützens
Rückkehr aus Italien — wo er drei überaus ergiebige Lehrjahre
zugebracht hatte — als er den jungen Schütz zu seinem Hoforganisten
nach Kassel berief, just in dem Moment, da Schütz seine juristischen
Studien fortzusetzen gedachte. Fast ohne eigenes Zutun war Schütz
Musiker geworden. Sein Ruf aber schien sich rasch zu verbreiten, denn
schon 1614 erbat sich der Kurfürst von Sachsen ihn sozusagen „leih—
weise“ nach Dresden, wohin er als Kapellmeister 1617 endgültig berufen
wurde. Dort leitete er nun über ein halbes Jahrhundert lang die
Kapelle und befruchtete in der schlimmsten Zeit des 8ojährigen Krieges
als Organisator und als Musiker das musikalische Leben der sächsischen
Zauptstadt. Im hohen Alter von 87 Jahren storb er dort, bis zu seinem
debensende in rastloser Unermüdlichkeit schaffend.
der „Vater der Musikanten“.
Nicht nur das ehrwürdige Alter und der große Ruf des Meisters
brachten ihm diesen Ehrennamen ein, er verdankte ihn ebenso seinem
jenialen Organisationstalent. Die harten Kriegszeiten entzogen Schüt
mit der zeitweiligen Auflösung der von ihm zur höchsten Leistungs—
fähigkeit geführten Dresdener Kapelle zu Zeiten den Boden für seinde
Wirksamkeit. Er fand dadurch Zeit, an anderen Stätten zu wirken
So wurde er dreimal für kürzere Zeit nach Kopenhagen zur Ein—
richtung und Betreuung der dortigen Hofkapelle berufen. Zwischen⸗
durch erübrigte er die Zeit zu einer zweiten Studienreise nach Italien.
Bei dem kühnen Neuerer Monteverdi lernte er den neuen Opernstil
zennen. In Hannover, Magdeburg, Weimar, Halle, Gera sehen wir
ihn als Organisator maßgebend kätig. Ueberall bedurfte man seines
Rates, überall war seine Kunst willkommen. Noch im hohen Alter
iicherte man sich feine Kraft für den Zeitzer Hof.
Wie ein Vater sorgte er für feine Musiker. Es ist rührend, in alten
dokumenten zu lesen, wie er bei den ihm unterstellten Musikern die
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