Full text : 15.1935/36, 7-12 (0015)

Selte 88

Sänger-Zeitung des Gaues Westmark.

1uI.

Meihnachtsfeiergestaltung.

Die große völkische Bewegung, die aus altem deutschem
Volksbrauchtum ihre starken Kräste zieht, hat besonders sür
die Gestaltung der Feiertage des Jahres und hauptsächlich der
nationalen Festtage esnen völligen Umschwung herbeigeführt.
Auf das bedeutungsvollste Fest der deutschen Famille, das
Weihnachtsfest, kann diese Umgestaltung nicht ohne Ein—
fluß bleiben. Der verantrortungsvoile Festgestalter muß sich
dessen bewußt werden. daß das deutsche Weihnachtsfest einen

kieferen Sinn hat, als den, sich auf Schenken und Beschenkt⸗
werden vorzubereiten.
Schon bei den Germanen hatte das Wintersonnwend—
fest die tiese Bedeutung der Wiedergeburt des Lichtes. Die
Feier wurde zum Ausdruck der Freude, daß nunmehr nach der
Sonnenwende nach langen dunklen Tagen die Sonne am
Himmelsbogen sich wieder hebt und mit dem sich nun verjüngen—
den Licht Freude und Kraft in die Herzen der Menschen senkt.
Alle unsere tiefsten Kräfte seit der Urzeit Tagen
Sollen unseres Hauses hohe Giebel tragen:
Heilig sei seines Herdes Brand.
Zu seinem Brunnen leitet die reinsten Quellen im Land!
Alles Leid, an dem Deutschland je geblutet,
Werde Licht, das seine Halle durchflütet.
Und an dem Tage, da wir es weih'n.
Wird unsere Wintersonnenwende unsere Weihnacht sein!
(Aus „Die Hallischen Jahreslaufspiele“.)
Fügen wir dem die Bedeutung des kirchlichen Weih—
nachtsfestes hinzu, die Geburt des geistigen Lichtes, des
Jesuskindes, das die Menschheit aus seelischer Finsternis erlöste,
so haben wir ein mit ede stem Gedankengut erfülltes Fest, wie
s ein zweites nicht gibt.
Daß dieses Fest sich zu dem schönsten deutschen Familienfeste
entwickelt hat, ist bei der Tiefe des deutschen Gemütes nicht
oerwunderlich. Von diesen Ideen müßte auch jede größere
Feier, die einen weiten Kreis von Gleichgesinnten umfäßt, er⸗
füllt sein.
Eines muß vor allen Dingen in unseren Tagen jede Festlich—
keit deutlich zu erkennen geben, daß der deussche Mensch von
heute, genau wie vor Hunderten von Jahren, die ererbten
Kulturwerte, Sitten und Brauchtümer der Jahreszeit und der
dandschaft zu hegen hat. Das mit urwüchsiger Kraft erhaltene
Brauchtum bildet einen Teil unfserer völkischen Weltanschau—⸗
ung. Besonders das Weihnachtsfest mit seinem wunderlichen
Gemisch aus heidnischen und christlichen Symbolen hat von jeher
die schöpferischen Kräfte des deutschen Menschen immer wieder
zu Versuchen angetrieben, das große Mysterium der Sonnen—
wende, der zeitlichen und geistigen Erneuerung, in Spiel und
Sang zu gestalten

Aus diesen beiden Dingen ergibt sich die Form einer Weih—
nachtsfeier von selbst. Die Frage, ob wir musikalische
Weihnachtsspiele aufführen sollen, ist heute nicht mehr
trittig. Vergegenwärtigt man sich, daß Weihnachten heure in
rrster Linie das kirchliche Fest ist, dessen Licht am stärksten in
insere Familien und Häuser strahlt, daß insbefondere die
deutsche Weihnacht ein Fest der Kinder ist, dann bedarf es
zeiner Frage, daß wir die Jugend nicht schöner und eindrucks—
ooller mit dem Inhalt der frohen Weihnachtsbotschaft vertraut
nachen können als auf dem Wege des musikalischen Weihnachts⸗
piels. Ueberflüssig zu sagen, daß diese Art Spiele — besonders
dann, wenn sie die darstellende Kunst einbeziehen — grundsätzich
 eine Kunstgattung eigener Art sind, an die der Maßstab
des Kultischen nicht gelegt werden kann. Allerdings muß von
dieser Kunstgatttung gefordert werden, daß sie eine Schlichtheit
der musikalischen und sonstigen künstlerischen Mittel an den
kdag lege, die allein dem heiligen Gegenstand angemessen ist und
dor einer Gefahr in die „Verweltlichung“ oder gar Verkitschung
bewahrt.
Der Wunsch des Volkes ging immer nach anschaulicher,
plastischer Gestaltung religiöser Ideen, und es braucht nicht zu
verwundern, daß dieser Wunsch sich gerade beim Weihnachtsfest
durchgesetzt hat. Die alten Adventsspiele haben ihren
Ursprung in dem bekannten Volksbrauch der Umzüge und der
Einkehr von St. Nikolaus. Christgeburt- oder Krip—
penspiele sind schon im 12. Jahrhundert bekannt, des⸗
gleichen die Sternsinger und die Dreikönigsspiele. In
deutschen Landschaften mit vorwiegend beschaulichem Charakter
sind heute noch Krippenspiele eine alljährlich wiederkehrende
Belegenheit zur Zusammenfassung aller Dorfbewohner zu weih—
nachtlichen Feierstunden.
Die altem Volksbrauchtum entsprungenen Krippenspiele haben
or allem noch den Vorzug, daß sie in dauerndem Wechsel szenische
Darstellungen und wertvolle alte Weihnachtstieder
bringen. Wenn wir die Darstellung der weihnachtlichen Be—
gebenheiten der Jugend übergeben, die sich dafür besonders
zut eignet, die Lieder aber, wenigstens einen Teil derselben,
von allen Volksgenossen singen lassen, so haben wir damit eine
in früheren Jahrhunderten selbstverständliche, für unsere Zeit
iber neue Gesegenheit zur Bildung einer wahren Volksdemein—
ichaft gefunden.
Die Literatur derartiger Krippenspiele ist so reichhaltig, daß
s gar nicht schwer fallen kann, für alle Verhältnisse etwas
Passendes zu finden. Bei den Verlegern: Arwed Strauch-Leipgig,
Bärenreiterverlag-Kassel, Bbhm u. Sohn⸗Augsburg und Vieweg—
Berlin-Lichterfelde sind wertvolle Weihnachtskrippenspiele in
reicher Auswahl zu haben. In sehr vielen dieser Stücke ist
der Jugend reiche Gelegenheit zum Musizieren gegeben. Mit
Geigen, Flöten, Lauten und dergleichen mehr können die innigen
uind gemütstiefen Weisen begleitet werden. Die technischen An⸗
orderungen für dieses Musizieren sind nicht hoch und können
leicht von den jugendlichen Musikanten bewältigt werden.
Weihnachtskbrippenspiele sind aber nicht zu verwechseln mit
sentimentalen Theaterstückchen, die leider in den Jahrzehnten
por dem Weltkrieg in Schwang gekommen waren. Es sei nach⸗
drücklich gewarnt vor solchen Stücken, in denen immer wieder
die Rückkehr eines verloren geglaubten Sohnes oder einer ent⸗
arteten Tochter mit viel Tränen ausgerechnet unter dem Weih⸗
nachtsbaum gefeiert wird. Es ist des deutschen Menschen un—
würdig, solchen verlogenen Dingen seine Kraft zu widmen.
Ein'andrer alter schöner Weihnachtsbrauch verdient ebenfalls
eine Neubelebung. Schon aus dem 14. Jahrhundert ist bekannt,
daß vor dem Weihnachtsfest Kinder auf den Straßen wechsel⸗
hörige Lieder sangen. Vielfach waren auch damit szenische
Darstellungen verbunden. Denken wir an St. Nikolaus mit der
Bischofsmütze und seinen gefürchteten Begleiter, Knecht Ruprecht
mit Sack und Rute.
Diese uralten Gebräuche weisen darauf hin, daß eine Weih—
nachtsfeier ohne Beteiligung der Kinder, eigentlich
innlos ist. Für jeden Erwachsenen muß es eine reine Freude
ein, Kinder mit ihrem unbelasteten Gemüt bei der Darstellung
solch alter Weihnachtsbräuche zu sehen. Wäre es nicht schön,
dieses Weihnachtssingen auf den Straßen wieder
inzuführen. Die fastnochtsähnliche Berkleidung der „Nikolaus⸗
änger“ in manchen Gegenden ist noch ein Ueberbleibsel des
mittelalterlichen Weihnachtssingens. Es dürfte nicht schwer sein,
diese Verkitschung eines alten Brauches wieder in richtige
Formen zurückzuführen. Daß Kinder bei diesen Umzügen auf
ine Gabe warten, braucht nicht tragisch genommen zu werden.
Es liegt im Sinne dieses Festes, die selbst empfundene Freude
auch andern durch ein Geschenk zu übermitteln.
Einen breiten Raum im Weihnachtsbrauchtum nehmen die
dieder ein, sowohl in der Familie wie in der Kirche. Gewiß
zat jede deutsche Landschaft einen eigenen Weihnaͤchtslieder⸗
schatz. aber, wenn wir diese miteinander vergleichen, so finden
            
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