Cuoͤwig Webers neue, CThorgemeinschaft“.
Uraufführung in Mülheim⸗-Ruhr.
In der Ruhrstadt Mülheim, wo Ludwig Weber für sein
Vmusikalisches Schaffen eine forgenfreie Bleibe gesichert
ist, kam seine neue Chorgemeinschaft zur Urgufführung. Nur
eine Bedingung wurde ihm dort gestellt. Die ersten Auf—
führungen aller erstandenen Werke Mülheim zu überlassen.
Fin schönes Beispiel für das Verantwortungsgefühl einer
vom neuen Geist erfüllten Stadt, die sich ihrer kulturellen
Pflichten gewiß ist.
Was wollen Webers Chorgemeinschaften? In ihnen be—
grüßen wir den Versuch eines zeitnahen Künstlers, musi—
kalisches Leben auf bréitester Grundlage zu wecken, die
Vereinsamung des nur empfangenden, Musikhörers
zufzuheben und ihn zum „tätigen Genießen“ zu erheben.
Schon die ersten Verfuche, von manchem mit zweifelndem
dächeln begleitet, ergaben einen vollen Erfolg Und auch
wer dieses neueste Werk tätig aufnahm und als „Saulus“
mag seine Reise angetreten haben, mußte sich von dem
GBelingen, das heißt von der einmütigen Anteilnahme der
Musikgemeinde überzeugen und als ‚VPaulus“ seine Rück—
reise antreten.
Weber führt die Empfangenden als Aktioposten ein.
Sie werden zu Trägern des Tuns und bilden mit den
ausführenden Organen des Podiums eine Gemein—
schaft. In zwei Gedankengängen kam das in dem neuen,
den ,Toten“ gewidmeten Werk zum Ausdruck. „Das Ver—
zängliche“ wurde von einem Chorspruch, dem Weber nach
dem Satz von Michagel Franck (1609 1667) eigene Formung
zgegeben hat, getragen. „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“,
Vom Trutze uünd der Zuversicht“ galt die alte Gustav-Adolf—
Weise „Verzage nicht du Häuflein klein“. Beide bilden
den cantus-firmus-Chor. Sie erklingen im Wechsel mit dem
eigentlichen Chor und dem Orchester, die beide in einem
abgewandelten Frage- und Antwortspiel die beiden Grund—
zgedanken und Verse in immer reicherem Formspiel aufbauen.
Dabei trat ein Zweifaches als richtig erkannte Notwendig—
keit bestimmend hervor: Der musikalische Grundstoff der
Chorgemeinschaft erscheint als ganz knappes, allerdings viel—
fach beleuchtetes Bauelement. Er wird so leicht aufgenommen
und in der Wiederholung ideell vertieft. Viele Strophen
würden verwirrend wirken. Dann hat Weber den Original—
'atz der protestantischen Choräle, darum handelt es sich.
einem persönlichen Stil angepaßt, der ohne Frage ein
illgemeingültigss Gepräge trägt und im eigenartigen
Schwebezustand wie der Ausschnitt aus einer „ewigen Me—
odier empfunden wird. Dieser Musikstil, früher noch von
onstruktiven Bewegungen nicht ganz frei, nähert sich in
ziesen chorischen Abwandlungen jetzt jener kraftvollen und
doch monumentalen Einfachheit, wie sie — in verlagerter
fbene — die alte Chormusik um Schütz aufzeigt. Der Satz
lingt in spannungsvollen Melodiebögen plastisch und über
ichtlich. Er schließt sich mit dem cantus firmus der Hörer
jemeinde — die das im eigentlichen Sinne nicht mehr ist —
rganisch zusammen. Da die Anwesenden sich schnell in
hre Aufgaben fanden und schon gleich nach dem ersten
Takten den cantus firmus rhythmisch und tonlich unbe
rrbar ihren Weg gingen, kam ein harmonisches und er—
zreifendes Zusammengehen zustande, das Musikdirektor Her
mann Meißner umsichtig leitete.
Sind diese Chorgemeinschaften auch an andern Orten
nöglich? Werden sie sich halten und damit den Nachweis
hres innern Bedürfnisses und ihrer ideellen Berechtigung
erbringen? Sie sind sicherlich ein gelungener Versuch, ein
chüätzenswertes und wegweisendes Beginnen, neue Bindungen
n neuen Bezirken zu schaffen. Die Möglichkeit unterliegt
iun keinem Zweifel mehr. Wer an diesem Singen teil—
genommen hat, muß das verspürt haben. Es gehört nur
Mut zum Angreifen dazu und das richtige, aus tiefstem
vemeinsamkeitsgefühl menschlichen Empfindens erschaffene
Werk, das vielleicht zur Stunde nur LQudwig Weber so
gestalten kann.
Der Uraufführung vorauf gingen die Wiedergaben von
Pfitzners allzu versppnnenem Chorwerk „Das dunkle Reich“
uind eine Bachkantate, an der neben dem Chor und dem
Duisburger Orchester als tatkräftige Solisten Helene Farhni
und Rudolf Waltzke beteiligt waren. Gesamtleitung Hermann
Meißner.
Ludwig Weber war nach der Uraufführung Gegenstand
anganhaltender Auszeichnung.
Ernst Suter,
Düsseldorf.
Die Jöee o Ch inschaft“
te ee der, orgemein a
— wenn auch noch so aktiv — Hörende, hier bilden alle
Anwesenden in Haltung und Tun eine lebendige Gesamt—
zeit und beteiligen sich an der praktischen Aussührung des
WVerkes wechselweise und vereinigt. Alle Anwesenden brin—
gen sich gemeinsam aus ihrer Volks- und Gottverbunden—
seit heraus in einem Werk dar und das Werk weiht die
ichtenden, aufbauenden, formenden Kräfte der Musik dem
Menschen und der Gemeinschaft: das Werk, dem die Hin—
zabe aller gewidmet ist, dient, indem es führt.
Von der Musik her gesehenes äußerliches, also nicht
ruch vom Musikalischen her notwendiges Einbeziehen des
Sadles wird scheitern müssen. In der „Chorgemeinschaft“
oli somit eine Musiziersorm für die Gemieeinschaft sich
iotwendig ergeben aus einer speziellen Werkform für die
es Musizieren. Es kann also nicht bloß darum gehen
»aß der Saal die Hauptlinie des Podiums lediglich mit—
ingt: die Musik kommt nicht zu ihrem Recht und lehnt
1b. Es muß sich um mehr und anderes handeln: um ein
totwendiges, ein verpflichtendes Zusammenwirken der Fak—
boren Saal und Podium in der Wiedergabe eines bestimm—
en speziellen Werkes; Wirken des Podiums und Wirken
des Saals müssen aufeinander bezogen und einander Direk—
ive gebend sein.
Diese für die „Chorgemeinschaft“ gedachten Werke appel—
ieren wohl an eine andere als die bisherige Musizierform
Das erschreckt aber den nicht, der um die Schicksale der
Musizierformen weiß, der sich sagen muß, daß das übliche
donzert dem 19. Jahrhundert zugeordnet sein kann, das