Nr. 6
Jphhhhhh Sängerzeitung
rpphh Seite 113
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unu.
8 unstschaffen und Kunstgenießen verhalten sich zueinander
BBuwie Eynthese und Analyse. Sie setzen sich dement—
sprechend aus denselben Kompoönenten zusammen. Als solche
sind besonders zu nennen: Verstandestätigkeit, technisches
Verständnis und Vermögen und als drittes Moment die
geheimnisvolle Kraft künstlerischer Empfänglichkeit, die man
volkstümlich mit Herz, Gemüt und Seele bezeichnet. Selbst—
redend sind auch hier die Grenzen fließend. Der Kunst—
schöpfer gehört gleichzeitig zu den Kunstgenießern; so wie
sich wiederum die letzteren als Nachschaffende den Kunst—
schöpfern nähern.
Jede Kunstäußerung hat Seiten, die sich vorzugsweise
an den Verstand und an die Technik wenden. In der Dicht—
kunst sind diese Seiten am leichtesten zu erkennen. Welche
Fülle von Stoffbeherrschung und kulturhistorischen Er—
kenntnisses erwartet man beispielsweise von einem Roman
schriftsteller? — Die Sprache, in der sich der volksgenost
sische Dichter äußert, lernt ein jeder mit der Muttermilch
Durch Deutschunterricht, aber auch durch jede andere weiter
gehende Bildung erreicht fast jeder Mensch mehr oder
weniger die Möglichkeit, sich in der Sprache des Schrift—
stellers auszudrücken und sie zu verstehen.
In der bildenden Kunst liegen die genannten Seiten
schon etwas verborgener. Ueber alles, was durch das sehende
Auge aufgenommen werden kann, unterrichten uns unsere
Mitmenschen und wir uns selber mehr oder weniger. Be—
sonders als Auswirkung der Reform des Zeichenunterrichts
kommen viele zu ziemlich weitgehenden Fertigkeiten mit
Bleistift, Pinsel und Knetmasse.
Schwieriger gestaltet sich unsere Frage auf dem Gebiete
der Musik. Soweit es sich um Vokalmusik handelt, ist der
Verstand durch den Inhalt des Textes beschäftigt. Goethe
lehnte deshalb bei der Vokalmusik ein Hervortreten der
Musik als überflüssig und störend ab. Von der Instru—
mentalmusik erwartete er durch Tonmalereien eine Ein—
wirkung auf den Verstand. Er wünschte somit Programm
musik. Der absoluten Musik sprach der Dichter die Lebens—
berechtigung ab. Die technische Seite der Musik wird auf
unserem allgemein üblichen Bildungswege derart vernach—
lässigt, daß nur wenige Mitbürger die Sprache der Musiker
verstehen oder gar beherrschen lernen.
Zu allen drei Künsten kommt nun als Wesentliches die
schon erwähnte geheimnisvolle Kraft der künstlerischen Emp—
fänglichkeit hinzu. Bei allen Menschen sind die drei Kom
ponenten — Verstand, Technik, Künstlertum — in ver—
schiedenen Prozentsätzen vorhanden. Daraus erklärt sich
auch die Verschiedenheit des Schaffens und die Mannig—
faltigkeit im Kunstgenießen. Verstandesmenschen werden beim
Miterleben eines Wagner'schen Musikdramas in der geisti—
gen Durchdringung des Sagenstoffes Genüge finden. Der
technisch Eingestellte wird hauptsächlich auf die angewandten
Kunstmittel und auf die peinliche Sauberkeit der Auffüh—
rung achten. Der künstlerisch Veranlagte gibt sich ganz
den Klängen, den Bildern und sonstigen Eindrücken ge—
fühlsmäßig hin. Er steht ganz im Banne seelischer Span—
nungen.
Es liegt nun nahe, daß sich jeder für den Künstler und
für das Kunstwerk in erhöhtem Maße interessiert, bei dem
sich die besprochenen Komponenten ungefähr in gleichem
Mischungsverhältnisse zeigen wie bei ihm selber. Die über—
ragend großen Werke der Kunst sind nun so vielgestaltig,
daß jeder Betrachter viel Herrliches in ihnen entdecken
kann, was in seinem Inneren genügende Resonanz zum
—
um allgemein anerkannte und von der ganzen Welt be—
wunderte Großwerke, deren Reichtum einem jieden eine
Gabe zu hrinden vermaag.
Wie verkehrt wäre ein Versuch, einen Normaltyp fest—
legen zu wollen, in dem ein bestimmtes Mischungsverhältnis
zum Gesetz erhoben würde, nach dem sich Verstandesarbeit,
Technik und künstlerisches Gefühlsleben zum Beispiel wie
30:30: 40 verhalten müßten! — Wollen wir doch dankbar
ein, daß auch in dieser Beziehung eine unausschöpfbare
Lariationsmöglichteit besteht. Unseres Herrgotts Kunstgar—
en ist so groß, reich und vielseitig, daß sich jeder Mensch
nach seiner Art und Weise Blumen zusammenstellen und
ich an ihnen erfreuen kann. Wie selbstherrlich und unklug
;sandeln wir, wenn wir uns über eine Einstellung zur
Kunst ärgern und ereifern, die sich mit der unsrigen nicht
deckt! Ist es nicht vielmehr recht lehrreich, wenn in einem
rrößeren Schulbetriebe Deutschlehrer und Kunsterzieher
Werke aus verschiedenen Gesichtswinkeln betrachten und sich
uf diese Weise ergänzen? — Die Bescheidenheit des Wis—
enden und Könnenden wird schon dafür sorgen, daß keiner
ich für allein maßgebend hält, und daß einer des anderen
Ansichten und Arbeitsmethoden achtet.
Lassen Sie mich zum Schlusse meiner Ausführungen noch
ein Beispiel aus dem Schulleben geben. Die Anfertigung
»on Aufsätzen bildet eine Vorstufe zur schriftstellerischen
dunstausübung eines Dichters. Je nach dem oben aus—
geführten Mischungsverhältnis zwischen den drei genann—
ten Komponenten werden die Schüler die Arbeit anfertigen
und die Lehrer sie beurteilen. Dadurch können unangenehme
Konflikte entstehen. Mancher Schüler erlebt es bei einem
vehrerwechsel, daß er von „sehr gut“ auf „genügend“ fällt
und umgedreht von „genügend“ auf „sehr gut“ steigt. Diese
extremen Fälle treten besonders bei solchen Schülern und
Lehrern ein, bei denen ein Komponent der Mischung be—
sonders hervortritt. Ein mit künstlerischer Phantasie be—
zabter Schüler wird mit seinem poetischen Schwung bei
ezinem gleicheingestellten Lehyrer Anklang finden, während
er bei einem nüchternen, sachlichen Verstandesmenschen ver—
sagen wird. Der Unterricht würde temperament- und farb—
los sein, wenn nicht jeder Lehrer bestrebt sein würde, die
Schüler für seinen Standpunkt zu gewinnen. Es muß aber
wiederum soviel Großzügigkeit erwartet werden, daß auch
eine entgegenlaufende Eigenart geschätzt und gepflegt wird.
Schüler mit wenig charakteristischer Verteilung der Kom—
ponenten und mit gleichschwebenden Einstellungen einem
Kunstwerke gegenüber werden sich am schnellsten den neuen
Wünschen eines neuen Lehrers anpassen können. Das päd—
agogische Geschick eines tüchtigen Erziehers besteht nur darin,
zäßliche Auswüchse zu verhüten, ohne charaktervolle Eigen—
heiten zu töten.
Denjenigen, die da meinen, die Besprechung des Deutsch—
unterrichtes bedeute eine Abschweifung vom Ausgangsthema,
sei gesagt, daß der Deutschunterricht zur Kunstunterweisung
zu rechnen ist; denn in keiner Kunst werden die Schüler
so weit gefördert, ja bis zum eigenen Schaffen gebracht,
wie in der Dichtkunst. Lesen- und Schreibenlernen, Ortho—
graphie, Grammatik usw. bilden die Technik der Dichtkunst.
Prosa und Lyrik unserer Schriftsteller bieten den Stoff
zu gedanklichen und gefühlsmäßigen Anregungen. Die Lite—
raturgeschichte ist die Kunstgeschichte der Dichtkunst. Der
Aufsatz gibt Gelegenheit zu eigenem Schaffen.
Diese Gedanken über die schriftstellerische Anleitung durch
den Aufsatz lassen sich auf jede andere Kunstpflege über—
tragen.
Der Lehrer muß sich seinem Studium und seinem Können
entsprechend berechtigt sühlen, als Vorbild und als Führer
aufzutreten; aber er darf nicht vergessen, daß es auch
andere Vorbilder und Pfleger gibt, die auch eine Berech—
tigung haben, auf die Umwelt einzuwirken.
Karl Stein, Hamm (Wesif.)
Passage⸗Kaufhaus AG