Full text : 15.1935/36, 1-6 (0015)

Seite 114 II'
dem 2. Baß von dem schönsten Volkslied nur seine Baß—
stimme kennt. Wie will er das Lied seinen Kindern bei—
bringen? Also auch von dieser Seite her kommen wir zu
der in dieser Zeitung schon wiederholt erhobenen Forde—
rung, ein Volkslied erst einstimmig zu singen, ehe wir es
vierstimmig einüben, damit die Meloddie tatsächlich Besitz
jedes einzelnen Sängers geworden ist.
Viele unserer Sänger sind in der SA., SS., im FAD.
und andern politischen Organisationen, in Sport- und
Turnuvereinen, in denen auch gesungen wird! Was wäre es
ein Plus an Volkswirksamkeit, wenn diese Sänger dort so
etwas wären wie ein „wandelndes Liederbuch“, gespickt mit
Liedern, die sie in ihren Vereinen gelernt und nun in der
SA. und in den andern Kolonnen der singenden Mannschaft
zu verbreiten imstande wären. Wäre nicht die natürliche
Folge die, daß man aufmerksam würde auf die Sänger
und ihren Verein, wo soviel neue Lieder gelernt werden.
Um den Nachwuchs brauchte uns dann nicht bang zu sein!
Wie weit wir aber davon entfernt sind, beweist die Tat—
sache, daß unsere Chöre das überall in der Jugend und in
den Marschkolonnen der SA. usw. Besitz gewordene Mar—
schierlied meist nicht kennen. Da setzt die Aufgabe der
Chorleiter ein!
Wer aber meint, es sei nicht unsere Aufgabe, auch dem
Singen in der jungen Mannschaft unsere Aufmerksamkeit
zuzuwenden, wer meint, wir könnten ruhig neben statt
mit dieser Mannschaft marschieren, der sieht nicht, daß wir
uns damit nur selbst ausschalten und uns das Wasser ab—
graben würden! Nein, wir müssen uns da unentbehrlich
machen. Nachwuchs kommt nur „aus dem Erlebnis der
Unentbehrlichkeit!“ (Rosenthal-Heinzel).
Arbeit des Einzelnen in Familie und Umwelt wäre der
kleinste Kreis; größere Kreise erfaßt die Arbeit am Volks—
lied etwa in Familienabenden, die als Gemeinschaftssing
stunden, bei denen der Chor auch zwischendurch konzer
tieren wird, aufgezogen, zugleich ein höheres Niveau er—
halten. Ist aus Familienangehörigen und inaktiven Mit—
gliedern erst ein Kern gebildet, so haben offene Sing—
stunden für alle, in erster Linie für die Jugend, auch Aus—
sicht auf Erfolg. Erfolgreiche Singstunden aber werden auch
unsere Konzerte wieder befruchten!
Damit sind wir bereits mitten in dem Problemkreis,
der uns im Lager beschäftigte, nämlich unser Verhält-—
nis zum Volk. Wir haben im neuen Staat die Aufgabe
erhalten, das Volkslied nicht nur zu pflegen, sondern es
im Volke lebendig zu machen. Diese AÄufgabe kann
das Konzert allein nicht erfüllen; es braucht die Hilfe der
offenen Singstunde. Der Staat hat wiederholt bewiesen,
daß er das Volkslied als einen Weg zur Gemein—
schaftsbildung, zur Volkwerdung, zur Volk—
gesundung ansieht. Wenn er den DBSzum Stoßtrupp
im Dienste des Volksliedes ausersehen hat, dann kann es
in unsern Reihen keine Einkapselung in die eigene Welt
geben, kein Sichvergraben etwa in die Welt seiner in
sich abgeschlossenen „Geselligkeit“. Schon aus Sorge um den
Nachwuchs, nicht, um auf diese brennende Frage noch ein—
mal zurückzukommen, die bei uns vorläufig vielleicht nich
so akut ist, da wir im allgemeinen in unsern Vereinen
viel Jugend haben. In sehr drastischen Formulierungen
sprach Rosenthal-Heinzel gerade über diese Frage. Wir
legen, Wert auf qualitativ hochstehenden Nachwuchs. Nun
wird in der Jugend durch Sport, Dienst in politischen Orga—
nisationen und Heer eine scharfe Auslese geschaffen. Wir
dürsen nicht warten, bis für uns nur die übrig bleiben.
die durch diese Organisationen nicht erfaßt sind. Wir müf

Sängerzeitung s

ullpp Nr.«

sen dafür sorgen, daß der beste Teil der Jugend zu uns
kommt, damit wir nicht ein „Bund der Uebriggebliebenen“
verden! Man sieht gerade hieraus, daß Rosenthal-Heinzel
alles andere will, als den DSB. zerschlagen. Gerade seinen
Bestand will er sichern.
Es überschritte den Rahmen dieses Berichtes, aus der
Fülle der behandelten Themen kulturpolitischer und auch
musikgeschichtlicher und ästhetischer Art hier noch weiteres
hinzuzufügen. Nur auf eins sei hingewiesen, was bereits
in einem Aufsatz „Vom deutschen Volkslied“ in dieser
ZSängerzeitung (Nr. 7 Jahrgang 1934) angedeutet war,
und was Rosenthal-Heinzel in einer Aufsatzreihe „Lebens—
erbundenes Singen und Konzertieren“ in der DSBg.
räher ausführte. Unser Singen ist nicht mehr und noch
nicht wieder lebensverbunden; es erwächst nicht aus dem
Alltagsleben, aus Feiern und Festen, wie etwa früher,
als man in der Spinnstube sang, als das Lied im Jahres—
auf noch fest mit Volksbräuchen verbunden war. Aber gerade
seute, wo die Volksgemeinschaft sich neu zu bilden im Be—
zriffe ist, wo in den marschierenden Kolonnen neuer Ge
neinschaftsgeist eingezogen ist, wo in den nationalen Feier
agen (1. Mai, Erntefest usw.) eine das ganze Volk erfaf—
ende Feiergestaltung im Werden ist, da wird auch leben
diges, aus dem Leben erwachsendes Singen möglich. Das
Marschierlied gilt es vor allem in unsere Vereine zu tragen,
damit es nicht vorkommt, daß auf Märschen und Aus—
lügen gerade in unsern Vereinen, die das Singen auf
ihre Fahnen geschrieben haben, nicht oder weniger gesungen
vird als auf den Märschen der SA., SsS., FAD., HGJ.
Dem Zweck, unsere Vereine auf billige Weise mit diefem
Marschlied vertraut zu machen, das übrigens auch das Lied—
zut ist, mit dem am zweckmäßigsten die ersten offenen
Singstunden begonnen werden, dienen die Liederblätter des
DSEB. „Singendes Volk“, insbesondere Nr. 2, 5 und 8.
Daß fleißig in den letzten Tagen fast ausschließlich im
Lager gesungen wurde, und zwar meist mehrstimmig und
sofort vom Blatt, versteht sich von selbst. Wir lernten das
„Aufrecht Fähnlein“ und das „Männerlied“ (vergl. die
Besprechung in der Aprilnummer) kennen und schätzen
Welch ein Segen, wenn unsere Vereine in der Lage wären
das eine oder andere anzuschaffen!
Das größte Erlebnis aber war das des Lagerlebens
und der Kameradschaft. Das von manchen gefürchtete
kameradschaftliche „Du“ war bald allen vertraut. Hans
Popphe war Lagerkommandant und organisatorischer Lei—
ter. Und das verstand er aus dem ff. Da klappie alles
oorzüglich. Er schliff uns bei der Morgengymnastik, hielt
auch mal geharnischte Standpauken und war allen ein
Kamerad. Die Pünktlichkeit der Lagerordnung erzielte Zucht,
Ordnung und Frische. Der Nikotin- und Alkoholschreck
war bei näherem Zusehen gar nicht so schreckhaft. Daß
Verpflegung, Unterkunft usw. vorzüglich waären, muß na—
türlich auch erwähnt werden. Das schlechte Wetter hat uns
zweifellos um manche genußreiche Stunde im Freien ge
hracht, konnte aber die Stimmung nicht beeinträchtigen.
Schöne Abwechselung brachten die beiden Abendsing—
stunden mit dem Gesangverein und der Bevölkerung von
Blankenburg, die Ausflüge nach Burg Greifenstein, durchs
Schwarzatal nach Schwarzburg und der große Sonntagsaus
Tug mit Omnibussen in den Thüringer Wald.
Anstrengend war die Woche, es war kein Erholungs—
arlaub. Aber alle waren sich in der großen Schlußaußs—
prache einig, daß es ein Erlebnis war, ein Erlebnis, das
joffentlich bald einer weiteren großen Zahl von Chor
eitern und Sängerführern auteil wird. Dr. Ernst Stila.

— 264 Aßpa Helfe am Wiederaufbaun
dre! Deines Vaterlandes!

Sparlasse der Etadt Saarbrücken
            
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