Aufgaben der deutschen 68 ñöe.
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Der Verein hat sich in feiner engeren Heimat durch
*großzügig angetegte Komponisten-Abende, so unlängst
durch ein Otto-Siegl-Konzert, einen guten Namen ge—
schaffen. Diesmal bot er Werke von Heinrichs, Siegl
Sturm, Greiner, Wengert, Waldmeister, Angerer, Kirch!
und Rich. Wagner, woraus man ersieht, daß schon stilistisch
verschiedenartigste Richtungen vertreten waren, die mil
instrumentalen Einlagen von Beethoven, Komzak, Bizet,
Schubert, Ohlsen und Brahms noch um etliche Farbtöne
bereichett wurden. Der Chor ist im Besitze ausgezeich—
neten Stimmenmaterials, das ihm die Möglichkeit gibt,
vielfältige Aufgaben zu lösen. Dazu wünschen wir ihm
allerdings noch weitere pflegsame Behandlung von Ton,
Atem und Sprache. Der Reichtum guter Stimmen be—
darf schließlich zur restlichen Vollendung eines hoch kulti—
vierten Chorklanges noch sorgsamer Einordnung solistisch
hervorbrechender Klang-Individuen. Der Chorlkeiter des
Vereins dirigierte ruhig und umsichtig und weiß augen—
scheinlich seine mit großem Idealismus zur Sacheé stehen—
den Sänger richtig anzufassen. Das möge ihm Ansporn
und Vertrauen geben, künftig langsam lalso ohne ruck—
hafte Anspannung), aber stetig seinen eifrigen Chor und
dessen Anhänger zu jener Kunst zu führen, die dem
Männerchor heute als eine heilige vaterländische Pflicht
anvertraut ist.
Der Männerchor ist heute weder ein Instrument zur
Volksbelustigung, noch zur seichten Unterhaltung und Zer—
streuung. Das verbietet grundsätzlich die Wiedergabe von
Werken einer Afterkunst, wie es die Liedertafelei war. Ein
Schulbeispiel für kaum zu unterbietendes degeneriertes Ge—
fühl ist da Greiners „Gute Nacht“, dessen konzentrierte
Dosierung von Sentimentalität und übelsten Liedertafel—
Mätzchen heute geradezu unwährscheinlich anmutet. Auf
ähnliche Bewertung hat Wengerts immerhin frischeres
„Die Treue“ und Waldmeisters Bekenntnis eines Salon—
tirolers „Senners Abendständchen“ ein Anrecht. Auch die
Ballade in der Art von Sturms „Schwedenvision“ und
Angerers „Köniasfelden“ hat sich überlebt wie die über—
ladenen Hausfassaden der Gründerzeit. Die Oper schließ—
lich ist nicht das Aufgabengebiet des Männerchors. Richard
Wagner würde seinen Matrosenchor für Laien wahrschein—
lich anders geschriehen haben als für den ausgebildeten
Theaterchorsänger. Endlich bleibt es immer ein Waanis,
einen Opernchor aus seiner Szene zu lösen — zumal bei
Wagners Sehnsucht nach Verwirklichung des Gesamtkunst—
werkes. In der Wahl der Gesänge (dazu der Instrumental—
werke) ist der Verein diesmal also fehlgegangen. Dem
entsprach dann auch die wenig glückliche Werkanordnung,
die einen tieferen Sinn missen ließ. Das ist nun kein
Grund, nach Art mancher Sänger, die Monate lang mit
Aufhietung von gewaltig viel Idealismus, wie hier, ge—
werkt haben, mißmutig auf die geleistete Arbeit zurück
zublicken, denn Fehler sind da, um aus ihnen zu lernen
Und auch des Kritikers osfenes Wort braucht nicht zu
kränken, wenn man sich mit Walter Berten (.Musik und
Musikleben der Deutschen“) vergegenwärtigt, daß sein Amt
das eines höchst verautnortlichen Berdoters ist. dessen
Urteil nicht von salscher Rücksichtnahme getrübt werden
darf. So verstehe man die Verurtéilung der hier be—
Pprochenen Werke und ihrer Anordnung; so auch den
Versuch einer Wegweisung!
Die Aufsgabe des Männerchores ist es, sich jener Kunst
anzunehmen, die als reife Frucht deutscher Scele und
deutschen Wesens unserm Volke in den Schoß fiel. Das
ist in erster Linie das Volkslied (nicht zu verwechseln mit
dem volfkstümelnden Lied jüngst verflossener Zeiten) im
Satz unserer besten Meister. Des ferneren ist das jenes
Werk, vielfältig in Gehalt und Gestalt, das schlicht und
vahr, unbeschwert von der Sucht nach dem Effekt, die
den Esfekt doch immer verdirbt, aus unserm Volksleben
wangsläufig und künstlerisch vollendet entsprießt. Hier
Winke zu geben, würde zu weit führen. .... Mit diesem
jochwertigen künstlerischen Material wird nun jede Zeit
deal gestaltet. Ziel sei stets die allgemeingültige For—
nung volkischen Lebens mit den Mitteln allgemeinver—
ttändlicher, also auch zündender, aber stets hoher und
zufrichtender Kunst. Die Pflicht zu solcher Kulturarbeit
und der Erfolg bei Sängern und Hörern wächst dabei
dort wesentlich, wo der Gesangverein vielleicht der ein—
zige künstlerische Kulturträger im Orte ist, so in entlegenen
Großstadt-Vororten, in der Kleinstadt und auf dem Lande.
Die Nufgabe, die dem Quartett-Verein M. gestellt ist, ist
also ebenso groß wie lohnend. Zur Anordnung des Stoffes
sei gesagt, daß man sich davor zu hüten hat, inhaltlich,
zeistig und stilistisch entgegengesetzte Werke nebeneinander
zu stellen, wie z. B. im zweiten Teil: Schubert, Wald—
neister, Ohlsen, Angerer, Brahms, Kirchl, Wagner (N, weil
sonst ein Eindruck den andern aufhebt und dem Publikum
eine Gelegenheit gegeben wird, sich in einen Gedanken
ruchtbar zu vertiefen. Fassen wir kurz zusammen: Der
zjeutige Männerchor hat die Aufgabe, Werke, die als
deale Willenszußerung des Volkes gelten dürsen, die
direkt oder indirekt gus deutscher Volkheit erwuchsen, in
wohl durchdachter und wirksamer Form wieder ins Volf
zu leiten, damit dieses zu der unserer Zeit nötigen Ver—
tiefung der zeitlichen Gegebenheiten und zur freudvollen
Aufhellung des Alltags gelangen kann. Das ist trotz der
wirtschaftlichen Notlage unserer Vereine möglich.
Die Mitwirkenden des recht gut besuchten Konzerts
waren das gefällig musizierende Streichorchester der Kapelle
K. und ein Mitglied des Vereins Fr. Br. dessen selten
eichter, reicher und wirklicher Tenor den Neid vieler
Konzert- und Operntenöre erregen darf. Solch edler ge—
rundeter Klang und solche Nusgeglichenheit von der Tiefe
bis zur höchsten Höhe eines weich strahlenden Organs bei
guter Registrierung der Stimme berechtiat zu allerschönsten
Hoffnungen. Es sei dem trefflichen Sänger aber eine
zkonomischere Behandlung seiner kostbaren, doch empfind
lichen Stimme empfohlen.
Leonhard Blumberger
Dortmund-Hörde.
Als Muster einer Kritik, wie sie dem vorstehenden Aufsatz entspricht, veröffentlichen
wir hier aus der Feder des gleichen Verfassers unter Wealassuna von Namen den Bericht de⸗
Dortmiinder Zeitung“ über ein Männerchor⸗-Komert Die Schriftleitung.
Musikkritik, wie sie nicht sei —L
usikkritik. wie sie nich sein so e.
KRichard Wagner.
Deliriumsmusik: Uns fsehlt das Organ für diese
Deliriumsmusik.. . GSignale.)
Eselsohren: Wagner hat auf sehr große Ohren ge—
rechnet (Meistersinger), für menschlich gebaute war der
Skandal unerträglich. . . (Wiesbadener Lokalblatt.)
Festkrämpfe: So haben denn diese olympischen Fest—
krämpfe endlich stattgesunden. (Dr. Spitzer.)
Gilkagetränk: Tristan und Isolde sind von der
Pokalszene ab Marionetten, welche an gilkagetränkter
Strippe willensos hin- und herbaumeln. (H. Dorn.)
Hundemarke: Immer dasselbe klingelne Leitmotiv,
gleichsam eine angehängte Hundemarke. (Speidel, Götter—
dämmerungq.)