Full text : 15.1935/36, 1-6 (0015)

Nr. 8 ur

Sängerzeitung is

vdun Seite 103

Kreis ZweibrückenHomburg.
Der Sängerkreis Homburg mit seinen schönen Tälern,
seinen waldigen Höhen, erschlossen von einem ausreichenden
Eisenbahn- und Straßenverkehrsnetz, bewohnt von einer
seßhaften Bevölkerung, in der Hauptsache von Industrie-,
Berg- und Hüttenarbeitern, die jedoch „nach Schicht“ noch
kleinere Landwirtschaft treiben, ist als besondere Pflegestätte
des Liedes wie geschaffen. Wenn vor der Rückkehr des
Saarlandes zum heißgeliebten Vaterland der Atem und
die Stimme manchmal angehalten werden mußten, wenn
wir Sänger damals oft mit neidischen Blicken „über die
Grenze“ schauten und uns ärgerten, daß wir unseren
Gefühlen nicht in gleicher Weise freien Lauf lassen konnten
wie die Sangesbrüder im Reich, so ist diese Zeit längst
vergessen, und fröhlich und heiter erklingt uns aus allen
Städten, Orten und Siedlungen Gesang und Musik ent—
gegen. Ist doch jetzt die Zeit gekommen, in welcher die
Sänger aus dem Reich ihren Brüdern an der Saar
ihre Gegenbesuche abstatten können, um die während der
Zeit der Abtrennung gelegentlich der Sängerfahrten „ins
Reich“ geschlossenen Freundschaftsbande zu erneuern und
zu festigen. So fanden sich bereits Ende April 200 Sänger
aus Karlsruhe bei dem Männergesangverein 08 Erbach
als Besuch ein, denen über die Pfingstfeiertage der Männer—
chor aus Lauffen a. N. mit ca. 100 Mann folgte. Mitte
Mait empfing der Männerchor Oberberbach den Freund—
schaftsbesuch des Gesangvereins „Liedertafel“ aus Weisenhetm
 a. Sand. Sangesbruder aus Hösen an der Enz im
Schwarzwald weilten an Pfingsten beim Felder'schen
Männergesangverein zu Besuch, während am 29. und 30.
Junt Wittlicher Sänger bei der Sängerlust in Reiskirchen
sich als Gäste eingefunden hatten. Diese Besuche aus—
wärtiger Brudervereine wurden umrahmt von den Fest—
lichkeiten der Kreisvereine, die sich überall eines sehr
guten Besuches zu erfreuen hatten. Wenn auch bei dem
bbljährigen Stiftungsfest des M.G.V. Limbach, das am
26. Mai abgehalten wurde, der Wettergott nicht die beste
Miene aufgesetzt hatte, so konnte dies die Stimmung der
zahlreichen Festteilnehmer nicht beeinträchtigen. Am Himmel—
fahrtstag, dem allgemeinen Ausflugstag, finden wir die
Sängervereinigung Homburg in Dahn, dem Luftkurort des
pfälzischen Wasgau. Am 30. Juni veranstaltete der gleiche
Verein sein traditionelles Waldfest am Karlsbergweiher,
das sich in diesem Jahre infolge des herrlichen Wetters
eines recht zahlreichen Besuches, besonders auch des Be—
suches der Sangesbrüder aus Wittlich, zu erfreuen hatte.
Den Höhepunkt der Sängerveranstaltungen im Kreis Hom—
burg bildete das am 30. Juni in Höchen abgehaltene
Kreisfest, gleichzeitig als 50jähriges Stiftungsfest des
M.G. V. Höchen. Bereits bei dem Samstag abends unter
Mitwirkung der Kapelle der Grube Frankenholz veran—
stalteten Festabend waren neben den Sangesbrüdern und
der Einwohnerschaft von Höchen eine Anzahl Brudervereine
erschienen, um den Festabend würdig zu gestalten. Außer—
ordentlich zahlreich war die Zahl der Besucher am Sonn—
tag, nicht zuletzt angelockt durch den idealen Festplatz am
Aussichtsturm, nach welchem sich nachmittags ein statt—
licher Festzug bewegte. Mannigfaltig war das Programm.
Den Vorträgen der Musikkapelle folgten Begrüßungsreden
Ansprachen und Prolog, Festchor und Massenchöre, sowie
Einzelvorträge der erschienenen Vereine. Den Höhe- und
Mittelpunkt der Veranstaltung bildete eine Anspräche des
Kreisführer, Oberregierungsrat Bühler, der im Anschluß
an seineée begeistert aufgenommene Rede dem Männergesang—
verein Höchen als Geschenk des Kreises eine Plakette mit
dem Bildnis von Johann Sebastian Bach überreichte. Den
Schlußstein der Veranstaltungen vor den „Ferien“ bildete
das 10jährige Stiftungsfest des Gesangvereins Sängerlust
Reiskirchen, das am 14. Juli bei herrlichem Wetter und
großer Beteiligung stattfand

durch den Reichssender Frankfurt in der Stunde des Chor—
zjesangs übertragen. Kreiskulturwart Stoeppler hielt die
Bedächtnisrede, Sängergauführer Kipp nahm die Weihe
der Fahne vor. Das harmonisch verlaufene Fest wird nicht
tur allen Teilnehmern eine wertvolle Erinnerung bleiben,
sondern auch Antrieb sein für ferneres treues Wirken
im Dienst am deutschen Lied!
Der Tag des deutschen Liedes wurde auch in Blieskastel
estlich begangen. Am Samstagabend brachte M.G.V. „Saar—
reue “am Schlangenbrunnen der Bevölkerung ein Konzert.
Fin Umzug durch die Straßen unter Vorantritt des Spiel—
nannszuges des Jungvolks und der HJ. war Auftakt zu
dieser Feierstunde. Es wurden Volkslieder und Chöre stim—
nungsvoll zu Gehör gebracht. Der Vereinsführer richtete
in die zahlreich anwesende Bevölkerung einige Worte und
vies auf die Pflege des deutschen Gesanges hin. Gerade
in den 15 Jahren der Trennung vom Mutterlande wurde
der deutsche Gedanke durch zielbewußte Kulturarbeit im
Saarvolk erhalten. Dieses kam auch im Abstimmungskampf
und dem mutigen Bekenntnis zum deutschen Valterlande
zum Ausdruck. Der Gesangverein unter dem Namen
„Saartreue“ wird auch in Zukunft die Aufgaben, die an
hn herantreten, meistern. Dazu bedarf es auch williger
Kräfte, die durch aktive Beteiligung am Gesange das
Gesangsleben unserer Stadt fördern helfen

Der Gesangverein als Träger des Volkstums.
Es ist etwas besonderes, wenn auf dem Dorfe ein Ver—
ein sein Fest hält. Da ist wirkliche Festesstimmung. Schon
wochenlang zuvor merkt man dies. Die Festesfeier bildet
das Tagesgespräch am Biertisch, am Waschplatz, am Dorf—
brunnen, bei Alten und Jungen. Die Häuser erhalten
neuen Anstrich, die Zimmer und Küchen werden getüncht
— denn man erwartet Besuch. Da macht der Schreiner
eine neue Haustüre und dort ein Fenster. Da muß man
halt, wohl oder übel, ein bißchen tiefer in den Geld—
heutel greifen. Und erst der Verein, der das Fest hält?
Der Vereinsführer hat schon ein Jahr lang vorher seine
Sorgen über JS& Festplatz, Einladung der Fest—
zäste, Ehrungen, usik. Und so ging es diesmal unserm
M.G. B. „Einigkeit“ Roßbach in der Pfalz, der sein 50—
jähriges Stiftungsfest feierte. Drei Vereine vor allem sind
es, die auf dem Dorfe von jeher Träger des Kulturgutes
find: Militär- und Kriegerverein als Hüter des solda—
tischen Menschen, Turn- und Sportverein als Träger des
zgesunden, frohen Menschen und Gesangverein als Pfleger
don Lied und Sang, der geistigen und gemütlichen Kultür—
züter, die drei vereint als Träger der Polksgemein—
schaft im besten Sinne.
Eines Tages ging ich zu einem alten Sanges—
druder und ließ mir von ihm erzählen, was sich in
den 50 Jahren im arerein alles zugetragen hatte.
Wir unterhielten uns stundenlang. Was sich da vor mir
abrollte, waren nicht bloß 50 Jahre Vereinsgeschichte, nein.
50 Jahr Volkserleben auf dem Lande, 50 Jahr Dorf—
hronit. Der alte Säuger erzählte mir also: Es war vor
50 Jahren im Sommer 1885; vorausgegangene Gemeinde—
vahlen hatten die Gemüter der Bürger des Ortes gegen—
eitig erhitzt. Da faßten mehrere Männer den vernünftigen
Bedanken, eine Brücke herzustellen, um wieder Friede und
Einigkeit ins Dörfchen einkehren zu lassen. Man sah das
zeste Mittel in der Gründung eines Gesang—
»ereins. Am 15. Juli des Jahres 1885 wurde der
Männergesangverein aus der Taufe gehoben und ihm der
zedeutungsvofle Name „Einigkeit“ gegeben. Sofort traten
18 aktive und 2 passive Mitglieder bei. Am Ende des
Jahres waren es schon 32 aktive und 11 passive Mit—
glieder. Lobenswerterweise ernannte man den 85zjährigen
hensionierten Lehrer Venter, der 60 Jahre seinen Beruf
ausgeübt und der ja alle Singen gelehrt hatte, zum 1
D
—

Pfalz.
Deutscher Männerchor e. V. Edigheim konnte sein 90.
Stiftungsfest begehen. Er verband sein Fest mit Fahnen—
weihe und dem Wertungssingen der Isenachgruppe. Die
Frankenthaler Stadtkapelle ftellte unter Kapellmeister Huber
die Musik. Die Festgedichte — wir veröffentlichten be—
reits den Gruß an die neue Fahne — verfaßte der
pfälzische Heimatdichter Adolf Laub. Festdichtungen, und
Chöre, die unter dem Stabe von Chormeifter Heinrich
Becker Zeugnis von guter Gefsangskultur abledten, wurden

— 58 —
——* Ad

XRX

Theodor Beh
Dipl. Gesangspaàdag. u. Chormeister
Saarbrücken 3 — Goethestraße 10
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.