Nr. 1 Innee
Sängerzeitung sa
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Er überlegt und forscht, kann aber nichts finden, was
sein Los des Gemiedenwerdens rechtfertigt.
Weiterkämpfen oder gleichmütiges Sichscheiden ist jetzt
die Frage. Besoffene Matrosen aus dem nahen Hafen
Pargate treten in die Schenle und gröhlen ein Lied, das
sie an der Themse gelernt haben und das in schmutziger
Weise den ehemaligen Operndirektor Händel verhöhnt.
Da haut der nachdenkliche Gast seine tönerne Pfeife in
die Tasse, daß Pfeifenkopf und Trinkgefäß in tausend
Zcherben gehen.
„Jetzt gerade“, ruft er aus und eilt hinaus.
„Der ist verrückt,“ lachen ihm die Matrosen nach und
ingen ihr Lied weiter.
Einige Wochen später wird der aus der Londoner Haupt
tadt Geflohene in Dublin gefeiert wie ein Köniqg.
„Bezahlen, Herr, bezahlen? Begnadet mich mit einem
Besuche uͤnd ich bin reicher entschädigt, als wenn ihr mir
Jundert Guineen schenket.
Ich bringe ihn, Britton,“ spricht der Klavierspieler und
zieht den anderen fort.
Ddie Wohnung des Kohlenhändlers liegt in einem Hause,
das fich weder an Baufälligkeit, noch Schmutz von den
umliegenden auszeichnet. Es ist ein ehemaliger Stall mit
darüber liegendem Heuboden. Der Stall ist Kohlenlager
geworden, der Heuboden Wohnung, zu der eine schmale,
zedenklich wackelige Leitertreppe führt. Als Hauptzimmer
dient ein niedriger Musiksalon, die Wände getüncht, die
Möbel alt und zusammengesteigert, die Instrumente aus—
gezeichnet.
Hier empfängt der seltsame Kohlenhändler jeden
Doñnerstag die Ersten der musikliebenden Welt Londons.
Als Babell den Fremden mitbringt, erhält dieser den
Fhrenplatz neben der Herzogin von Queensberry. Britton
st' begeistert und versichert immer wieder, daß dies der
ehrenvollste Tag seines Lebens sei.
August Wilhelm, Herzog von Cumberland, hat die
Zchlacht bei Cullodon siegreich geschlagen. Auf seinen Be—
ehl haben die Henker des ganzen Landes mit der Aus—
rottung der Stuartanhänger soviel zu tun, daß die
Z3chaffotte nicht mehr trocken von vergossenem Blute wer—
»en. Die Soldaten gaben dem Herzog den Beinamen „Der
—„chlächter“, juheln ihm aber mit den Londonern zu, als
er wie ein Triumphator in die Towerstadt einzieht.
Die Stände feiern den Sieger, die Künste wetteifern
niteinander in den Lobpreisungen des Loses, das England
für immer von den Ansprüchen der Schotten befreite.
Der Taumel über die Errettung währt jahrelang, und
als im zweiten Gedenkmonate der Schlacht ein Oratorium
als Siegesfeier gegeben wird, eilt das Volk in hellen
Haufen herbei und bereitet dem Werke und seinem Schöpfer
nicht endenwollende, begeisterte Huldigungen.
Erst jetzt tritt Ruhe in eine bewegte Lebenslinie ein.
Noch sind trotz des Gewinnes in Irland und trotz
neuerer Erfolge in London die Gegner Händels nicht ver—
stummt, aber von dieser Siegesfeier an werden sie ohn—
mächtig, denn das Volk beginnt Herz und Liebe in Be—
vunderung und Ehrfurcht dem großen Musiker zu opfern
Eine alte, gelähmte und blinde Frau sitzt unter Kissen
in einem rotfamtenen Ohrensessel vergraben und lauscht
hinaus auf die Straße, über der ein warmer Sommer—
ͤBend liegt. Jedes Pferdegetrappel und Wagengerassel läßt
sie aufzucken, jedes noch so serne Geräusch sieigert ihre
Ungeduld.
Freunde und Bekannte sind heute in großer Anzahl bei
ihr gewesen und haben verschwenderischer als sonst von
dem 'großen Ruhme ihres Sohnes, der seinen Besuch in
der Heimat angesagt hat, erzählt.
Als die Greéisin das Vorrollen der Eilpost hört, will
sie sich aufrichten, fällt aber kraftlos in die Kissen zurück.
Und schon kniet der Sohn neben ihr und netzt mit
Tränen und Küssen die Hände.
„Mutter,“ schreit er auf.
Die Blinde ist glücklich und verklärt.
Könnte sie sehen, so würde sie erkennen, daß die Züge
hres Kindes Gram und Entsetzen ausdrücken.
Gram über das Altgewordensein und Schicksal der
Mutter. Entsetzen über eine gespenstige Ahnung, die ver—
kündet, daß auch er einmal in der fürchterlichen Dunkel—
heit blinder Augen leben muß.
Das Unglück macht vor keiner Türe Halt.
Ein Blinder leitet eine Aufführung des Messias.
Mit Seligkeit horcht er den Tönen nach und freut sich,
daß auch das Leid der Krankheit ihn nicht von seinem
Amte abbringen kann.
Die Amenfüge rauscht auf wie ein Preisgebet aus Meeren
von Lippen zu Gott.
Die Zuhörer sind befangen in Ergriffenheit, dann tost
der rauschende Beifall los.
Händel tastet vor und dankt. Dankt stürmisch und be—
klommen, denn seine Sinne sehen eine schwarze Gestalt
auf sich zuschreiten.
„Komm““ sagt diese leise, „es ist Zeit.“
Da nimmt der Greis mit einer ruhigen Bewegung Ab—
schied vom Leben der Theater und Konzertsäle. Er hat
dem Altare und Moloch dieses Seins mehr gedient, als
irgend einer vor ihm.
Als er nach Hause gebracht wird, weiß er, daß die
Dunkelheit der Augen sich bald in dem Lichte einer anderen
Welt verklären wird.
Johaunes Heinrich Vraach.
Durch das Weideland um Chester läuft im November—
sturm ein Mann, der seinem Groll und seinem Aerger
dadurch Luft machen will, daß er mit den Armen über
dem Koͤpf herumsfuchtelt, wie ein Windrad mit den Flügeln
über der Mühlenhaube. NAus London haben ihn das Ge—
würm der Neider, die Mißgunst vieler Adeligen, Intrigen
und Haß vertrieben. Mochte er noch so viel schaffen und
der Welt Schönheit schenken, sein Werk wurde neuerdings
»erkannt und Geifer auf es gespritzt.
In Irland will er Zuflucht suchen, aber widrige Wetter
»erzögern die Ueberfahrt.
Das vermehrt seinen Zorn.
Nach jedem Spaziergange kehrt er in einem Gasthause
zin, um bei einer starken Tasse Kafsee und einer Pfeife
Tabak Rückschau über die letzten Londoner Jahre zu pflegen.
Auch eine Bach-Biographie.
Praͤludium.
(Ir wurde im Jahre 1685 am 21. März in Eisenach
Bugeboren. Seine Eltern waren: Johann Ambrosius
Bach, Hof- und Stadtmusikus daselbst, und Elisabeth
pogrene Lemmerhirtin, eines Rathverwandten in Erfurth
Tochter.
Johann Sebastian Bach begab sich, nachdem sein Bruder
gestorben war, nach Lüneburg, auf das dasige Michaels—
Gymnasium, allwo er wegen seiner schönen Sopranstimme
vohlaufgenommen wurde.
Eine im Jahre 1708 nach Weymar getane Reise, und
die daselbst gehabte Gelegenheit, sich vor dem damaligen
derzoge hören zu lassen, machte, daß man ihm die Kammer—
und Hoforganistenstelle antrug, von welcher er Besitz nahm.
Andante serioso.
Konzept des Reverses, den Bach unterschreiben mußte
Tantorius bey der Thomas-Schule in Leipzig:
1. Daß ich den Knaben in einem erbarn eingezogenen
deben und Wandel mit gutem Exempel vorleuchten, der
Schulen fleißig abwarten und die Knaben treulich in—
ormieren.
2. Die Musie in beyden Hauptkirchen dieser Stadt nach
bestem Vermögen in gutes Aufnehmen bringen.
3. E. E. Hochw. Rathe allen schuldigen Respekt und
Gehorsam erweisen und denen Ehre und reputation aller—
orten bestermaßen beobachten und befördern.
4. Damit die Kirchen nicht mit unnötigen Kosten be
leget werden mögen, die Knaben auch in der Instru—
mentalmusik fleißig unterweisen.