—A
sspp Saar⸗Sänger-Bundut—
Nr.
die redenöde Handd.
In Lionardo da Vineis berühmtem Abendmahl wird
Auns der Eindruck wiedergespiegelt, den des Heilands
Wort: Einer unter euch wird mich verraten! auf den Kreis
der Jünger macht. Alle Gemütsbewegungen sind hier aus
ihrem Gesichtsausdruck abzulesen: von dem schlichten, kind⸗
lichen Bewußtsein der Unschuld bis zu ihrer überschwäng—
lichsten Beteuerung. Dem aufmerksamen Beschauer wird
dabei aber gewiß nicht die erschütternde Beredsamkeit
der Hände entgangen sein. Welch eine Differenzierung
des Ausdrucks! Welch eine feine Psychologie der Geste!
Ich habe mich daraän erinnern müssen, als ich vor einigen
Jahren den Chörmeister des Wiener Lehrer-A-cappella-Cho⸗
res, Hans Wagner-Schönkirch, in einer Reihe von
Konzerten dirigieren sah. Mir war aufgefallen, daß sich
der Dirigent keines Taäktstockes bediente, sondern allein
seiner Hände. Und in der Tat sind ja die Ausdrucksmög—
lichkeiten des Taktstockes beinahe auf das Taktschlagen be—
schränkt. Schon die dynamische Befeuerung liegt mehr im
Arm als im Stab. Welche reichen Ausdrucksmittel dagegen
bergen die Hände! Sie gewährleisten zunächst mit ihrem
klugen, das Maß beherrschenden „Minnenspiel“ die Rich—
tigkeit der künstlerischen Reproduktion. Sie zeigen Takt für
Takt, daß sie wahrhaft wissend sind, eine lebendige Be—
stätigung des Goethewortes: Und nach und nach kommt der
Verfiand ganz unvermerkt dir in die Hand. Aber in den
Händen rühen auch alle Willensstrebungen. Sie sind ge—
laden mit hochgespannten Energien und durcheilen oft in
Sekunden alle Phasfen der Anspannung und Entspannung,
bom engelweichen Fingerspreizen bis zum titanischen Fäuste—
ballen. Und als Tiefsftes und Feinstes bedeuten die fein—
nervigen Hände sensiebelste Leilung für alle Gefühle der
Menschenbrust von Freud und Leid und Glück und Un—
glück, von Demut und Niedrigkeit und Erhabenheit und
Hoheit, von Angst und Schrecken und Befreiung und Frie—
den, von Schuld und Bitte und Gnade und Erlösung. Und
v wird es verständlich, wenn ein Meisterdirigent nur mit
hnen die feinen Register seiner unglaublich reichen Men—
schenorgel zieht! Alwine Steinisz beleuüchtete unlängst
in der Kölnischen Illustrierten Zeitung in einer durch Bil—
der anschaulich gemachten Skizze die „Hände berühmter
Leute“. Es handelt sich um die Hände der Maler Heinrich
Zille und Max Liebermann, von Professor Einstein und
die des Musikers Professor Siegfried Ochs. Auch hier wurde
wieder die tiefe Intensität des Ausdrucks deutlich, ein
Minenspiel“, das nicht — wie oft genug das des Ant—
itzes — durch Heuchelei, Verstellung, Schauspielkunst be—
wußt verhüllt werden kann.
Das Volk wußte längst etwas von dieser Individu—
alität der Hand und ihrer Schicksalhaftigkeit. Mehr
und mehr aber löst sich dieser, vielfach von Aberglaube
beherrschte Okkultismus aus den Banden einer „Geheim—
wissenschaft“ und gelangt zu exakten Ergebnissen und kla—
rem, wissenschaftlich begründetem System. Den gegenwär—
igen Stand der Forschung spiegelt wohl am sichersten, ge—
viß aber am interessantesten und klarsten wieder das zwei—
»ändige trefflich ausgestattete Werk Hand und Per—
önlichkeit, Einführung in das System der Handlehre,
»on Marianne Raschig, Verlag Gebrüder Enoch, Hamburg,
wei leinengebundenen Bänden 18,— RMy, dessen erster
Teil eine leicht faßliche, auf dreißigjähriger Forscherarbeit
zeruhender Einführung in die Chirognomik und ihre ge—
eimnisvollen Gesetze enthält, gestützt auf das von stärk—
cem Einfühlungsvermögen beschwingte Studium von 276
dänden verstorbener oder noch lebender bekannter Per—
oͤnlichkeiten. Der zweite Band liefert als Bildteil die zur
Anschauung notwendigen Illustrationen. Hier lernen wir
„Ja, 's ist ein Hauptbaß!“ schloß der Hanshenner, „nicht
tot zu machen ist die alte —83— Hanshenner, „nicht
Schneehauben, nur die weißbeeisten Fenster schimmerten
durch die Nacht, unheimlich wie die lichtlosen Augen eines
Blinden. Dazu knarrte und heulte der Schnee, und trotz
der raschen Bewegung empfand der Bursche schmerzhaft die
durchdringende Kälte.
Aber dicht neben ihm schritt leise schluchzend ein süßes,
warmes Leben durch die erstarrende Nacht. Es drängte
hn, das Mädchen an seine Brust zu ziehen, an ihrem
herzen zu erwarmen. Aber konnte, durfte er? Freilich be—
'and er sich auf ihren ausdrücklichen Wunsch an ihrer Seite,
aber daß damit der Zwiespalt zwischen ihnen nicht ger
hoben, hatte sie ja selbst gesagt. Sie verlangte, daß er
zeden, sich erklären, entschüldigen sollte. Konnte er das?
Sollte er sich schuldig bekennen, jetzt, wo sich die Macht
seines Blasens aufs neue so wunderbar bewährt?
Das Schluchzen des Mädchens ward stärker, je näher sie
dem elterlichen Haus kamen. Paul schnitt das unterdrückte
Weinen durch die Seele; dennoch brachte er kein Wort über
die Lippen, die Kehle war ihm wie zugeschnürt.
Von der Kälte empfand er nichts mehr. Eine ganze
Hölle brannte in seinem Herzen auf, als nun wirklich schon
die Haustüre erreicht ward. Es zuckte in seinem Herzen,
es wühlte und brannte in seinem Hirn, das heftigere
Weinen des Mädchens, das sich von ihm abgewendet hatte
und ganz außer sich das Gesicht in ihr Tuch verhüllte,
zerriß seine Seele. Dennoch fand er kein Wort der Ente
schuldigung oder der Liebe, er konnte nicht redeng konnte
nicht nachgeben. Paul knirschte heimlich mit den Zähnen,
er konnte nicht, und sollte er darüber zugrunde gehend
Wie lange sie so halb voneinander abgewendet gestanden,
wußte keines. Beiden deuchte es eine Ewmiakeit. Vaul hätte
Ein leiser Druck auf die Schulter. Der eben noch an—
scheinend fest schlafende Schülzler begann sich zu dehnen
und zu strecken, und als die Rottensteiner Burschen nich?
auf ihn achteten, verschwand er lautlos unter den Damms—
brücker Burschen und Mädchen, die eben durch die Stube
zu schwärmen begannen. „Der Schmiedspitter ist sicher auf—
gehoben. Vorwärts, das Bärble wird draußen auf dich
warten! Mach's rasch ab, Schülzle, eile, was du kannst
Lange halten wir die Rottensteiner auf keinen Fall zurück,
und fällst du in ihre Hände, weißt du, was dir blüht! Ja,
wenn sie alle so fest säßen wie der Schmiedspitter — ha
ha! — Vorwärts jetzt!“ Damit schob ihn der Mühljohann
leise lachend aus der Tür.
In der offenen Haustür zeichnete sich gegen den leuch—
tenden Schnee draußen eine dunkle weibliche Gestalt ab;
es war Evebärbchen. Wortlos ergriff sie seine Hand und
zog ihn fort. Er fühlte ihre Pulse schlagen; der drangvolle
Atem verriet ihre Aufregung. Im raschesten Lauf zöog sie
ihn durch die stillen Gassen. Erst in der Nähe des väter⸗
lichen Gehöftes ging sie langsamer, ließ seine Hand los,
hüllte sich schauernd in ihre Tücher, und Schülzle war's,
als höre er sie leise schluchzen.
Dem Burschen ward es wunderlich zu Mut. In unbe⸗
schreiblicher Pracht und Majestät funkelte der Sternen—
himmel über ihm; aber der Glanz war kalt und fast uns
heimlich, wie die verzerrten Spiegelbilder der fernen Sterne
auf der blinkenden Eisfläche des Dorfbaches. Dunkel und
zde. wie zusammendeduckt. lagen die Häuser unter ihren
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