Full text : 14.1934/35 (0014)

Seite 226 III“

ppp Saar⸗Sänger⸗-⸗Bund

—“lhh Nr. 11

Einer der Meister, die nun Kraft ihrer Perfönlichkeit
selbst wieder in dieser Hinsicht Vorbild für viele andere
Chorkomponisten wurden, ist Richard Heuberger. Als uni—
bersell gebildeter Musiter hat er sich auf fast allen Ge⸗—
bieten der Komposition versucht und seinen stärksten, bis
heute noch wirksamen Erfolg mit der Operette, fast möchte
nan schon sagen komischen Oper, „Opernball“ erzielt.
Jene Einflüsse der Zeit und musitalischen Umwelt, die
ja auch noch in anderen Werken anderer Weister zu finden
sind, auf das Chorschaffen wird man deuttiich schon in
heubergers, durch kunstvolle Architektonik ausgezeichnetem
Thor „Die Tiroler Nachtwache 1809“ zu ertennen ver—
noögen. Auch hier ist der Text nicht bloß mehr mit Musik
uimgeben worden, sondern die Mujsik ist gewissermaßen aus
dem Text herausgewachsen.
Meisterwerte ganz persönlichen Gepräges, die turmhoch
über der zeitgenosfischen Cyormusik steyen, sind die etwa 20
Chöre Anton Bruckners. Ebenso wie diese Werke im Ver—
hältnis zur zeitgenössischen Chorproduttion eine isolierte
Stellung einneymen, so Haben sie verhältnismäßig auch
nur geringeren Einfluß auf die stilistische Entwickrung des
Pännerchores in den solgenden Jahrzehnten genommen.
Bruckners reife Kompositionstechnik nutzte alle Möglich—
keiten, die sich aus komplizierterer Stimmführung und
eine für die damalige Zeit sehr freie Harmonik ergaben.
Bruckners Chöre sind eben dadurch nicht gerade leicht
aufführbar. Zu seinen Eigenheiten gehört es, daß er gerne
Textzeilen wiederholte. Daran knüpft sich auch eine Anek—
dote. Der Dichter einer seiner Cyhöre soll Bruckner gefragt
haben, warum er so häufig die Textzeilen und Worte
wiederhole. Bruckner soll ihm nun in seiner urwüchsigen
Art geantwortet haben: „Hät'ns mehr dicht!“ Auch den
Brummchor verwendet Bruckner gerne. Aus Bruckners reif—
ster Zeit, als der Meister in Wien lebte und mit dem
Wiener Männergesangverein und dem Akademischen Ge—
sangverein in persönlicher Fühlung stand, stammt der für
sein Schaffen in dieser Gattung charakteristische Chor
„Trösterin Musik“.
Mit Josef Reiter treten wir in die Epoche der Gegen—
wart und jüngsten Vergangenheit. Allzu nahe liegt uns
das künmnstlerische Geschehen dieser Zeit. Auch bei dem Wil—
len zur größten Objektivität wird alles, was wir darüber
jagen, Ausdruck persönlicher Meinung bleiben müssen.
Josef Reiter ist nun auch einer jener Tondichter dieser
Zeit, die nicht nur Männerchorkompönisten sind. Denn sein
Schaffen erstreckt sich auf alle Gebiete der Musik. Größter
Erfolg war ihm auf dem Gebiete des Männerchores be—
schieden. Erfolg nicht nur im Sinne beifälligster Aufnahme
seiner Schöpfungen. Sein Schaffen hat auch das Schaffen
zahlreicher anderer Komponisten entschieden beeinflußt. Denn
Reiter ist unter den Meistern des Männerchores derjenige,
der die Chorlyrik aus der Sphäre der Liedertafelei
wieder emporgehoben hat in die Sphären echter Kunst. Als
ührender Chorlyriker hat er nur wertvolle, gehaltvolle
Bedichte vertont und war auch darin beispielgebend. Daß
seine Lyrik nie sentimental und süß wirkt, sondern stets
nännlich kraftvoll, macht seine Chöre besonders wertvoll.
Man darf sie mit Recht Chordichtungen nennen.
Eine Fülle von Namen und Werken umgibt uns, be—
trachten wir im übrigen das Männerchorschaffen der Ge—
genwart und jüngsten Vergangenheit. Es mag hier nun
borteilhafter sein, sich nicht so sehr auf die Betrachtung
der einzelnen Schaffenden festzulegen, als vielmehr ihre
eigenartigsten Schöpfungen näher anzusehen. Da können
vir nun seststellen, daß stärker als in all den vergangenen
Jahrzehnten in der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit
die Entwicklung des Chores irgendwie wieder stilistisch An—
schluß findet an die künstlerische Entwicklung der übrigen
musikalischen Gebiete. So ist der musikalische Impressionis—
muß ebenso nicht spurlos am Männerchore vorübergegangen,
wie der Expressionismus. Das Pointilistische hat gleichfalls
abgefärbt. Im großen ganzen aber kann man sagen, daß
sene, die dieses Neue irgendwie in die Chortechnik hinüber—
genommen haben, immer noch irgendwie am Stife, troß

dinzutreten dieser neuen Elemente, festhalten, wie ihn
twa Hegar gepflegt und weiter ausgebiroet hat. Ob wir
da nun Komponisten nennen, die meyr in VDeutjchland
»ekannt sind, wie etwa Lendvai, Trunk und Känmpf,
»der den deutsche Gedichte häusig vertonenden tschechijgchen
romponisten J. B. Foerster (es waren naturiich noch andere
zu nennen), immer wieder finden wir diese stiristische Syn⸗
hese von älterem Chorstil und neueren und neuesten Stil—
nanieren, die aus den übrigen mujsikalischen Schaffens—
zsbieten herubergenommen wurden. Auch oie Oesterreicher
inter den Chorcomponisten huldigen dieser Synthese. Bei
Vagner⸗Schoncirch sinden wir sie ebenso, wie etwa bei
seuhoser, Czajanek, Robert Kerdorser, Lafite und noch
Relen anderen. Es soll hier nicht Wert oder Unwert
zes einzelnen Wertes aufgezeigt, sondern nur darauf hin—
jsewiesen werden, daß in vielen Fallen starte Personlich—
eitswerte atte und neue Stilelemente zu einem immerhin
vertvotlen Neuen amaigamieren. Selost in die wieder star—
er gepsregte Boiksliedbvearveitung wird dieser Zeitstil hinein—
jetragen. Man denke an Othegraven oder Wibroenhauer.
Fassen wir das Gesagte zusammen, dann durfen wir
zehaupten, daß auch der Mannerchor, eben auf seine Art
ind vierfach gehemmt durch prartische Aufsuhrungsmög—
ichkeiten, den Gärungsprozeß mitmacht, von dem seit etwa
1910 die ganze Musit ersaßt ist. Ueberall sind Ansätze
zu völlig Neuem vorhanden, selten aber nur oder fast nie
ind es mehr, als eben Ansatze. Dort aber, wo wirklich
steues zu finden ist, wurde es um den Preis des völligen
Ubrückens vom bisherigen Stile erkauft. Dieses völlig Neue
inden wir bei zwei allbekannten Tondichtern der neuen
zeit, bei Schönberg und Hindemith.
Gering ist vorerst noch die Zahl ihrer Männerchorwerke,
roß, für viele Vereine fast unüberwindlich, die Schwie—
rigkeit, die sich einer Aufführung entgegenstellt. Schön—
zerg kommt zu seinem Stile im Männerchore einerseits
von den kompositorischen Grundprinzipien seiner Atona—
ität aus, anderseits scheint es, auch klanglich, so, als ob er
Ztilmanieren und Satztechnik vergangener, um Jahrhunderte
zurückliegender Epochen neu beleben wollte. In seinem Chore
„Verbundenheit“, den beispielsweise der Wiener Lehrer—
wcappella⸗-Chor restlos vollendet schon zu Gehör gebracht
zat, sind die Stimmen nach den Regeln strengster kontra—
zunktischer Gesetzmäßigkeit geführt. Alle Stimmen sind gleich—
erechtigt, eine dominierende Oberstimme gibt es nicht mehr.
das individuelle, in ganz neuem Sinne melodische Leben
»er Einzelstimme wird zur Hauptsache. Darüber hinaus
vird nun auch noch versucht, die eigenlebigen Einzelchor—
timmen zu einer, den Gesamtausdruck der Dichtung treffen—
»en Einheit höherer Ordnung, zusammenzufassen.
Auch Hindemith führt die Chorstimmen in freier Selb—
tändigkeit. Harmonische Rücksichten tennt auch er nicht. So
vie auf anderen Schaffensgebieten ist ihm möglichst sach—
icher Ausdruck, frei von aller Romantik oder seelischer
Lertiefung, eine der Hauptsachen. Der Männerchor soll
zjier nur gewissermaßen eine tönend bewegte Form sein.
Manche Zuhörer haben für solchen Chorklang und Ausdruck
— Hindemith wählt entsprechend auch seine Texte — wenig
ibrig, und es scheint ihnen die Ausdrucksweise etwas Paro—
zistisches zu haben. Wir wollen auch hier nicht werten,
ondern nur feststellen. Da aber scheint es, daß Schönberg
owohl wie auch Hindemith, als vorläufige äußerste Ent—
vicklungspunkte, besser gesagt als äußerste Punkte in selb—
tändigen Entwicklungsversuchen, wohl nur Einfluß auf die
sßesamtentwicklung des Männerchorwesens haben können,
»aß sie aber selbst kaum Ausgangspunkte für einen völlig
neuen Chorstil sein werden.
Blicken wir zum Schlusse nochmals auf das gesamte zeit—
genössische Männerchorschaffen, dann dürfen wir wohl sagen,
»aß stilistisch augenblicklich noch alles im Flusse ist. Eine
angsame, allmähliche Entwicklung wird, so dürfen wir wohl
zjoffen, den Männerchor neuen, in völligem Neuland gele—
genen Höhepunkten allmählich entgegenführen.
Dthmar Weichh,
Wien.

Qualitätsnorze llane:C. Dees:

—
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.