Die Entwicklung des Männerchors
von Michael Hayoͤn bis Hindemith.
J edes Volk besitzt eine oder die andere Kunstform oder
WKunstgattung innerhalb des Gesamtkomplexes der Mu—
sir, die seiner Wesensart ganz besonders entspricht und die
ben darum zu ganz besonoderer Entwicklung gelangt ist.
So ist für England durch lange Zeit die Pflege des Madri—
zals, für Itauen die der Arie charakteristisch. Das deutsche
Bolt und seine Künstler haven das Lied in waratteristischer
Weise entwickelt und da wieder nicht bloß das einstimmige
Lied, sondern aus ihm heraus und unter dem Einfluüß
oorwiegend sozialepolitischer Momente auch das mehrstim—
mige vied, ganz besonders aber den Männerchor.
Wenn dieser Aufsatz den Titel „Die Entwicklung des
Männerchores von Hahdn bis Hindemith“ führt, so sagt
uns das, daß etwa bei Michael Haydn, dem Bruder Joseph
Haydns, die eigentliche Entwickrung dieser Kunstgactung
deginnt. Es ware aber sehr verfehlt, zu glauben, daß
etwa Michael Haydn die Gattung des Männerchores ganz
aus dem Nichts erfunden hätte. Mag er auch als der
erste Männerchorkomponist gelten, so hatte er doch seine
Vorläufer und zwar bis zurück ins 15. Jahrhundert.
Auch die öfter geaußerte Ansicht, Minnesang, Neistergesang
»der der Gesang der Barden in der germanischen Fruhzeit
wären direkte Vorläufer des Männerchores, halten eirner
musikhistorischen Betrachtung ebenso wenig stand, wie die
mehrfach vertretene Ansicht, Naegeli und Zelter, von denen
noch zu sprechen sein wird, wären die Erfinder dieser
stunstgattung gewesen.
Es ist natürcich nicht möglich, im Rahmen dieser Ein—
jührung alle musikhistorisch beweisbaren Quellen des Män—
nerchores in ihren Einzelheiten und in ihrem oft sehr
komplizierten Zusammenhang zu bieten. Begnügen wir uns
daher damit, festzustellen, wodurch das Inslebentreten des
Männerchores als Gattung nachweisbar in früheren Jahr—
junderten vorbereitet scheint.
Eine der Quellen entdecken wir schon im 15. Jahr—
hundert, im Zeitalter der sogenanten Accappella-Polyphonie.
Aus dieser Zeit sind uns vielstimmige Männerchorsätze er—
hzalten, die vielen modernen Sätzen an Schönheit und
Wohlklang ebenbürtig, an Kunst des Satzes aber gewiß
überlegen sind. Eine Sammlung kirchlicher Werke aus dem
Jahre 1589 enthält nicht weniger als 20 Stücke für Män—
serchor. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts
schreibt Heinrich Isaak selbständige Männerchorsätze. In
etwas späterer Zeit findet in den sogenannten Cantoreien,
wangelisch⸗kirchlichen Vereinigungen, neben dem gemischten
Thor auch der Männerchor ausgiebige Pflege. Die evange—
lischen Choralbearbeitungen im 16. Jahrhundert bedienen
ich gleichfalls gelegentlich des Männerchores. Männerchöre
finden wir in den folgenden Jahrhunderten auch im soge—
tannten Collegium musicum, in den Opern eines Händel,
Reinh. Kaiser in Hamburg und Gluck. Nicht übersehen
darf auch werden, daß in den Freimaurerlogen, wo ja
nur Männer zusammenkamen, außer dem einstimmigen Liede
auch der Chor schon Pflege fand. Dagegen hat es gewiß
weniger zu bedeuten, daß nachweisbar einzelne deutsche
Männerchorvereinigungen die direkten Nachfolger von
Meistersingergesellschafken sind, so etwa der Ulmer Lieder⸗
kranz, der aus der Meistersingerzunft, die damals nur
mehr aus drei Mitgliedern bestand, im Jahre 1839 hervor—
zegangen ist.
Diese kurze und gewiß nicht erschöpfende Aufzählung von
Quellen, die den Nährboden, auf dem sich der Männer—
zesang entwickelt hat, gespeist haben, zeigt uns aber jeden—
falls, daß es mehrstimmigen Männergesang schon lange vor
daydn gegeben hat. Nur war er nicht eine selbständige
Kunstform, hatte er nicht eine eigene, nur ihm allein gel—
tende Pflegestätte. Warum aber gerade am Anfange des
19. Jahrhunderts der Männerchor zur selbständigen Kunst—
jattung geworden ist, wollen wir noch hören.
Wieder müssen wir unseren Blick etwas weiter zurück
richten. Die letzte große kulturelle Erschütterung Europas
zatte der 80jährige Krieg und seine Folgen mit sich ge—
zracht. Auf schöngeistigem Gebiete, also auch in literarisch—
nusikalischer Hinsicht, versiegte das Eigenleben der Nation,
tremdländischer Einflukßk machte sich namentlich auf life—
rarischem Gebiete überaus fühlbar. Die Folge davon war,
daß das in bescheidenen Grenzen vorhandene Lied ge—
vissermaßen abstarb, daß auch das Voltslied durch lange
zeit eine Art Dornröschenschlaf hielt. Klassik und Roman—
ik in der Dichtkunst, ich nenne Herder und Goethe vor
illem, waren die Wiedererwecker. Jetzt, wo wieder einer—
eits das Volkslied zu neuem Leben erwacht war, ander—
eits es unter nicht zu verkennendem Einsruß des Volks—
iedes wieder eine deutsche Lyrik gab, war eben in dieser
yrik das Fundament sur den Neuaufbau des Kunstliedes
zegeben. Die Berliner Liedschule entwickelte es zu schöner
Brute. Eben diese Entwicktung des einstimmigen Liedes
iuf nationaler Basis und gleichlaufend damit das wieder—
rweckte Volkslied sind nun die Grundlagen, auf denen aus
escheidenen Anfängen unter dem Einfluß des wiedererweck—
en Gemeinschaftsgesühls der Nation, auso uncer sozialem
kinfluß, der Männerchor entstand. Mit anderen Worten:
der nationale Aufschwung gab dem geselligen Zusammen—
ein der Menschen eine neue Form, erweckte die Freude an
»er durch Kunst verschönten Geselligkeit, brachte es mit
ich, daß die Musikpflege breitere Volksschichten umfaßte,
ils je zuvor. Nur zu begreiflich ist es dann, daß der damals
ehr gepfregten Geselligteit das einstimmige Lied bald nicht
nehr genugte. Beweis dafür ist uns die Tatsache, daß
»er in Wien lebende Franz Schaub Lieder von Mozart und
Peter Winter, einem angesehenen Komponisten dieser Zeit,
neyrstimmig aussetzte. Vergessen wollen wir auch nicht, daß
im diese Zeit in den Freimaurerlogen der gefellige Gesang
ereits die Mehrstimmigkeit bevorzugte.
Michael Haydn war nun als Mensch gewiß ein Kind
einer Zeit. Auch er liebte die Geselligkeit. Und für Zwecke
zanz privater Geselligkeit hat er seine ersten Männerquar—
tette geschrieben. So wird uns berichtet, daß er gerne in
ziner kleinen Kneipstube des StePeter-Kellers in Salz—
zurg mit seinen Freunden, dem Hoftenoristen Bründl, dem
berlagsbuchhändler Hacker und dem Chorregenten Strobl,
usammenkam und mit ihnen ein Gesangsquartett gebildet
sat. Möglicherweise wurde dieses Quartett dann gelegentlich
ruf ein zweis oder dreifach besetztes Quartett erweitert.
zaydn darf also als der erste Meister gelten, der Männer—
horquartette, die sich auch zur Ausführung in stärkerer
ßesetzung eignen, geschrieben hat. Er ist wohl nicht der
Erfinder der neuen Form, aber er ist der Erste, der einer
ozusagen in der Luft liegenden Idee eigene Form und
elbständige Gestalt gegeben hat. Seine Männerquartette
ind durchwegs akkordischehomophon gehalten. Oder mit
inderen Worten; die Melodie liegt in der Oberstimme und
vird von den darunter liegenden Stimmen akkordisch ge—
tützt und harmonisch gedeutet.
Unter welchen Umständen und Voraussetzungen Michael
daydn der Schöpfer der ersten Männerquartette, oder wie
nan zu sagen pflegt, der Vater des Männerchores als
elbständige Kunstform, geworden ist, haben wir gehört.
VBorerst sei nur angedeutet, daß auf österreichischem Gebiete
ziese Kunstform sich nur sehr langsam entwickelt hat. Ueber
die Gründe wird im Zusammenhange mit Schubert als
sKomponist dieser Kunstgattung noch ausführlicher zu sprechen
ein.
Wenden wir uns nun der Entwicklung des Männerchores
in Deutschland zu. In Berlin war die angesehenste Chor—
bereinigung, die den gemischten Chor pflegte, die von
Fasch gegründete Singakademie. Genau im Jahre 1800
st nun ein ausgezeichneter Musiker, Friedrich Zelter, be—
annt als Freund Goeéthes und Lehrer Mendelssohns, Mit⸗
jslied dieser Chorvereinigung und sehr bald auch stellver—
rretender Dirigent geworden.
Zelter darf uns nun gewissermaßen als norddeutscher
Stammvater des Männerchores gelten. Wie er es, verbürg—
en Berichten zufolge, geworden ist, sei kurz erzählt.
Im Mai 1808 verließ ein beliebtes Mitglied der Sing—
kademie aus politischen Gründen Berlin. Da gab es nun
ein großes Abschiedsfest der Singakademie im englischen
Barten. Die männlichen Mitglieder der Singakademie taten
ich dabei zusammen, um ihrem scheidenden Sangesbruder
inen Abschiedsaruß zu sindgen. Ein Klaovier als Beqleitung