Full text : 14.1934/35 (0014)

LRon einemkleinen Orcheslter.

In ein kleines Dorf kam vor etwa 25 Jahren „direkt
Mvon der Schule in Aachen“ ein neuer Organist und
Küster. Ein kleiner Mann, mit kleinem Gehalt und viel
Fifer und gutem Wollen.
Und weil der Dienst in der Dorfkirche Zeit übrig ließ
und das Einkommen aufbesserungsbedürftig war, gab der
„neue Küster“ Musikstunden. Gar mancher von den Schul—
zuben des Dorfes zog mit seinem Geigenkasten unterm
Arm zu ihm hin, von den beiden Nachbardörfern kamen
seine „Schüler“ und nahmen Violin- und Klavierunterricht.
An jedem Nachmittag konnte man „klimpern“ und „kratzen“
zören, alltäglich kamen Musikbeflissene.
Der kleine Organist bekam für die Gegend der beiden
Pfarreien mit ihren 4 Pfarrdörfern einen gewissen Ruf
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der einzige war, der Musikunterricht erteilen konnte; zum
andern daran, daß er gewissenhaft und ausdauernd
„lehrte“ und zuletzt daran, daß demzufolge seine Schüler
etwas „konnten“.
Wie stolz war der Schüler, wenn er unterm brennenden
Thristbaum ziemlich einwandfrei das „Stille Nacht“ spielen
konnte! Wie glücklich war dann die Mutter! Und wie stolz
der Vater! Und wie sangen sie gerührt zu den Tönen
ihres Sohnes den Text des Liedes mit! Und wie sahen die
eleinen Geschwister mit einer gewissen Ehrfurcht auf den
„großen“ und „gescheiten“ Bruder, der schon „soviel“ spielen
konnte! — Und wenn gar der Fritz aus demselben Dorfe
seine Geige mitbrachte und mit halbwegs sauberen Tönen
die Klaviermusik übermalte! „Wunderschön! Das Geld
reut mich doch nicht!“, sagte die Mutter, und der Vater
zab heilsame Ermahnungen, ja nicht locker zu lassen, son—
dern fleißig weiter zu streben!
Und ähnlich trug es sich in den Nachbardörfern zu! —
Und die Zeit verging. Aus den „Anfängern“ wurden
„Fortgeschrittene“, die längst die „Etüden“ hinter sich
hatten, die schon an Sonatinen und Sonaten übten und
spielten, die „Waldteufel“ schön unterm Arm in die
Stunde trugen und schon 3. und 5. Lage der Geige griffen,
die nun schön vom „Lehrer“ zu zweien und dreien zu ge—
meinsamer Stunde bestellt wurden, um im Zusammenspiel
die bezaubernde Wirkung der Töne zu erleben und so den
Lohn für ihre Mühe und ihren Fleiß in eigener gemein—
'amer Leistung empfingen.
Das war der Anfang! Denn bald kam das Neue: Der
Lehrer“ bestellte seine fortgeschrittenen Schüler an einem
Donnerstagabend in das Nebenzimmer der Gastwirtschaft
des Dorfes und besprach mit ihnen den Plan der Grün—
dung eines Orchesters! — Um Gottes Willen! Die jungen
„Fortgeschrittenen“ sahen sich an und lächelten verlegen
und erstaunt. Wir ein Orchester?! So ein richtiges Orchester?!
— Orchester? Das gab es doch nur in Saarbrücken am
Stadttheater — das Wort las man auch schon mal in der
Zeitung — aber wir? Hier im kleinen Dorfe? Ein
Orchester? — Aber alle Zweifel und Verlegenheiten und
allen Unglauben räumte der kleine, rührige Mann hinweg
mit dem ihm eigenen zuverlässigen Ton und der Selbst—
verständlichkeit, die immer die Voraussetzung für das Ge—
lingen ist.
Jeden Donnerstagabend war eine gemeinsame „Orchester—
probe“ angesetzt. Es spielten 1. und 2. Geigen und ein
Klavier. Mit der Zeit kam eine Baßgeige hinzu — ein
Harmonium — ein Cello — Flöten — Bratsche — Trom—
hete! Die Orchesterproben wurden ein Genuß für die
Spieler — bedeuteten eine Ausspannung aus dem Dienst
des Alltags — und die 6 Tage bis zur nächsten Probe
wurden zu einer hochgespannten Erwartung! — Und als
vor mehr als 15 Jahren das Orchester zum ersten Male
zffentlich auftrat, da war ein überfüllter Saal maßlos er—
staunt, daß so etwas auf einem Dorfe möglich sein könnte!
Da freuten sich die Spieler — da waren die Eltern stolz
— da reckte sich der kleine Organist und sagte: „Tia, inan
muß doch etwas tun für die Kunst!“
Und heute? Man nimmt dort in der Gegend das Orchester
als etwas Selbstverständliches hin! Das Wort „HOrchester“
ist jedem Kind geläufig! Jede alte Frau dort spricht das
Wort und hat eine richtige Vorstellung! — Und die Orchester—
buben? — die sind mittlerweile Männer geworden und
svielon immer noch im Drchoster! Der sange Schmioendemöeister

zreift immer noch die D-Saiten der Baßgeige! Zwei Bäcker—
neister spielen Klavier und Geige! Der Bergmann die
Flöte und seine „Kumpel“ die Geigen und Klarinetten!
der Student in Bonn denkt wohl heute noch in stillen
Ztunden an das Orchester und seine Proben — und der
nzwischen zum Forstassessor emporgestiegene „Orchester—
unge“ freut sich wohl heute noch, wenn er daran denkt,
ils er dort die erste Geige spielte! Und der kleine Küster
sat graue Haare bekommen und trinkt immer noch seinen
3prudel und leitet mit jugendlichem Feuer immer noch
ein Orchester — und seine Buben spielen heute schon mit!
Und warum ich heute daran denke? Ich las in der Zeitung
»ie Kritik über eine kirchenmusikalische Andacht, die unter
Hitwirkung des Orchesters in der Dorfkirche geboten wurde
— ich hörte am Radio einen Vortrag über Hausmusik und
zdie Notwendigkeit ihrer Pflege und Förderung —, ich las
ind hörte in letzter Zeit viel über „Kulturarbeit im kleinen
ind kleinsten Kreises und spürte aus all dem den Wunsch
iach Betätigung und Pflege dieser Kulturgemeinschaften
uind dachte mir: da sitzt in einem kleinen Dorfe ein Mann,
reibt sein Leben lang diese heute als so wichtig und not—
vendig angesehene Kulturarbeit nach bestem Können und
Wollen — sein Wirken im Dienste des Volkes greift schon
n die 2. Generation hinüber —, arbeitet still und be—
cheiden, mit unermüdlicher Ausdauer und heroischer Be—
sarrlichkeit — ob man daran denkt, daß er ein „Kultur—
räger“ im wahrsten Sinne des Wortes ist? Wer kennt
hn und sein Orchester? Die 4 Pfarrdörser! Und darüber
sinaus? Die, die das Leben und der Beruf aus der
qhetergemeinschaft hinausgeworsen hat! — Sonst nie—
nand!
Und als ich dieser Tage am Radio das „Largo“ von
händel hörte — vom Rundfunkorchester unter Leitung von
Musikdirektor Soundso gespielt —, es war wunderschön vor—
getragen! — da dachte ich an einen dichtgefüllten Saal
ziner Gastwirtschaft in einem kleinen Dorsfe mit einem
zroßen, dicken rotbackigen Ofen und einer kleinen Bühne —
uind an das Dorforchester mit dem kleinen Organisten als
dirigent und an den langen Hufschmied als Baßgeiger und
an den Bäcker als 2. Geiger und an die Bergleute und
Pennäler und an den Stift vom Amte als Cellisten — —
vie damals für Hunderte aus den Dörsern das „Largo“
»on Händel zu einem Erlebnis wurde — wie den Alten
dor Staunen die Pfeifen kalt wurden — wie die Jungen
nit aufgesperrten Mäulern saßen und das Schwätzen ver—
zgaßen, — wie der rotbackige Ofen zu „duddern“ aufhörte —
hzis nach vollendetem Vortrag der lange Baßgeiger sein
Instrument in die Ecke stellte und dem kleinen Organisten
zei seiner Verbeugung die schwarzen Locken in die Stirne
ielen, als er sich für den stürmischen Beifall bedankte —
und so wirkt er heute noch, er und sein Orchester!
Veter Gehl.

An das Vaterland.
Wir grüßen Däch, verjüngtes Vaterland,
Aus Todesstarre frühlingsfrisch erstanden,
Aus tiefster Glut der Tär geweihten Brust!
Ter Pulsschlag unsers treuen deutschen Herzens
der nie verlangsamt, niemals ausgesetzt,
zühlt sich in Teinem Werden neu beschwingt.
Vas schiert uns noch die kurze Spanne Not?
Vas kümmert uns der Fremde hartes Brot?
Wir sehen schon die Tore aufgetan,
And gläubig brechen wir zu Dir uns Bahn!
Tieenn wie der Geiser kühne Glutfontänen
Tae harten Felsenbrüste sieghaft sprengen,
Weil sie aus tiefsten Tiefen glutgeboren:
Und wie die Naphtaquellen Feuergarben
In grauer Nächte Tunkel glühend sprühen,
Weil sie aus eigener Feuer Kraft erkoren,
Zo schöpfen wir aus unseres Volkstums Quelle
Den heil'gen Glauben an die Morgenhekle,
TDrie frohe Kraft, zu sprengen Fels und Eisen,
die Glut zum Lied, den deutschen Gott zu preisen,
Walther Stein
            
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