Full text : 14.1934/35 (0014)

Nr. 10 l“
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Natin;
Das sinnlose Wort vom „politisch-garstigen Lied“ diente
Avor dem Umschwung dazu, jede patriotische Regung
ruf musikalischem Gebiet im Keime zu ersticken, Dabei hätte
ene Zeit, die sich doch auf ihre „historischen Entdeckungen“
so arg viel zugute tat, wenn sie wirklich belesen oder,
besser gesagt, ehrlich gewesen wäre, wissen müssen, daß
gerade unsere größten deutschen Musiker auch in ihrer
Kunst nichts anderes als gute Patrioten sein wollten.
Josef Haydns Lieblingswerk blieb bis in seine letzten
Tage die für seinen „guten Kaiser Franz“ komponierte
Volkshymne. Mozarts höchstes Ziel war, eine „teutsche Oper“
zu schreiben, —8— er ließ es sich nicht ausreden, von der
Italienerpartei Saleris vergiftet worden zu sein, als er
sein Ende nahen fühlte, derselben Partei, welcher der
zlühende Haß eines Schubert und Beethoven galt. Schubert
und Theodor Körner gerieten in einem Wiener Wirtshaus
einmal beinahe in eine regelrechte Prügelei mit einem
ilteren Manne, der sich gegen Deutschlands Erhebung
geäußert hatte. Und Schubert, der Nurmusiker, bestieg
dogar den Pegasus und ermahnte die „Jugend seiner
Zeit“, nicht tatenlos zu träumen, sondern sich der großen
Vergangenheit und der Taten ihrer Väter zu erinnern.
Beethovens wohl am meisten gespieltes Instrumental—
werk ift, so seltsam das klingen mag, sein „VYorkscher
Marsch“, und Schuberts populärstes Klavierwerk sein „Mili—
ärmarsch“. Der Einzug der siegreichen deutschen Truppen
in Paris begeisterte einen Schubert ganz ebenso zu musika—
ischen Werken wie später einen Brahms und Wagner. Und
Max Reger widmete sein Schaffen einmal einem Zeppelin
wie Hans Pfitzner einem Tirpitz, und beide stellten sich bei
Kriegsausbruch dem Heeresdienst, Reger als Schreiber bei
der Aushebung, Pfitzner als Rotkreuüzpfleger. Und neben
Wagners „Kaisermarsch“, neben Brahms, Triumphlied“ trat
ebeñnbürtig Regers „Vaterländische Ouvertüre“ und Pfitzners
 Kantate „Von deutscher Seele“. Reger erklärte kurz
bvor setnem Tode: „Wenn wir den Krieg verlieren, bekommen

»iphhhll Saar⸗-Sänger-Bund
*
—
zeantnisse deutsche⸗
vir die Demokratie, und dann ist es aus mit der deutschen
Musik.“ Und Pfitzner schrieb inmitten einer alles Deutsche
uind damit auch seine eigene als „abgetane Romantik“ ver—
achtenden Zeit: „Das Antideutsche, in welcher Form es
ruch auftritt: als Atonalität, Internationalität, Amerika—
rismus, deutscher Pazifismus, berennt unsere Eristenz.
insere Kultur.“
Man prüfe doch einmal recht eingehend die „patrio—
ische Vergangenheit“ unserer sonstiger Musiker gegenüber
zen aufgezählten Tatsachen. Dieselben Leute, denen die
zeutsche Musikpflege gerade recht war, um sich für das Feld
imabkömmlich schreiben zu lassen, machten sofort eine
nternationale mit, als das Wörtchen „deutsch“ keine rechte
ßeltung mehr hatte. Und mancher, der sich von deutschen
Zteuerzahlern seine „prominente“ Stellung geben und be—
ahlen ließ, bediente sich recht gern ausländischer Agenten
»der Solisten oder Komponisten, um sich Gastreisen zu
ichern. Oder sie zeigten, nicht eben sehr „deutsch“, kein
stückgrat, wenn es galt, parteipolitischen oder snobistisch—
zesellschaftlichen Einflüssen Widerstand zu leisten. Wenn es
ilso schon einmal heißt: „Die Musik schwächt den Cha—
zrakter“, so gilt dieses Wort keineswegs für unsere großen
»eutschen Meister, die uns Vorbilder an Reinheit und
Festigkeit der Gesinnung sein könnten. Es gilt jedoch für
ziejenigen Musiker, bei denen persönliche Eitelkeit und
figennutz den Blick für alles Große und damit auch
ür die Pflichten der Nation gegenüber getrübt haben.
„Es möchten“, so sagte Kultusminister Rust einmal,
Fsich unserem siegreichen Heere Plünderer anschließen.“
diese aber gilt es heute abzuwehren. Wir bedürfen für
inser neues Reich keiner großen Artisten, ebensowenig
reilich konjunkturtüchtiger Stümper, sondern allein ge—
iegener, gesinnungssauberer Mitkämpfer gegen Snobismus
und Kitsch!
Prof. Dr. Hermann Unger,
Köln.
Die „alte“ Si X Zeit“
te „Alte ing chu e in der „neuen Let
Ou lieber Gott — was wollte uns das vergangene Jahr— Wir begrüßten diese Wendung — führte sie doch vom
2 zehnt alles anpreisen an befremdlich fremden Kultur⸗ Lhaos weg! Was sie brachte, uns wieder brachte, darauf
egriffen, an atonalen und hyperrhythmischen Reizmitteln vären wir ja von jeher abgestimmt gewesen.
—im Belächeln der „finsteren Gründlichkeit“, in der Emp— „Gott und Vateérland und Mitmenschen! Arbeit —
tehlung einer „lachenden Oberflächlichkeit“ und in der Ueber— aubere und gründliche! Unerbittliche Unter- und, Einord⸗
chätzung eines rein äußerlichen, fruchtlosen Massenbetriebes. zung in Gesetz und Gemeinschaft, d. h. Disziplin! Und
Auf' welche erzieherischen Uferlosigkeͤten und Entgleisungen ür die Erziehung als Ziel: In einem gesunden Körper ein
der Kunft wollte man uns allen Ernstes verpflichten! Er- zesunder Geist!“ ——
ebten wir doch z. B. als Gipfelpunkt auf einer Reichs— Item: Wir passen mit allem, was wir in stiller Arbeit
agung deutscher Kindergärtnerinnen an Stelle des Kinder— »urch die Jahre der Sintflut Gündfluth herübergerettet
iedes einen, Kinder-Jazzkapelle!“ Damals blieben wir Pro— jatten, wieder in die Gegenwart und Zukunft herein —
estler gegenüber den Fortschrittlichen in der Minderzahl. vollgültig sogar modern“
Die Mehrzahl glaubte auch hier, den „Anschluß“ an das Es ist Volksgesundheit, der wir in unserem
Moderne und die Konjunktur nicht verpassen zu dürfen. Zinne durch die Bildung jugendlicher Stimmen — Lunge
das ift nur einer von den vielen Fällen. Und so machte ind Kehle! — und die Schulung des Gehörsinnes dienen.
sich dort und anderswo, auf der ganzen Linie begünstigt Es ist vor, allem aber Dienst an der Volksseele
und nur von wenigen furchtsam und schwächlich abgelehnt, )urch die edelste der Künste: Bewußte Pflege der Wahr⸗
der Modeschund breit — gediehen die künstlerische Ver- zeit und Schönheit im Reiche der Töne — fürs deutsche
rrung und die erzieherische Sünde — auch in der Schule. died — für deutsches Gemüt. F
Maͤn konnte ihr, selbst wenn man den Mut dazau hatte. Das Gute war noch immer der Feind des Schlechten.
nur schwer aus dem Wege gehen. Ich möchte den meiner langjährigen Schüler kennen, der
Heute darf ich es wohl' sagen: Wir brachten es dennoch ür die Schlagerflut, für den billigen Operettenkitsch, für
ferlig: Ich zog mich mit meinen Grundsätzen inmitten das näselnde Saxophongewimmer einer verflossenen Jonny—
meiner Jroßen? Singschulfamilie in meine vier Wände Blütezeit auch nur drei Groschen übrig gehabt hätte!
urück — wir schlosfen sozusagen die Lucken dieser Augs⸗- Was unser, war, behielt seinen Wert — wenn,es auch
hurger Arche und schwammen über den Wassern. »orübergehend geleugnet oder überwölkt schien. Und was
Naubekuümmert um Lodungen und Drohungen von, außen das junge, Menschenkind im empfänglichsten Alter bei uns
zing unsere Arbeit in gesunden Bahnen weiter — so, wie an Schönheitssinn, Tonbewußtsein, Kunstgriffen, Musik⸗
sch es mit meinen zwanzig treuen Mitarbheitern eben immer nerständnis und Gestaltungswillen in sich aufnimmt, das
ür gut hielt. ꝛerheißt für später köstliche Früchte — gleichviel ob im
Voͤr mehr als Jahresfrist wollte ich die Taube mit dem harten des Liedes oder duf den Gefilden instrumentaler
Delzweig gesehen haben, als mir ein Nestor deutscher Freuden. ——
Mufsikerziehung schrieb: Mein Lieber, Ihre „Rückständigkeit“ Daß Freude in der Kunst sei und Kunst hinwiederum
fängt wieder aän' modern“ zu werden, Es lichtete also all— ur Freude werde — dafür laßt uns sorgen!
mählich am überwölkten Horizont. . dann kam der März- Albert Greiner.
vind — — mit ihm setzte im ganzen deutschen Hause ein Direktor der Städtischen Sinagichule
riindliches Großkreinenochen“ ein — auch in der Kunst Augashurd

usiler
            
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