Das LXied der marschierenden srolonnen.
Da—⸗ Leben selbst ist immer doch noch lebendiger
als alle, auch die weisesten Erwägungen über
das Leben, der grüne Baum saftvoller als jede graue
Theorie.
Mit glühender Begeisterung und in frohem Ueber—
ichwang singen nun schon zwei, drei Jahre die
marschierenden Kolonnen der SA. und SS.,
des FAD., der HRJ., des BDM. und des Jungvolks
überall bei Aufmärschen auf den Straßen und bei
fkestlichen Veranstaltungen ihre scharf rhythmisierten
Weisen vom neuen Vaterland. Vielfach sind die Worte
ungefügig, sie entsprechen oft gewiß nicht unserem
Literaturdeutsch. Aber drücken sie nicht alles aus, was
das Herz des jungen Menschen unserer Tage bewegt,
ungeschönt, kraftvoll, selbstbewußt, ungebrochen, ur—
prünglich und natürlich: die vertrauensvolle persön—
lich-menschliche Hingabe an den Führer, die frohe
Bereitschaft zu opferfordernder Tat, zum Einsatz der
ugendlichen Kräfte im Dienst von Volk und Vater—
land, das überschäumende Glücksgefühl, eine neue
Fahne hissen zu dürfen im Sturmeswehen einer ge—
chichtlichen Wende! Ich weiß schon, daß sich unter den
bielen Liedern der marschierenden Kolonnen noch
manches saft- und kraftlose Konjunkturwerk, mancherlei
nationaler Kitsch verbirgt, Lieder, deren Verfassern
— wie Hans Lang meint — zum Teil die Kenntnis
des Handwerklichen, zum Teil die Kraft des Schöpfe—
rischen abgeht, Beispiele dafür, daß die Begeisterung
nicht die einzige Voraussetzung für ein Kunstwerk ist.
Wird sich aber nicht auch hier in natürlicher Auslese
nach und nach — wie beim Volkslied überhaupt —
das Gute und Beste durchsetzen gegen das weniger
Gute und Schlechte? Wird sich nicht von innen heraus
— und darauf käme es allein an — der Geschmack
bilden lassen? Sollte nicht auch hier der Jugend
glückliches Gefühl das Rechte bald ergreifen? Leben—
diges Leben sich behaupten gegen bedenkliche Erwä—
Jungen, gegen graue Theorien?
Und wenn die deutsche Jugend so himmelstürmend
hineingreift in die Leyer und herausschmettert, was
das Herz bewegt, — wird sich's da vermeiden lassen,
daß ihr das Singen oft genug zu einem wahrhaft
teutonischen Gebrüll wird? Mit Recht ist längst auf
die schweren inneren und äußeren Schäden hingewiesen
vorden, die dem Jugendlichen aus dieser dynamischen
Bekundung seiner nationalen Gesinnung erwachsen
muß, zuerst von Hans Heinrichs, Hannover, in der
Deutschen Sänger-Bundeszeitung. Zu den Stimmen,
die ebenfalls nicht überhört werden dürfen, gehört
zweifellos die des bekannten Direktors der Augsburger
Singschule Albert Greiner: „die stimmordnende
Art, bar jeden Empfindens für die Leistungsfähigkeit
des jugendlichen Kehlkopfes, droht eine ganze Gene—
ration deutscher Sänger zu ruinieren.“
Hier liegen offenbar Gefahren vor, denen recht—
zeitig begegnet werden muß. In der „Frankfurter
Zeitung“ nimmt Dr. Armin Knab zu diesem be—
deutungsvollen Kulturproblem Stellung: „Zweifellos
ist der Jugendführung das volle Bewußtsein lebendig,
welche Verantwortung und welche Werte in ihre Hand
gelegt sind. Es soll nicht beim wildgewachsenen Singen
zleiben. die Ausbildung musikalischer Jugendführer ist
in Angriff genommen. Daß die Jugend nicht „Musit
als solche“, sondern sich und ihr Wollen im Liede
und Musizieren erleben will, ist eine Grundtatsache,
ain der man nicht vorbeisehen kann. Kein Zweifel,
daß hier das gegenwärtigste Leben kreist, echter Auf—
rieb, echte Begeisterung die Grundlage für ein neues
Zingen und Musizieren geben. Wichtiger als Kritik
in ungenügenden Leistungen wäre es, an der Ver—
delung dieses Tuns mitzuwirken durch Betreuung
uind Vermehrung des Liedguts, Ausbildung oder Um—
chulung der Lehrkräfte.“ Eben stellt die Reichsmusik—
ammer in den Mittelpunkt ihrer Arbeit unter Vorsitz
hres Präsidenten Ihlert eine Reichstagung der
Musikerzieher in Eisenach, in der zunächst Pro—
essor Hermann Abendroth die allgemeinen Richt—
inien der organisatorischen Arbeit aufzeigte. Uns
nteressiert im Zuge dieses Aufsatzes der zweite, der
S„chulmusik-Erziehung gewidmete Tag. Hier äußerte
ich Dr. Franz Rühlmann über die ins Auge ge—
aßte Gründung von musikalischen Berufs—
chulen, in denen aus der Volksschule kommende
Zzegabungen nicht nur zu einer gründlichen musika—
ischen Ausbildung, sondern auch zu einer besseren
Allgemeinbildung geführt werden sollen.
Ich glaube, es wird deutlich, daß die führenden
Männer des neuen Deutschland der volkserziehe—
zischen und volksbildenden Bedeutung
der Musik durchaus gewiß sind und alle Mittel zu
hrer Erfüllung einsetzen wollen. Mit Recht ist ihnen
Erziehung durch, nicht zur Musik die Losung.
Spürt der D.S.B. nicht, daß jetzt auch seine
Ztunde geschlagen hat? Daß die Sänger der
zundesvereine ihr Leben nicht neben dem ihrer
dameraden von SA. und SS. führen dürfen, sondern
nit ihnen? Daß sie die ihnen zugetragenen Lieder
der marschierenden Kolonnen — unbeschadet der Pflege
des mehrstimmigen Chors und der Vorbereitung von
gediegenen Konzerten, die unter allen Umständen im
vesentlichen Aufgabenkreis unserer M.G. V. zu bleiben
zjaben — aufzunehmen und ihre musikpädagogische Be—
reuung zu übernehmen haben? Daß seine Chorleiter
dem F.A.D. und den nationalen Jugendgruppen als
nusikalische Erzieher zu dienen haben? Unsere
M.G. V., die ja vor jeder Art von Schulen den Vor—
zug haben, aus dem Volke herausgewachsen
zu sein und sich immer wieder aus dem natür—
ichen Boden des Volkstums heraus zu
»ꝛrneuern, müssen sich zu diesem Treuhändertum an
der deutschen Seele berufen fühlen. Sie müssen sich
der über 70jährigen nationalen Tradition des D.S. B.
olgend einbauen in die planmäßige volks—
nusikalische Durchbildung unseres Volkes.
Man kann den Bundesvereinen nicht oft und deutlich
zenug vorhalten: Tua res agitur! Du treibst in diesem
dienst letzten Endes deine eigene Sache! Denn jede
Bereicherung und Vertiefung der musikalischen Kultur
hei Jugend und Volk wird schließlich den M.G. V. und
Bemischten Chören selbst wieder zugute kommen.
Dienft am Volke ist ein Kapital, das
vächst, je mehr man davon ausgibt!
Walther Stein