Full text : 14.1934/35 (0014)

das deutsche Märchen.

ufssh Saar-Sänger-Bund“

Mun müßte es trauliches Dämmerdunkel um
E uns werden, daß in gedämpftem Lichte die harten
Gegenstände weicher sich in den Raum schmiegen möchten.
Und aus dem weiten Saal*) müßte sich ein enges Bür—
gerstübchen bilden mit einem breiten Eichentisch und
schlichten Stühlen. Und die alte Truhe, die bildgeschnitzte,
dürfte nicht fehlen und nicht das Spinnrad der Groß—
mutter. Nun würde die alte treue Standuhr aus ihrem
gleichsförmigen Ticktack durch den Schlag der Geisterstunde
aufgeschreckt, — und dann könnte es selbst hier mitten
unter uns erscheinen, das deutsche Märchen ...
Wir würden uns geschwind neben unsere Kleinen und
Kleinsten auf die Kinderbank drücken und lauschen,
lauschen, wie wir es einst im Dämmerstündchen getan, als
noch das Leben unserer Mutter, unserer Großmutter, —
schönste Märchen — nicht zu Ende gegangen war. Und dann
könnte das Märchen seine weiche, waäarme Stimme
erheben und sprechen: Es war einmal!
Eswareinmal.. ist's nicht, als hebe irgend jemand
den Zauberstab und als würde Goethes Wort auf einmal
um uns her greifbare Wirklichkeit:
„Nun ist die Welt von allem Spuk so voll, Und keiner
weiß, wie man ihn meiden soll!“ Sie kommen ja alle
heran, die Kobolde, Gnomen, Wichtelmännchen, Heinzel—
männchen und Zwerge, Rübezahl und das Geschlecht der
Riesen, Undine und das schillernde Heer der reigenschwin—
genden Nymphen, spinnwebseine Elfen und Feen, Rautende—
lein unter ihnen und der bockbeinige Waldschrat, der trie—
sende Nickelmann. Sie zeigen uns märchenarmen Intellekt—
Menschen von heute, daß wir uns zum lebendigsprudelnden
Quellder Märchen zurücktasten müssen in graue Vor—
zeit. Wir treten nicht nur an die Wiege unseres eigenen
Volkstums, sondern an die Menschheitswiege überhaupt.
Alte mythische Vorstellungen, die noch von der
tiefen Verbundenheit des Primitivmenschen mit der Natut
zeugen, spiegeln sich in unsern Märchen. Wenn die Seele
des Menschen den Veib verläßt, erscheint sie wieder
in der Gestalt der Maus, des Vogels. Im Rauschen des
Wassers, des Windes glaubt das Ohr des Frühmenschen die
Stimmen der Geister zu vernehmen. Irgend ein Widerschein
in Moor und Weiher weckt den Glauben an das Irrlicht,
das vom Wege ab in grausige Tiefen lockt. Der erquickende
Beruch der Ackerkrume stammt aus der Küche der Zwerge.
And wenn das Sagenbuch aus grauer Vorzeit, die Edda,
ovon der Walküre Brunhild erzählt, die von Wotan mit
dem Schlafdorne verwundet, in voller Rüstung in tiefen
Schlummer versank, und mit ihr alles Lebende auf der
Burg, und Wotan die schlasverzauberte Welt mit den rie—
sigen Feuerfslammen der Waberlohe umgürtete und be—
timmte, daß Brunhilde hier verzaubert bleiben solle, bis
ein Held ohne Furcht und Tadel käme und ihr den Panzer
zffne. Und wenn dann nach vielen Jahren der Drachen—
töter Sigurd an der brennenden Schildburg vorbei reitet
und mit seinem windschnellen Roß ußerschrocken den Flam—
menwall durchsprengt und die verzauberte Jungfrau be—
freit — ein prächtiges Symbol der seit Aeonen wieder—
kehrenden Befreiertat des jungen, lichten Frühlings an der
vinterlichten Erde — hat dann nicht aufs köstlichste das
deutsche Volk die Erinnerung an seine große,
in Sage versteinerte geschichtliche Vergan—
genheit in dem Märchen von Dornröschen auf Kind
und Kindeskinder vererbt und dadurch verewigt! Und wenn
sich im Märchen der Bruder für die Schwester opfert oder
rinsetzt, sie zu befreien. und wenn umgekehrt die Schwes
ster den Bruder erlösen muß — klingen uns nicht deut—
lich vernehmbar aus diesen Ur motiven des deutschen
Märchens Erinnerungen wieder aus germanischer
Vorzeit. der Zeit der Sippe und der Blutsbruder—
schaft? Ja wenn wir das Märchen auf seinen Ursprung
hin zurückversolgen, dann verfließen Märchen. Sage und
Geschichte ineinander und bezeugen ihren Ursprung aus
ezinem Quess. Wenn der Wahrhoaftigkeitssinn moderner
Menschen sich gegen diese poesieduftende, traumdurchhauchte
Wirflichkeit des Märchens aufslehnen wollte, so bewiese es

iur, daß uns ein Ursinn verloren gegangen wäre, jener
romme Altväterglaube, den Schiller in der „Jung—
rau von Orleans“ bekennt:
Leicht aufzuritzen ist das Reich der Geister,
Sie liegen wartend unter dünner Decke
Und leise hörend stürmen sie herauf!“
zn den Herzen unserer Kinder lebt noch dieser
Irsinn, ihre Welt ist der des Märchens verwandt. Auge
ind Ohr unserer Kinder nimmt auch schon das geheime
Veben und Verknüpfen von Fäden aus dunklen Ursachen
uind Wirkungen wahr, das wir Schicksal nennen. Im
Närchen enthüllt sich ihnen das Schicksal. Arme Holz—
ackerleute können ihre Kleinen nicht mehr ernähren und
etzen sie im Walde aus. Aber die frommen Kinder, von
iner Heerschar heiliger Engel geschützt, trragen den Kompaß
n der eigenen Brust. Auch die Hexe kann ihnen nichts
inhaben; sie erhält ihre gerechte Strafe. Die Kinder
iber finden wieder heim, heim zu den beglückten Eltern.
zromme, fleißige Mädchen werden gelohnt, gottlose und
aule gestraft. Tischlein decken sich in der Welt der Mär—
hjen den Hungernden ganz von selbst. Unsichtbare Hände
rbeiten in Köln für die schlaftrunkenen Handwerker. Ver—
vorbene Kinder besuchen im Totenhemdchen ihre arme
zeinende Mutter. Sterntaler fallen dem mitleidsvollen
Nägdlein in den Schoß. Verbirgt sich nicht in den Eulen—
piegeleien des „Hans im Glück“, in den törichten Wün—
chen der „Fischersfrau“ unter dem losen Flor der Schalk—
eit ein hohes Ethos, jenes Mörik'sche: „Wollest mit
zreuden und wollest mit Leiden mich nicht überschütten,
och in der Mitten liegt holdes Bescheiden!“ In Fische
erwandelte Prinzen werden aus der rauschenden Tiefe zu
zredigern reiner Menschenweisheit, daß alles Wünschen
itel ist und alles Glück in der Zufriedenheit ruht. In der
Welt des Märchens spiegelt sich eben die Weltgerechtigkeit
ind die Weltweisheit, wie sie im Herzen des Kindes lebt.
Alle Fäden des Schicksals entwirren sich in dem reinen
sedanken kindlicher Weltbetrachtung. Und um
Schicksal kinderrein zu erfüllen, ist dem Märchen wahre
icch nichts zu schwer. Menschenwünsche werden auf
nagische Weise erfüllt. Auf ein Zauberwort werden
»rave, arme Mädchen zu Prinzessinnen, auf die der blond—
zelockte Prinz schöun vor der Türe wartet. Zeit und
staum verfließen dem unirdischen Märchen zwischen den
)änden. Es ist frei von aller Erdenschwere und fühlt sich
nit seinem „es war einmal“ ungebunden von Zeit und
IARrt. Federleicht baut es seine Brücken von der Dies—
eitigkeit zur jenseitigen Welt. Verstorbene
ẽltern vergessen ihre Kinder nicht, sondern lenken ihre
zchicksale aus einer höheren Welt. Gute, hilfreiche Geister
ehmen sich der schuldlosen Waisen und der bedrückten
ind verfolgten Menschen an. Auf dem Baum, der aus
zem Grabe von Aschenputtels Mutter wächst, sitzt ein
oeikßes Vögelchen, das alle Wünsche erfüllt: es ist die
zeele der verstorbenen Mutter. Und der Vogel. der vom
Machandelbaum so wunderschön sinat. gibt sich schon durch
ein Lied als die Seele des getöteten Bruders kund.—
zo ist die Welt des Märchens vosl von wunderbaren Din—
en und Kräften, die nicht aus dieser Welt der nüchternen
Virklichkeit stammen. Der blinde Schneider tränkt sein
Tkaschentuch mit dem Tanu. der üher Nacht vom Gasgen
niedergefalsen ist und erhält dadurch sein Augenlicht wieder.
Ver die Zauberstiefel anzieht. macht mit jedem Schritt eine
ztunde. und wenn er sich irgendwo hinwüm'scht, ist er im
sugenblick dort. Mit einem geheimnisvossen aoldenen Schlüse
eschen läüt das wunderfrohe Märchen die Bäume auf—
chlieken wie einen Schrein. und man findet darin dann
ie schönsten Sveisen und kostbare Kseider. Und um den
dreis der Wunder voll zu machen. tritt nun auch das
Fier in die Menschenwelt hinein: Rotkänvchens araglistioer
Wosf. einfältiage Geiklein, die sich trotz der Warnung ihrer
Mutter vom bösen Wolf betären lafsen, der kluge, gestiefelte
dater. der bhei den Großen der Erde sein Glück macht. Das
ute Schwesterchen, das don zwölf Brüdern den Fisch mit
nisien schmückoen wisl, sieht. wie sie plätzlich in 2wälf
staben verwandelt üiüber den Walsd daherfljegen. Das Brü—
wren 08 Fich fha 549—2 Rrüuusoin herobhbheuat im uvnn

*) Der vorliegende Aufsatz stesst Begleitmorte zuf einem
Märchene-Kichthis-Ahond dar
            
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