Seite 10 Ill uhh Saar⸗Sänger⸗Bund uun —V—
Kritische Bemerkungen zur Chorarbeit
(im Anschlußz an Wertungssingen)
Des Amt des Wertungsrichters, das ich nun schon bei Es haben sich einige „Schlager“ herausgebildet. So er—
Aeiner ganzen Reihe von Wertungssingen im Saarge- freut man sein muß, daß sich ein so ausgezeichnetes Work
biet ausübte, hat mir weitgehende Einblicke in die Chor- wie Knabs „Bergarbeiterlied“ oder sein „Wir Bauern“
arbeit innerhalb des Bundes gestattet, und es scheint mir so gut verbreitet, daß man es immer wieder zu hören be—
ganz wertvoll zu sein, wenn ich einige der dabei gemachten 'ommt, und so froh man sein kann, daß sich Hans Langs
Erfahrungen und Beobachtungen mitteile. Als schaffender tunübertrefflicher Satz „Regiment sein Straßen zieht“ oder
Musiker muß ich mich aufrichtig fruen über das außer— nein „Muß i denn“ die Vereine erobern, so sehr ist es
ordentlich hochliegende künstlerische Niveau der Chormusik- fötig, einmal darauf hinzuweisen, daß es auch noch zahl
pflege, das sich nicht nur in technisch-musikalisch hervor— reiche andere Werke dieser Komponisten gibt, die ebenso
ragenden Leistungen zu erkennen gibt, sondern auch in der vertvoll und dankbar sind. Die Wertungssingen haben auch
größtenteils vorbildlichen Literaturauswahl. Der Saar- u. a. die Aufgabe, die anwesenden Chorleiter mit neuen
sängerbund steht in künstlerischer Beziehung ohne Zweifel Werken bekannt zu machen. Deshalb sollte man bei der
mit an der Spitze des Deutschen Sängerbundes. Das ist i Wahl der Komponisten und ihrer Werke für
erster Linie der verantwortungsbewußten Leitung zu danken das Wertungssingen möglichst auf Mannig—
die mit sicherem Blick für die kulturelle Bedeutung des altigkeit bedacht sein. Der Bundeszeitung erwächst
Chorgesangs die Marschrichtung des Bundes bestimmt. Be dier die Aufgabe, ständig neue geeignete Literatur nach—
reits jetzt ist zum größten Teile erreicht, daß der Männer— uweisen.
gesang nicht mehr eine Angelegenheit spießbürgerlicher Ver— Bei der Auswahl der Literatur für das Wertungssingen
einsmeierei ist, über die der kulturbewußte, besonders der dann man zuweilen eine gewisse Großmannssucht“ ve
künstlerische Mensch,mit Recht zur Tagesordnung überging, bbachten. Es scheint hie und da die Meinung vorhanden
sondern daß die Chorbewegung Träger einer im Volke uu sein, als müsse man ein recht großes und lechnisch an—
wurzelnden Kunstübung geworden ist, die auch dem eine pruchsvolles Werk zum Vortrag bringen, um imponieren
fachen Menschen die Möglichkeit gibt, an Stelle von Pseudde u rkönnen. So schön es ifl und so erziehlich wertvolles
werten, von Kunstersatz. echte Werte künstlerischen Ausdrucks kein kann, wenn man feinen Chor an eine größere Auf—
aufzunehmen. Diese Entwicklung ist wie gesagt innerhalb gabe heranführt, so verkehrt ist es, wenn dabei die Kräfte
des Saarsängerbundes bereits außerordentlich weit vorwärts der Chorgemeinschaft überspannt werden. Denn was dabei
getrieben. Wenn im Folgenden zu manchen Erscheinungen ann herauskommt, ist ganz eindeutig zu erkennen: eine
doch noch kritisch Stellung genommen wird, so geschieht es nur iberforeierle Tongebung' die im Forte bis ins Schreien
deshalb, um die angedeutete Entwicklung weiter zu tragen, fusgrtet, üngengarmgkeiten gegenüber dem Notenbifd, un
und nur deshalb, weil es Freude macht, dabei mitzuhelfen einheiten, das Werk wird zum Schaden des Tonfetzers
Es, ist in unserer Zeit des Umbruchs für den Chorleiter um Zerrbild, Verdruß beim Sänger über die uüngebuüͤhr—
oft nicht leicht, die musikalischen Werte oder Unwerte einer ische Belastung und schließlich auch über die scheinbar
Chorkomposition zu erkennen, weil das abhängig ist, vom ungerechte Bewerkung durch den Wertungsrichter, kurzum
rreichten Stand dereigenen musikalischen. Entwicklung der angerichtele Schaͤden ist weit größer als der Nußen
Daher hört man auf Werkungssingen immer wieder einmal NAus solchen Fällen jollte man lernen und die Lehre ziehen,
Chorwerke, die keine Lebensberechtigung mehr haben. In daß die Schwierigreiten eines Werkesmin den
den allermeisten Fällen hätte aber der Chorleiter schon bei Fräften des CThbres im ungefähren Gleich
einer kritischen Prüfung des Texttes sich sagen müssen, Jewichte sich befinden müfsen.
daß das gewählte Werk ungeeignet oder gar minderwertig — —
ist, denn der allergrößte Teil jener früher viel gesungenen Damit steht im Zusammenhang, daß es im allgemeinen
Männerchöre haben ihre Schwächen nicht nur in der Musiß nicht ratsam ist, mit zahlenmäßig schwachen
sondern zumeist auch im Text. Ganz besonders handelt'es Thehren Kompositionen zu singen, die inner—
sich dabei um Texte, die von bläßlichen Nachahmern der dalb der üblichen Stimmaruppen nochmal!
Romantiker stammen, die das Naturerlebnis in einer für Aufteilungeein verLangen. Mit einem der Qualität
den Gesang von Männern boft unerträglichen Weichlichkeit dach normal besetzten Chor von 33 Sängern wird man
oder Niedlichkeit bringen oder es in einen für heutige langlich nie eine achtfach aufgeteilte Mehrstimmigkeit zu—
Lebensbeighung nicht genießbaren Pefsimismus einkleiden riedenstellend bewältigen. Die Dreistimmigkeit trifft
Wem dafür der Maßstäb fehlt, der denke zum Vergleich an man noch immer viel zu wenig, an. Dabei erzieht eine
die Romantik eines Eichendorff, und wem die nicht zur aute aufgelockerte Dreistimmigkeit viel besser zu ge
Verfügung steht, nun, der halte sich an das Volkslied, der anglicher Kultur als die massive Vierstimmigkeit des nor
besinne sich, wie es die gleichen Inhalte aussprechen wüirde Lalen Männerchorsatzes.
Mit dem Volkslied ist uns auch tertlich ein Maßstab ge— Die Vortragszeichen in den Partituren werden zuweilen
geben, der zutiefst unsrer Art entspricht und daher untrüge geradezu als Fetische verehrt. Ganz gewiß verdient die
lich und unwandelbar ist, solange es deutsche Menschen Gewissenbaftigkeit, mit der der Chorleiter den Vortraas—
gibt. Also mehr als bisher die Texte der gewähl- zeichen folgt, Anerkennung. Nur darf mansich nicht
ten Chöre prüfen, sich die Frage vorlegen, ob sie Aus dem Zusammenhang des musikalischen
der geistigen Haltung des heutigen Men- Beschebens lösen und sie selbstherrhich wer—
schen, insbesondere aber männlicher Arttent- den lassen. Dann entsteht nämlich jene oft aroteske Män—
sprechen! Gerade hierbei wird man feststellen können, serchor-Dynamik, die mit dazu beigetragen hat. daß man
daß die neuen Originalkomvositionen für Männerchor auch diese Chorgattung meist so ernst nahm, wie sie es verdient.
tertlich wertvoller geworden und daher vorzuziehen sind, Am schlimmsten wirkt sich das bei Volksliedsäten aus. Das
Man begegnet erfreulicherweise oft neuer Chorliteratur Volkslied, das allein schun durch die mehrstimmige Ein—
Zuweilen xegt sich aber doch der Zweifel, ob das gesungene leidung etwas von seiner Naivitfät verliert, wird durch
Werk wirklich revräsentativ für die gesamte Arbeit des eine ühertriebene Ausdrucksdpnamik vollends zu einem un—
betreffenden Chores ist, ob es nicht vielmehr nur als tatürsichen Gebilde. Freilich sind daran die Notenausgoben
„Paradepferd“ für das Wertunassingen herausgestellt ist der letzten Jahrzehnte, insbesondere die der Vorkrieaszeit,
Sollte der Zweifel berechtigt sein, so ist es allerdings richt ganz unschetsdig. Friedrich Sischer. der das Muster
büchste Zeit. dieser Täuschung ein Ende zu machen. Ein der schlichten vierstimmigen Volksliedbearheitung älterer Art
Chorleiter. der mit seinem Chore „liedertafelt“. aber auf depräat hat, ist mit seinen Vortragszeichen sehr sparsfam.
dem Wertungssingen als „Kulturvionier“ auftritt. ist ein Ja. in vielen Fällen (Zu Straßburg auf der Schanz —
schlechter Führer, weil er unehrlich ist. Da ist mir schon Ich weiß nicht, was solf es bedeuten usw) setzt er über—
derienige lieher, der ehrlich bekenut. auch wenn er eine haupt kein einziges Zeichen, weil Dvnamik und Vortrag
abfällige Kritik zu erwarten hat. Dise quf dem Wer- lich als selbstverständlich ergehen Was Hahen aber snätere
tungssingensich ergebende künstlerische Höhe dergusgeber daraus gemacht? Da wimmelt es von dyuna—
hat nur Bedeutung, wenn sie für die ge- mischen Zeichen aller Stufengrade. Innerhalb einer Strovhe
samte Chortätiafeit Giürtiogreithaf vird der Chor durch Creseeirdi und Dsereseendi durch p—