Nr. 8 UII
Weisen durch, die eine eigene, starke musikalische Gestalt
besitzen, mögen auch Ausnahmen vorkommen; diese starke
Gestaltung des Einfachen erfordert aber Begabungen, wie
sie nur ausnahmsweise vorkommen. Und zweitens: Mit
der Umstellung unseres Volksmusizierens auf reine Ein—
timmigkeit müßte weiten Kreisen des Volkes der Zugang
zur Kunstmusik verschüttet werden; zu all den großen
Werken, auf die wir stolz sind, die unseren besonderen
Beitrag zur Kultur der Welt ausmachen, und selbst der
Zugang zu jeder höheren Art von Tonkunst, die noch „in
der Zeiten Schoß“ schlummert. Wir können uns nicht zu
einer Primitivität bekennen, die als Programm und
Doktrin unser musikalisches Leben und Wesen mit Ver—
zdung und Vernüchterung, letzlich auch mit neuer sozialer
Spaltung bedroht. Wir bekennen uns zu der Ueberzeu—
gung, daß Kunst zu allererst von Können kommt und
daß deshalb jede Unterschätzung des Könnens
und seiner höher organisierten Formen abwegig wäre.
Wir wissen wohl: Können ohne Gestalt ergibt nur müßige
Spielerei. Doch wir wissen auch: Gehalt ohne Können
ergibt keine wirksame Form, und auf die kommt es doch
»ei jeder noch so einfachen Kunstübung an, gerade im
Interesse der Gehalte.
Wie wenig die Anschauungen über die einzuschlagende
Richtung in der Praxis des DEB. noch geklärt sind, be—
wvies in Trier das Eröffnungskonzert. Man hörte da zwei
Werke, deren Aufführung im Sinne der eben angedeuteten
Fragen nur verwundern konnte. Der „Psalm der Be—
reiung“ von Erwin Lendvai für Männerchor, Sopran—
solo, Orchester und Orgel ist ein Großwerk von hohen
artistischen Qualitäten. Und doch steht seine Gesamtwirkung
in keinem rechten Verhältnis zu dem großen Aufwand an
Können und an Aufführungsmitteln, und doch hat es
stilistisch mit den lebendigen Kräften der modernen Chor—
hewegung so gut wie nichts mehr gemein. Lendvai ist ein
Meister des chorischen Satzes, aber er möchte auch ein
meisterlicher Symphoniker sein, und das ist er nun ein—
mal nicht. Lendvai hat bedeutende Einfälle, aber er streckt
sie ins Maßlose und nimmt ihnen dadurch die Wirkung.
Lendvai versteht sich auf große sinnliche Klangefsekte, aber
er verschießt (nicht nur hier) sein Pulver zu früh und
wird dann zu Uebersteigerungen der Dynamik verleitet, die
ruch die schönste, innerliche Erfindung ins äußerlich Pathe—
ische wenden und darin verpuffen lassen. Damit abey
erscheint wieder jene Künstlichkeit und jener falsche Prunk,
von dem die Beften unter den Schaffenden und die Hell—
hörigsten in der Sängerbewegung sich mit Recht schon seit
längerer Zeit abgewandt haben.
Man hörte die Kantate „Edda-Lieder“, Weisheit
der Wala, für Einzelsprecher, Sprechchor, Männerchor,
Orchester und Orgel von Otto Schrimpf; einen Versuch
der Anwendung romantischen Chorballadenstils und Wagnera
scher musikdramatischer Prinzipien auf den genannten, an
sich neue Möglichkeiten bietenden „Apparat“. Ganz ab—
zesehen von den bei solchem Vorwurf fast noch unvermeid—
lichen Reminiszenzen an den Riesen von Bayreuth (auch
im Text von Karl Schneider) — Erinnerungen, die ganz
von selbst Vergleiche herausfordern, die für keinen Epi—
gonen gut ausgehen können, — fehlt hier das, was Lendvai
in seltenem Maße besitzt: das für so große Formen und
so große Gehalte erst recht unerläßliche Maß von Er—
findungskraft und satztechnischer Kunst. Ansätze zu festerer
Form und zu eigener Haltung sind hie und da zu be—
nerken. z. B. im Balladenstil der Teile „Weltesche“ und
„Weltende“ und auch in der instrumentalen Ueherleitung
oon „Weltende“ zu „Weltwende“. Doch es verstimmt das
Mißverhältnis zwischen künstlerischem und übrigens auch
politifchem Wirkungsanspruch und der wirklichen, im Klang
evidenten Leistung. Unwillkürlich fragt man sich: wie würde
dieser Autor sich im schlichten A-cappella-Satz oder gar
in jenem einstimmig melodischen Satz bewähren, wie er
für Massenwirkung angestrebt wird?
Einer hat sich diesmal in dieser schlichtesten, wahr⸗
scheinlich schwersten Form der Chorkompositionn tatsäch—
ich, und nicht zum erstenmal, bewährt: Armin Khab
n den mit Blasorchester begleiteten Massenchören Weck⸗
ruf“ und „Deutscher Morgen“. Dabei ist Knab bezeichnen—
derweise auch einer unserer feinsten, innerlichsten Lyriker.
Ein anderer ist Knab auf diesem Gebiet nahe gekommen:
WVarlter Rein mit der Kantate „Saar-Schwur“, die
ch den Soprechchor einheazieht Diese Kantate und dos—
Ahll Saar⸗Sänger-Bunde! iln Seite 165
elben Autors mehrstimmiges „Arm' Saarvöglein“ gehört
um Allerbesten von dem Vielen, was rings um die be—
)rängte Saar in letzter Zeit komponiert und gedichtet
vurde. Und doch ist der Könner Rein hier noch um einige
sßrade zu kompliziert und zu konstruktiv, um eine Massen—
virkung im Freien zu erreichen, wie sie seinem Werk und
;»en Chören Knabs bei der Volksdeutschen Kundgebung
ruf dem Palastplatz zugedacht war.
Es erklang in Trier noch ein anderes umfänglicheres
BVerk, das auf schlichte Massenwirkung ausgeht: die Kan—
ate „KGin Volkruft“ von Bruno Stürmer. Die Trierer
konzerte waren zeitlich leider so zusammengedrängt, die
rdokale, in denen verschiedenartigste Chormusik dargeboten
vurde, so weit voneinander entfernt und zum Teil so
iberfüllt, daß es uns unmöglich war, das Werk von
ztürmer zu hören. Man bhörte aber. es habe aute Wir—
ung getan.
Wenn die chorische Qualität des von Hans Liebe ge—
eiteten „Saarbrücker Liederkranz“, wenn die Disziplin des
»on Otto Schrimpf gesführten „Saarbrücker Lehrer-Gesangereins“,
wenn die ausgezeichnete Haltung des Kreises
Zulzbachtal (Leiter: Julisus Mayer) und die gute des
dreises St. Ingbert Geiter: Wilhelm Hans), wenn schließ—
ich die Kollektiv-Leistung der Vereine: „Liederkranz
seunkirchen“, „Oratorienchor St. Wendel“, „Sängerver—
iinigung Homburg“, die unter der Gesamtleitung von
Matthias Beck in Gemeinschaft mit dem „Frauenchor Ober—
tein“ auftraten, ein allgemeines Urteil über den Stand
des Chorgesanges im Saargebiet zulassen, so
vird dort dem deutschen Lied mit großer Liebe und mit
aroßem Fleiß gehuldiagt. Karl Holl,
Frankfurter Zeitung.
Etwa 20000 Sangesbrüder belebten das farbenfrohe Bild
er Straßen in den ersten Stunden des Sonntagmorgens.
Ddie musikalischen Darbietungen, die allesamt ein dank—
ar beifallfreudiges Publikum gefunden hatten, erreichten
hren Höhepunkt im Festkonzert. Bruno Stürmers Kan—
ate „Ein Volk ruft“ gelangte in der Trierer Stadt—
zalle zur Uraufführung. 1200 ausgewählte Sänger des
ßaues XIV hoben das schwierige und musikalisch tief—
mpfundene Werk aus der Taufe; sie ernteten dafür wie
ür die Wiedergabe des „Deutschen Requiems“ von Brahms
ind des „Tedeums“ von Bruckner reichsten Beifall.
Kölnische Zeitung.
Die großen Festkonzerte in der Treviris und in der
Tonhalle, fowie die Einzelkonzerke in den übrigen Sälen
ind Kirchen der Stadt zeugten sämtlich von einem Geist
ind dem einen Willen zur Volksgemeinschaft,
u Volk und Reich. Die künstlerisch einwändfreie und zum
roßen Teil auf das Volkstümliche eingestellte Vortrags—
oͤAlge der Konzerte war vorbildlich für derartige Veran—
altungen. Zu Höhepunkten dieser Konzerte gestal—
eten sich die Aufführungen des „Psalm der Befreiung“
on Erwin Lendvai, der „Edda-Lieder“ von Schrimpf,
er „Deutschen Messe“ von Brahms, des „Tedeums“ von
ßruckner und die Uraufführung der großen Kantate „Ein
Volk ruft“ von Bruno Stürmer. Die Konzerte waren sämt—
ich ausverkauft und die Tonhalle, in welcher die drei
etztgenannten Werke zur Aufführung gelangten, wies eine
BZesucherzahl von mehr als 5000 Zuhörer auf.
Albert Noll,
Rheinisch-Westfälische Zeitung.
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Abends das Eröffnungskonzert: an der Spitze desselben
ẽß7ẽrwin Lendvais „Psalm der Befreiung“, der vor
venigen Wochen auch auf dem Sudetendeutschen Sänger—
zundesfest zu tosenden Kundgebungen für die innere Frei—
jeit des deutschen Menschen geführt hat. Ein ganz großes,
tarkes Werk voller Demut und Inbrunst, aber auch ge—
ragen durch die sichere Hoffnung auf den Endsieg. Der
sindruck auf Tausende von Hörern ist nicht zu beschreiben.
Bie auf dem Sängerbundesfest zu Frankfurt (Urauffüh—
rung 1932) fühlte auch der schlichte Volksgenosse: hier
etet ein schöpferischer Künstler von unerhörtem Gestal—
ungsmaß mit dem Menschen von heute. Auch die „Ed daieder“
von Otto Schrimpf entfalteten sich zu Worten
»on Karl Schneider aus der Urzelle herauf zu gewal—
zgem Sormat Es mußk ober auch gesaaft werden daß