Seite 160 Ihl. IIIIPSaar⸗Sänger-Bund II. aasphh Nr. 8
Rast ich. so roft ich.
bnßz Gaufest gehört der Vergangenheit an. Nicht
der Vergangenheit, die Abschluß und Ende bedeutet,
sondern der lebendigen Erinnerung, die, getragen von
reinem nachhaltigen Erleben, sich umsetzt in neue Kraft
und neue Tat. Dieser Usberzeugung waren die vielen
Sangesbrüder, die ich inzwischen über Trier gesprochen
zabe; diese Ueberzeugung klingt aus der Fach- und Tages—
oresse. Wenn unser Fest trotz der von der Abstimmungs—
und Regierungskommission erzwungenen kurzfristigen Um—
legung mit ihren vielen und großen Schwierigkeiten, trotz
der in vieler Beziehung ungünstigen Verhältnisse am Fest—
ort zum starken künstlerischen und vaterländischen Be—
kenntnis wurde, dann gebührtder Dank allen Sanges—
schwestern und Sangesbrüdern, die arbeitsfreudig und
opferwillig aus der inneren Haltung, die das deutsche
Chorsingen gleichzeitig voraussetzt und stärkt, in selbstver—
tändlicher Sängerverantwortlichkeit die Folgerung zogen
für ihr praktisches Handeln. So erklärt sich als schönstes
Ergebnis der dankbar festzustellende Eindruck, daß die
Sängertat von Trier nicht Gaufest, sondern Gaufeier
seißen könnte und sollte.
Die Vorbereitung hat uns allen ernste Arbeit ab—
derlangt, aber damit auch innere Entwicklung gebracht;
nicht minder wichtig ist die Nachbereitung, die in
einem Gau, dessen Sein immer durch Bewegung und
Fortschritt bestimmt war und bestimmt bleiben soll, so—
fort einzusetzen hat. Und diese Nachbereitung nimmt An—
regungen und Antriebe nicht nur aus dem Erreichten, dem
Positiven also, sondern sie zieht sie noch mehr und stärker
aus dem noch nicht Gelungenen, dem Negativen. Aus
dieser allgemein gültigen Lebenserfahrung bleiben wir
dankbar für jede aufbäauende Kritik, wie wir es immer
waren, bleiben wir verantwortungsbewußt die schärfsten
Kritiker an uns selbst. Weil jedes Bessermachen Gewissens—
erforschung und Ueberzeugen jedes Gaumitgliedes bedeutet,
also Zeit verlangt, ist das Aufreißen einiger wesentlicher
Bedanken für die Festgestaltung der Zukunft schon ijett
rötig.
Die Erkenntnis ist allgemein, daß das Trierer Sänger—
est, im ganzen gesehen, musikalisch in den Kreisen
und Vereinen gründlicher vorbereitet war als
»rganisatorisch. Obschon die Gauführung seit über
2 Jahren immer wieder auf die organisatorischen und
inanziellen Notwendigkeiten hingewiesen hat, ist vielfach
zu lange mit der Durchführung dieser Anregungen ge—
zögert worden, und viele Scheinführer hahen auch nicht
den erforderlichen Nachdruck hinter sie gesetzt. Wirkliche
Führung ist unbeguem, am unbequemsten für den Führer
selbst: Gott sei Dank! Gerade Trier hat mir ganz ein—
vandfrei den Beweis erbracht, daß wie überall so auch
hei uns noch sehr viele und sehr schwere Arbeit zu leisten
ist zur richtigen Erfassung und Durchführung des Führer—
gedankens, daß noch lange nicht alles Führer ist, was
sich heute so nennt und aufspielt. Wären entsprechend den
Weisungen der Gauführung auch die kleinsten Beträge er—
spart und regelmäßig eingesammelt worden, dann hätten
nicht so viele Vereine in Entstellung des Tatsächlichen
immer wieder auf ihre finanziellen Schwierigkeiten hin—
gewiesen, dann wäre die allgemeine Abnahmeé der Fest—
bücher und Festabzeichen — sie bildeten die einzige Finan—
zierungsgrundlage für das ganze Fest — nicht so schwer
durchzuführen gewesen. Man zeige mir ein Sängerfest,
das vom einzelnen so geringe finanzielle Aufwendungen
verlangt, das so sparsam wirtschaftet und gleichzeitig so
oiel Anregung und Erfahrung vermittelt! Für diese große
Bemeinschaftsfeier, die alle 5 Jahre stattfindet, ist jeder
Zänger genau so verantwortlich wie der Gauführer; wer
davon nicht durchdrungen ist, der soll ehrlicherweise das
Wort Sängergemeinschaft und Sangesbruderschaft nicht in
den Mund nehmen. Solange dieser selbstverständliche
Standpunkt noch nicht Allgemeinqut ist, bleibt es ein
Fehler, die Beträge zur Durchführung des Festes von
den Kreisen einziehen zu lassen; sie werden in Zukunft
vieder wie hei. Neunkirchen vor dem Fest und zwar von
der Gaugeschäftsstelle durch Nochnahme zu erheben sein
— und zwar im Interesse der Vereine und Kreise, die
Afnsae der itnentschiedenen dan cschwächlichen Softun—g
hrer Führer oft ihr eigenes Bestes nicht erkennen. Es
vird auch zu erwägen sein, ob nicht in Zükunft eine kleine
illgemeine, auf mehrere Jahre verteilte Umlage möglich
ind nötig ist, die neben der Sicherung auch darin ihre
zerechtigung und Bedeutung findet, daß sie erfahrungs—
semäß das Interesse gerade der Säumigen und Lauen an
»er Teilnahme steigert. Traurig, daß es so ist; aber es
st so. — Der Gemeinschaftsgedanke, dem sich an diesem
ünfijährigen Sängerfeiertage alles unterzuordnen hat, ver—
rägt es nicht, daß sich Vereine auch nur teilweise gerade
»or Festzug und Kundgebung drücken. Für eine solche
drückebergerei — ich muß hier schon dieses harte
Vort gebrauchen — gibt es unter keinen Umständen eine
ẽntschuldigung; erst recht nicht die der größeren Leistung
segenüber anderen Vereinen. Wer mehr leisten kann
sat auch die Verpflichtung zur Mehrleistung. Wenn es
lüir die gesamte Gauführung, deren Kräfte in diesen Tagen
»och wahrlich bis zum Letzten beansprucht werden, eine
zelbstverständlichkeit ist, daß sie beispielhaft mit- und vor—
nacht, dann hat kein Verein und kein Sänger das Recht,
ich als Ausnahme zu betrachten und zu behandeln. Ge—
neinschaft? Deutsch sein heißt klar sein, hat der Führer
n Nürnberg gesagt; klar nicht nur im Denken, nein vor
illem im Handeln. Zur Erreichung dieses Zieles ist auch
ei uns noch sehr viel Arbeit zu leisten.
Alle Sänger und vor allem alle Sängerführer haben
die Pflicht, die in dieser Nummer unserer Zeitschrift ver—
zffentlichte Besuchsstatistik gründlich zu studieren und
ür sich und ihren Verein und Kreis klar und ehrlich die
Folgerungen zu ziehen. Seit Bestehen des Saar-Sänger—
zundes war zwischen uns unbedingte Offenheit und Ehr—
ichkeit, und sie soll bleiben. Wir wollen nicht beschönigen,
icht die Schuld in den andern suchen, nicht billige uünd
equeme Scheingründe und Redensarten für Versäumnisse,
zchwachheiten, Fehler in Anspruch nehmen. Ich erkenne
ankbar an, daß für das gesamte Gaugebiet eine Betei—
igung von 77,500 festzustellen ist. Ich stelle aber auch
nit Bedauern und Unwillen fest, daß sich auch in Trier
vieder die säumigen und lauen Vereine von den treuen
ind interessierten das erfreuliche Ergebnis haben er—
irbeiten lassen, daß sie sich auch angesichts der nur alle
5Jahre stattfindenden Gaufeier nicht schämen, sich als
saltloser, schwammiger Ballast zu zeigen. 228 Vereine
saben sich als Gemeinschaften einer klaren Einsicht und
ines männlichen Willens mit 100 und mehr Prozent be—
siligt; 75 aber brachten es noch auf keine 5000 und ein
ßeteiligungssatz von 2,400 läßt keine Steigerung der
interesselosigkeit und des mangelnden Haltes mehr zu.
Lerlangt jemand aus diesen Vereinen im Ernst von mir,
)»aß ich glauben soll, ihnen sei bei auch nur einigermaßen
zutem Willen nicht möglich gewesen, was den Bruder—
ereinen eine Selbstverständlichkeit war? Was man selbst
zicht als wahr annimmt, von dem soll man auch nicht
erlangen, daß ein anderer es glaubt. Es hat schon tiefe
zründe, daß nicht Besitz und Reichtum, sondern wirt—
chaftliche Bedrängnis und Schwierigkeit Hand in Hand
rnit der Treue gehen, und daß diejenigen, die am lau—
esten jammern, fast immer am wenigften Grund dazu
aben. Wer die Verhältnisse im Gaugebiet überschaut,
»er weiß, daß die Schuld auch in den lauen Vereinen
icht an den Sängern liegt — ebenso in den Kreisen —
Indern einzig und allein an der Führung, an der örgani—
atorischen, wie vor allem oft an der musikalischen. Ich
väre ein pflichtvergessener Gauführer, wenn ich das nicht
nit aller Deutlichkeit feststellte und wenn ich nicht bei
en wenigen ganz fehlenden Vereinen, die selbst das Band
wischen uns zerschnitten haben, und den willens- und
ebensschwachen mir die Führung auf ihre Eignung sowohl
rach der Seite der Begabung wie des Willens ansähe,
ind im Interesse des deutschen Chor- und Gemeinschafts—
ingens, das nur männliche Menschen in der Führung er—⸗
rägt, die erforderlichen Konsequenzen zöge.
In einer Kreisführerbesprechung in Saarbrücken sind
am 13. Oktober alle Einzelheiten, die sich in Trier als
jar nicht oder nur unvollkommen durchgeführt ergaben,
eingehend bemängelt und vor allem für die Zukunft die
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