Seite 158 Iit.
IllI Saar-Sänuger-Bund
n gar weitem Abstand zum Psalm der Befreiung steht.
daß man bei ihm ständig an Wagner erinnert wird, ist
ein äußerlich und auch dem Laien auffällig werdend.
das Andere und Wichtigers ist zumindest zwiefach bedingt:
zuerst erhebt sich die Frage, ob es im Jahr 1934 übev—
saupt noch diskutierbar ist, o — und nicht anders und
ind neu — zu schreiben. Zum zweiten: die Antwort darauf
st nicht rein musikalisch bedingt, sie betrifft auch nicht
unächst die musikalische Suübstanz und ihre technische For—
nung, sondern sie ist rein weltanschansich geprägt. Hier
iber gibt Wagner selber, nämlich in seinem 1851 (vBom
zürcher Exil aus) geschriebenen Bekenntnisbuch, „Oper und
drama“, die Autwort. Was Wagner dort über die Artung
ind das formale Prinzip innerhalb der volkhaften Musik
agt, widerspricht der Ausmünzung eines solchermaßen aus—
adenden Werks im Sinne und Stile — Wagners. Und
voch geht es Wagner dort nicht nur um das Grundsäützliche
ind um die Stilprobleme, sondern auch um die Betrach—
ung de⸗ phonetischen Moments in seinem Verhältnis zur
Musik.
Auf Schrimpfs Werk in kurzem bezogen: auch dieser
extliche Vorwurf ist schon in seinen sprachlichen Einzel—
auten und in derem Zusamnmenhang so vielfarbig bunt
ind plastisch, daß die Zugabe Musik an sich oft nur störend
virkt. Auch das Rhythmische, wie es hier vom Sprechchor
us gestaltet wird, trägt an die Oberfläche, was im Grunde
inter ihr, im Blute selber, pulst und nur so zur vollen
ind ursprünglichen Wirkung kommen kann.
Ein anderer klasfender Widerspruch liegt darin, daß
zsier eine Synthese versucht wird aus einer Welt von
zjestern und (siehe Sprechchor) Teil-Ausdrucks- und Form—
Mitteln der Gegenwart. Aber auch dann, wenn man in
»iesem Punkte weit zurückblickt, meinetwegen bis ins alte
Hriechenland, wird man des Gesamteindrucks nicht froh.
Zum letzten: so empfindet unsere Jugend von heute
icht mehr! Man könnte das vielfältig belegen, ich ver—
ichte darauf und erkenne den guten und ernsten Willen
»es Komponisten an. Troßzdem muß ich fragen: Quo
adis?
Es kann nicht meine Aufgabe sein, nun alles aufzu—
ollen, was uns dieses Gaufest in Trier an Werken ge—
»racht hat. Ich habe vorgehend zwei groß ausholende
Ztücke einander gegenübergestellt, und ich muß sagen, daß
nan mehr als einmal sosche Vergleiche ziehen konnte. Das
st aber gewiß, daß die Gegensötze später nirgends mehr in
olcher Schrofstheit auftraten, und das allein zeugt dafür,
»aß die Gauführung nicht nur abseits jeglicher Einseitigkeit
yorzugehen entschlossen ist, sondern auch, daß sie im ganzen
WVeg und Ziel eindeutig vor sich sieht. Niemals zuvor hat
s ein Sängertrefsfen gegeben, bei dem sich so völlig klar
der Kern der befolgten Kulturpolitik herausschälte. Dieser
nusikpolitische Mittelpunkt faßt das Trio Armin Kuab,
dans Laug und Walter Rein in sich. Auf diesen drei zeit—
jenössisch schöpferischen Künstlern erbaut zumindest der
Zaarsängerbund sein kulturpolitisches Programm, und man
darf weiter sagen: das wird auch dem DSB. die Weg—
eite werden müssen. Auch da könnte man zur Begrün—
»ung vielerlei anführen — ich betone nur dieses: m. E.
irgt kaum ein schöpferischer Komponist der Gegenwart so
tark und klar in sich die Synthese aus künstlerischem Be—
vußtsein und volkhafter Gesinnung, wie dieser Franke
rmin Knab. Für die Intensität seines ursprünglichen
lusdrucks zeugt auch sein der Zahl nach kleines Gesamt—
5zhoörwerk — er gibt nur dann aus sich her, wenn er
nnerlich dazu getriehen wird. Das aber erscheint mir heute
nit als das Wesentliche! Hans Lang und Walter Rein
vor allem dieser) haben bisher weit mehr veröffentlicht.
luch das ist notwendig gewesen, denn wir bedürfen dieses
»esten Typs der Gebrauchsmusik, die sich oft weit über
zas Augenblickhiche erhebt. Man braucht nur in die
rei Lobedasingebücher zu schauen, um tief ergriffen des
nne zu werden, was Knab, Lang und Rein dem deuftschen
Lhorgesang zum Aufbau schenken!
Trotzdem reckt sich auch auf diesem Gaufest immer wieder
enes Lied der Zeit auf, welches dem Herzen des weder
ormal- noch musikalisch-künstlerisch (im strengen Sinne) ge—
zundenen Laienmenschen auch in der Vergangenheit daunn
ntstiegen ist, wenn die Idee das vor⸗- und aufwärts
reibende Element gewesen ist. Bei der „Wacht am Rhein“
— von Nietzsche bis zu Jöde vergeblich bekämpft — war
32T09. ich nenne Gruhos Stisso Nacht umd rkßnä dae
IAhll Nr. 8
Hier sehe ich die große und Entscheidung bringende
Kuülturaufgabe des DSB. in der Bindung an Leibl und
bo. Peinen und au Mosenthal-Heinzel, aber auch in der
Verbrüderung derer, die aus dem Gestern stammend, nicht
unr mahnen, sondern auch helfen wollen: dieses volkhaft
ünstlerische Werk des Morgen zu schaffen, zu briugen und
in der Nation zu verwirzeln.
Wir müssen aber auch da mit einem Grosßen aus dem
Gestern rusen: LRasct uns hoffen!!
2
Mehr als einmal wurde von jenem Aufbruch der Ingend
zesprochen, an den wir volkhaft musikalischer Weise so—
fort denken, wenn wir uns ihres ersten Sammelbuches von
diedern erinnern, des „Zupfgeigenhansfl“. Wenige werden
sich in das vertieft haben, was Hans Breuer — Schüler
des gleich ihm selber unvergessenen Max Pohl — einlei—
tend mehr als einmal gesagt hat. Heute kann und darf
dieses grundfätzlich in mehr als einem Festlegende nicht
länger übersehen werden, denn es beweist wieder einmal,
daß man auch in der Wandervogelbewegung nachgerade
oon einer Verfälschung ihres Ursinns durchaus sprechen
muß — Namen tun hier nichts zur Sache! Aber auch
o. Peinen streifte das, und er tat recht, vor allem das
politischer Weise Entstellende und Verführende mit
in den Vordergrund zu schieben.
Diese Jugend also ist aus der Schule des anhebenden
20. Jahrhunderts geflohen, geflohen vor allem vor dem
Schulgesang, wörtlich zu nehmen: dem Gesang innerhalb
der vier Wände der Schule .... Wie steht es hier um
den Männerchor? Nun, bei ihm können wir zunächst von
einem Ausbruch einzelner Kreise, Bewegungen u. dergl.
nichts reden. Gründe dafür könnte man die Menge aufzählen
— ich verzichte darauf und sage nur:
Während beim Wandervogel es so gewesen ist, daß die
Laienjugend, sich vereinsamt fühlend, ihr Liedgut aus der
Vergangenheit zusammensuchte, mußten in der Erstentwick⸗
lung des neuen Männergesangs sich die — schöpferischen
Musiker erst jene Kreise suchen, welche u. U. bereit waren,
2s aufzuführen. Bei Lendvai, dessen „Nippon“-Frauen—
Hhöre ich in Mainz anfangs 1917 bringen konnte, ist es
zestimmt so gewesen.
Und so kam es mir sinnbildhaft vor, daß am Anfang
der Konzerte dieses Gausängerfestes Erwin Lendvais im
Auftrag des Saarsängerbundes geschriebener „Psalm der
VRefreinng“ stand. Ich hörte ihn zum vierten Male und
hin auch jetzt von der Wucht, aber auch der innerlichen
Sensibilität dieses Werks, tief erschüttert worden. Man
darf, man muß schon fragen: welche andern Stücke in
der Männergesangsliteratur sind ihm zur Seite zu stellen?
Finstmals, es war, im Jahre 1865, hat Max Bruchs „Frith—
jof“ zum Ersten Deutschen Sängerbundesfest in Dresden
die andere und neue Zeit dieses DSB. der anbrechenden
siebziger Jahre eingeleitet. Mich dünkt, daß Lendvais Psalm
für das Frankfurter Sängerbundesfest vom Jahre 1932
die gleiche Bedeutung zukommt. Dazu ist zu rechnen, daß
damals, nahe dabei, in der akustisch mordenden Halle der
Achtzehntausend, Armin Knabs Zeitlieder zum erstenmal
erklangen. Hier noch stärker betont das Neue in der volk—
haft sich gebenden Musik, und doch tritt ein Faktor hin—
zu — bei Lendvai, wie bei Knab —, der erst den Zu—
sammenklang seelisch packender, greifender Resonanz herstellt:
die Tertwahl. Walther Steins unerhört lebendig gestaltete
Zusammenfassung jener Stellen aus dem Geist der Schrift
einerseits, wie Knabs unsagbar glücklicher Griff nach dem
Boetheschen „Befreiungslied der Deutschen (18199“ und
stolbenheyers „Unser Leben“ — ja, das sind schon im
Vor-Werden entscheidend beeinflussende Glieder der Ge—
amtkette. welche das Volk heißt!
Man mag über Lendvai denken, wie man will, dieses
vird man nicht abstreiten können, nämlich, daß er qus
der Anfangsentwicklung des neuen Männergesangs nicht
hinwegzudenken ist, und zwar sowohl als schöpferischer
Musiker, wie auch als immer geschmackyoll die Terte wäh—
ender geistiger Mensch.
Ob es ratsam war, dem Lapidarstil des „Psalms der
Befreiung“ die „Edda-Lieder“ von Otto Schrimpf ‚folgen
zu lassen, möchte ich bezweifeln. So wahr es ist, daß
Lendvai in seinem Werk bewußt nicht zuallererst daran
liegt, die musikalisch schöpferische Potenz in den Vorder—
grund zu rücken, so gewiß ist aber auch, daß Schrimpfs
—Arases wie inhalfltfiches Gaffaltunasvermüner nuün doß