Seite 8 IIs Aull Saar⸗Sänger⸗Bund sr upuht Nr.
ivall ical Vival ica!
Viva la muxsiIaal viva 14 musical!
Stimmen.
Für 3wei
FHerr Kruse blickte schief hinter den Gläsern seiner gold—
BRNgefaßten Brille auf den jungen Mann, der in tädel—
los aufgebügelten Beinkleidern, mausgrauem Frack und
sorgfältig um den Vatermörder gebundener Krawatte gegen—
über am Tischende saß.
„Versteht Er auch zu musizieren?“ fragte er in einem
Tone, als hinge viel von der Beantwortung dieser Frage ab
„Nein, Herr Kruse, — allerdings nicht!“, entgegnete
der junge Mann, Herr Friedrich Ringelberger, weiter
Disponent eines Berliner Bankhauses und im Begriffe
stehend, sein Gehalt von fünfhundert Talern mit Herrn
Kruses Tochter zu teilen.
Herr Emanuel Kruse, königlicher Hoforganist und Kapell—
meister, war ein in zwiefacher Hinsicht schwer zu nehmender
Mann. Von den preußischen Feldzügen her, an denen er
als Hornist teilgenommen hatte, war ihm jener militärische,
raunzige Umgangston geblieben, der einen bürgerlich aus—
gerichteten Menschen einschüchtern und, in erklärlicher Ver—
kennung seiner hausväterlich-guten Eigenschaften, abstoßen
mußte; Untergebene wie Jüngere oder solche, über die er
irgendwie Macht zu haben glaubte, pflegte er in der
dritten Person auszureden. Diese aus einer Art Wider—
spruch gegen die welsche Alamode entstandene Unart wäre
noch erträglich gewesen, wenn er sich nicht, musikenthu—
siastisch wie er nun einmal war, im Laufe der Jahre zur
Gewohnheit gemacht hätte, die Achtbarkeit und Klugheit
eines Menschen, Mann oder Frau, danach zu bestimmen;
wie dieser sich zu der von ihm so glühend verehrten Musik
stellte Herr Ringelberger — sein untadeliges Wesen und
seine kommerziellen Kenntnisse in Ehren! — sank daher
um ein Beträchtliches in seiner Wertschätzung.
„Er kann nicht musizieren?“, sagte er, offensichtlich ent—
täuscht und jedes Wort betonend. „Nicht Vivlincello? Nicht
Pianoforte? Nicht Flöte, Fagott, Guitarre?“
Seine Augen glänzten in leichtem Spott.
Nein, nichts von alledem!“, sagte Ringelberger.
„Aber der Herr Disponent wird gewiß ein bißchen singen
können, Beethoven oder Mozart bder Haydn?“, forschte
Frau Kruse, die neben ihrer Tochter Charlotte auf dem
Sofa saß und der Unterhaltung mit der geziemenden An—
teilnahme gefolgt war.
Herr Kruse wackelte mißbilligend mit dem Kopfe und
stieß einen verächtlichen Brummer aus. Frau Kruse warj
ihm einen zurechtweisenden Blick zu und wandte sich mit
einem Lächeln, das aufmuntern und die peinliche Situa—
tion verblümen sollte, angelegentlich an Herrn Ringel—
berger: „Nein, das machen Sie mir nicht weiß, Herr Dis—
bponent, — Sie können doch wenigstens ein paar unserer
schönen klassischen Arien singen, Sie gehen doch sicherlich
in die Oper und Kammerkonzerte! .. Haben Sie uͤbrigens
das Oratorium von Händel gehört, „Israel in Aegypten“,
letzten Sonntag, Valnisonntag, in der Garnisonkirche Vier⸗
hundertfünfzig Mitwirkende. Herr Disponent, stellen Sie
sich einmal diese monumentale Klangwirkung vor! — —
ich glaubte, die Wände stürzten ein!“
Sie reckte sich unmerklich hoch und pumpte sich Atem
ein. Sie war ein wenig asthmatisch, die Schwiegermama
in spe. Aber auch jetzt wußte Ringelberger vor soviel
musikalischer Kraftmeierei nichts anderes zu sagen als
„Nein. — allerdings nicht!“ Er kam sich, weiß Gott wie
ungebildet und unwichtig vor. Er war ein bescheidener,
strebsamer Mensch, dem das Arbeiten im Kontor nicht
allzuviel Muße ließ, um sich den schönen Künsten zu
widmen, in Sonderheit der Musik, die ihm, amusisch, un—
musikalisch wie er war, stets als das Vorrecht anderer und
nicht einmal begehrenswert erschienen war; seine freien
Stunden nützte er im Weiterbilden seiner bankfachlichen
Kenntnisse aus, und an sonnigen Abenden erging er fich
in Wald und Flur. Singen? dachte er. Ich habe mir
nie einmal Gedanken darüber gemacht, ob ich singen kann;
wenn ich mich behaglich fühle, mag es sein, daß ich vor
mich hinpfeife oder summe, wie es sich aus dem Herzen
fügt. Aber Arien, Duette, Romanzen, mehrstimmig gar
und mit Pianoforte? — nein — von wem sollte ich“ es
quch vgesernt haäahen“ 9b60imnm
„Kann Er denn wenigstens ein Kanon singen?“, fragte
Herr Kruse. Sein Gesicht hatte einen mürrischen, gelang—
weilten Zug, ja sogar von Spott.
„Wir haben zu Hause öfters Kanons gesungen, mit der
Mutter und mit meinen Geschwistern“, gestand Ringel—
derger.
„Sehen Sie, Herr Disponent, — also doch!“, trium—
phierte Frau Kruse und tupfte ihm gegen den Arm, „Ich
vußte es doch! Wer sollte auch in unferer heutigen Zeit
— —, nein, das reden Sie mir nicht ein! Eine Zeit, die
einen Beethoven hervorgebracht, einen Weber und Schubert,
sehen Sie, der Beethoven hat den Kanon sogar für würdig
zefunden, ihn in seiner Oper Fidelio zu verwenden!..
Mir ist so wunderbar““, trällerte sie, „Kennen Sie?“
Ringelberger färbte sich ein wenig rot.
„Wir haben immer einen bestimmten Kanon gesungen
warten Sie einmal!“ —
e ner— wenn es regnen will?“, half ihm Frau Kruse
„Nein!“
„Gestern traurig, heute lustig?“
„Nein! — „Auf, laßt Gesänge erschallen, es töne“ — ja—
o heißt er, — ‚„es töne im Chor melodisches Lied'!“
Der Kapellmeister zündete sich seine Pfeife an. Bald
'aß er hinter dicken Tabakwolken, als wolle er sich so von
einer Unterhaltung isolieren, die ihn im höchsten Grade
langweilte; aber als Herr Ringelberger sich im Verlaufe
des Gesprächs mit Frau Kruse zu der zweifellos dreisten
Behauptung verstieg, der Kanon sei wohl eine der primi—
tivsten musikalischen Ausdrucksformen, da fuhr Kruse wie
ein Donnergott aus seinen Tabaksnebeln hervor:
„Primitiv? — In der Musik ist nichts Primitives, Herr
Disponent, es kann auch darin einer seinen Grips beweisen!
Es würde Ihm nicht zum Schaden sein, wenn Er sich ein—
mal einen rechten Kanon anhören würde!“
Er legte die Pfeife auf den Ständer, stand auf und
setzte sich an das Pianoforte. Er spielte den Kanon drei—
timmig einige Male durch, etwas Eigenwilliges und schwei—
gendes Herausfordern lag darin wie in dem unbeagachteten
Spiel eines beachtetseinwollenden Kindes.
„Charlotte!“, befahl er jetzt, „Du singst die erste Stimme
der Herr Disponent die zweite und Mama die dritte!“
„Also, Herr Disponent,“ belehrte Frau Kruse, „bei dem
Wort „tönen“ müssen Sie einfallen, auf der Silbe tö
und dann feste durchsingen!“
Charlotte sang, während sie weiterstickte. Ihre Stimme
var erst zaghaft, dann wurde sie unbefangener, und als
die Silbe töskam, hielt sie den Ton, um Ringelberger ein
zeichen zu geben, einen halben Takt länger, aber Herr
ruse war nicht minder wachsam, er spießte den Finger
zgegen Herrn Ringelberger und brüllte: „Der Herr Dis—
onent!“ Ringelberger fuhr zusammen, sah sich um, besann
ich eine Weile, ehe er zu singen begann, er sang ver—
virrt und vor Scheu fast verzehrt; und so nachdrücklich
auch Herrn Kruses Bärenstimme ihm zu Hilfe kam, ihn
gleichsam vorwärtsschob, Ringelbergs Stimme wurde immer
zaghafter und heiserer. Eben wollte Frau Kruse mit der
dritten Stimme losschießen, als Kruse mit voller Pranke
in die Tasten hieb und den Gesang auf diese Weise ge—
valtsam zerschlug.
„Miserabel, — von vorn bitte!“, kommandierte er.
Diesmal begann Frau Kruse. Ihre Stimme girrte und
tremolierte, bei der Silbe tö sang sie Charlotte auffor—
dernd an, Charlotte fiel richtig ein, — dann kam Ringel—
berger an die Reihe, er sang nur einige wenige Taäkte
ang, die Stimmen verknäulten sich, Herr Kruse rief „Die
Tempi — Die Tempi, Herr Disponent!“, stampfte die
Melodie in das Piano hinein, sang schließlich selbst und
dies solange und eindringlich, bis er Ringelberger aus
dem Reigen hinausgedrängt hatte .. . Und nun war es ein
‚geniglisch Treiben“, um mit Goethe zu sprechen. Des
Kapellmeisters runde, volle Baßstimme tappte und trottete
vie ein geschmeidiger Tollpatsch um die beiden Frauen—
timmen. Die Stimmen waren mit Tanzenden zu ver—
jleichen: Je einer führte abwechselnd an, ein andeérer ge—
esste sich hinzu, die hoiden ftanzten einige Schritte nehen—