Nr. 1 1IIIl ijphhj Saar⸗Sänger⸗Vund IIi Seite 7
Der Weg des Kanons in das singenoͤe Volk
In den Zeiten, als man von gewissen Kreisen aus den Raumestiefe (GBachs „Kunst und Fuge“ gedient hat, durch
NKanon als die große Mode einzuführen versuchte, habe Unterlegen wertvoller, aufrufender Dichtungen den rechten
ich immer meine warnende Stimme erhoben und habe stets Boden im Volke zu bereiten; denn das Wachrufende, streng
auͤf das peinlichste zu unterscheiden versucht, was bei solchen Verpflichtende, das schon in der Form an sich lebt, wird
Bestrebungen erzieherisch wertvoll oder aber nur ober- erst durch den Inhalt zu höchster Steigerung entfaltet.
flächlich lärmendes Treiben ist. Als Beispiele mögen uns da dienen etwa Sprüche von
Mit anderen Worten: so sehr wir die Form des Kanons dölderlin „O Erde, meine Wiege“ — „Zahllos wehn der
schätzen, einmal als ein Zeugnis westlich-nordischer Musik⸗— zugend stolze Fahnen“ — „O heilig Herz der Völker,
kultur (ist doch der englische „Sommerkanon“ unser »Vaterland“, der hirtenmäßige Spruch von Angelus
ältestes mehrstimmiges weltliches Musikdenkmal), ferner Zilesius „Denkt doch, was Demut ist“, manche spruchartige
wegen fseiner außerordentlichen Volkstümlichkeit und seiner Dichtung von Goethe oder Christian Morgenstern, Eichen—
besonderen Fähigkeit, Träger lebendiger, bekenntnismäßiger »orff oder Ruth Schaumann (um neben den älteren auch
Gedanken zu sein (allerdings oft auch inhaltslose Form eitgenössische zu nennen). Sie alle sind aus Liederbüchern
rein gesellig-unterhaltender Art), müssen wir doch bei dieser vie „Finkensteiner Blätter“, „Strampedemi“ und „Spin—
Musikform, wenn sie ihren Weg ins Volk nehmen soll, vor nerin Lobunddank“ (Bärenreiterverlag) längst bekannt und
übertriebener und insbesonders vor mißverständlicher An- gesungen.
wendung warnen. Vor einer mißbräuchlichen Anwendung der Kanonform
Der Name sagt nichts weiter aus als die Strenge der nöchte ich am Schluß ganz besonders warnen, die viel
Form; überhaupt ist dieses Gebilde der Kunst zunächst chlimmer ist als ein gelegentlicher Ulk-Kanon: das ist
mehr formal als inhaltlich zu bewerten. Wenn nun der rzämlich das Zersingen unserer guten Volks—
rechte Inhalt hinzukommt, so tritt seine wahre volks- lieder durch ehrfurchtsloses und mißverständliches, rein
aufbauende Wirkung erst so recht zutage; gerade weil der nechanisches Nachklappern-lassen der Melodien im „Kanon“
Kanon inhaltlich neutral und nur eine Form an sich ist, Was durch diese von Fritz Jöde „entdeckte“ Art des Sin—
so sind wir um so mehr zur Sicherung eines lebendigen gens manchem Volkslied wie „Wenn alle Brünnlein
Inhaltes verpflichtet. Versäumen wir dies, so machen wir kließen“ oder „Wach Nachtigall, wach quf“ für ein Schade
uns einer müßigen Spielerei schuldig. zereitet worden ist, wird durch das bifßhen Lustigkeit nicht
Also stellen wir für einen Weg des Kanons ins singende rufgewogen; übrigens entspringt ersahrungsgemäß aus
Volk zunächst folgende Forderung: tragen wir Sorge, daß iner sachgemäßen Behandlung dieser Lieder, aus leichter
wir über das bloß Formale des Kanons hinaus nicht den prachrhythmischer Gestaltung heraus eine reinere Fröhlich
tieferen Inhalt vergessen, der uns eigentlich allein be— eit. Die Volkslieder sind nun einmal nicht dazu da—
rechtigt, ihn in heutiger Zeit zu pflegen! Wir wissen vom daraufhin untersucht zu werden, ob sie „im Kanon gehen“
Volkslied her, daß der Inhalt, der geistig nährende Mutter- wie der schöne Ausdruck lautet), sondern so gesungen zu
boden, das Ursprüngliche und Wichtigere ist, nicht die mehr verden, wie es das ihnen innewohnende Wesen erfordert.
oder minder romantisch wirkende Umwelt. Wir wissen Es liegt nichts im Wege, Volksweisen, insbesondere ältere,
ferner, daß die „Edelformen“ des Volksliedes, wie wir sie thematisch frei und fugenartig zu behandeln — wir haben
in unserer Finkensteiner Bewegung so scharf herausstellen, schöne Beispiele von Meistern — und so hat man sicheé
ihr Vorhandensein eben noch dem Umstande verdanken, vahrscheinlich auch gedacht, gewissermaßen als „volkstüm—
daß auch die Substanz dem Ausgangspunkt des Volks- liche Vorstufe“. Daß dreiklangsmäßig sich bewegende Melo—
liedes, der einmal ein geistig-sakraler gewesen sein muß, dien (wie „Der Jäger aus Kurpfalz“) sich leicht in Eng—
recht nahe steht, also in eine, Zeit fällt, wo das „Volks- ührung nachahmen lassen, soll uns nicht auf mußsikalische
lied“ noch nicht zu äußerer Geselligkeit herabgesunken ist. Abwege verlocken.
Damit soll aber nicht etwa gesagt sein, daß ein Kanon Wir prüfen darum auch sorgfältig das Wie. Das Beste
nicht heiteren Inhaltes sein dürfe! Gerade der Humor ind und bleiben Original-Kanons. Und da ist die Strö—
kann von großem Werte sein, aber alles zu seiner Zeit. nung heute noch im vollen Gange; immer wieder drängt
Aber viele sehen in der Kanonform überhaupt nur einen es die Tonsetzer aufs neue, sich darin zu versuchen (siehe
Unterhaltungsartikel und ahnen gar nicht, daß große die entsprechenden Ausgaben im Bärenreiterverlag, bei
Meister, besonders älterer Zeit, ihn zu ernsten Komposi- dallmeyer und anderens, und Jöde hat anderseits wie—
tionen verwendet haben, etwa für zweistimmig fugierte derum das unstreitbare Verdienst, durch seine Gabe der
Messen (Palestrina), Daß Haydn, Mozart und auch Beet- ßPopularität diese Form wieder in weite Kreise hineinge—
hoven ihn gelegentlich stammbuchartig verwenden, beweist ragen zu haben. Seine dreibändige Kanonsammlung isi
nichts dagegen, sondern offenbart höchstens die große in- ꝛine fleißige Arbeit und enthält manches Wertvolle.
haltliche Spannweite dieser Form. Abschließend möchten wir nochmals sagen: wie vortreff—
Durchaus positiv zu werten ist die Kanonform wegen lich die Kanonform für unser Volk ist als Erziehungsmittel
ihres musikerzieherischen Wertes. Mit Recht rührt seine zur Musik, wie kostbar auch durch die Beteiligung bedeu—
Beliebtheit im Volk auch daher, daß die Stimmen das ender Meister, wie ungeheuer wichtig für den Volksauf—
größte Maß von Selbständigkeit genießen und doch einem 5au durch die Möglichkeit, knappe, programmatische und
GBanzen strenge untergeordnet sind; dieser Vorzug fällt iefe Gedanken in unwiderstehlich eindringlicher Form ein—
so schwer ins Gewicht, daß wir sogar gelegentlich ein Auge zuhämmern, oder anderseits edle Geselligkeit zu fördern,
zudrücken und auch einmal ein „leichteres Stroh“ passieren 'o müssen wir doch die Grenzen kennen. Am Volkslied
lassen können — zur Entspannung! Aber Beliebtheit an ernen wir geprägte Form von innen her, und nur
sich darf kein Maßstab sein, im Gegenteil. Wir möchten eine solche weist unserem singenden Volk den Weg der
dahin streben, dem Kanon, sowie er ehemals als Grund⸗ Zukunit. Dr. Walther Heusel,
lage für geistliche Kompofitionen oder Werke arößten Stuitgart.
Saar⸗Genossenschaftsbank
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