Seite 140 In
AAIlu ẽaar⸗Saäuger-Bund Ifisee
AVv”uue, Nr. 7
mold“ hin auf die Stelle „Wo die Kanonen stehn“. Diese
neue 2. Stimme geht übrigens fast immer übeer die erste.
Bei dem Liede „Der Winter ist vergangen“ haben wir eine
ihnliche Veränderung gleich zu Beginn. Für diese Variante
var natürlich ein Tenor verantwortlich, der mit seiner
Stimme glänzen wollte, wenn er stolz über der Melodie
schwebte. (Beisp. 3.) Auch „Es ist ein harter Schluß“ wird
nittelst einer 2. Stimme zersungen. (Beisp. 4, Variante in
leinen Noten.) Das heüte viel gesungene „Wir ziehen
unsere Straßen“ (auch „über die Straßen“) wird in zwei
Fassungen gesungen, die wiederum zueinander im Ver—
hältnis einer ersten zur zweiten Stimme stehen. (Beisp. 4.)
Welche die ursprüngliche war, ist fraglich. Sicherlich ist aher
die Fassung, die der primitiven Wiederholung durch die
edesmalige Steigerung der Melodie entgeht, vorzuziehen.
Tharakteristisch ist die Ausfüllung der Pause „hei-diri-dong“,
eine Ausfüllung, die besonders im Wander- und Soldaten—
lied durch allerlei Klangsilben (tra-la-la) oder durch Wort⸗
wviederholungen gern gemacht wird.
neuer Text unterlegt wurde. Es war ganz natürlich. Kom—
onieren ist schwerer als Dichten; zumindest gehört dazu
nusikalische Begabung und ein gewisses Maß musikalischer
ßildung. Viele Neudichter fanden es bequemer, ihre Worte
iner bekannten Weise anzupassen. Es hieß dann in
rüheren Zeiten etwa „Im Reuterton“, „Pavierton“ (Lied
son der Schlacht bei Pavia) usw. Einen solchen Prozeß
nachte wohl in jüngerer Zeit das Lied „Im schönsien
Viesengrunde“ durch, dessen Anfang der älteren Weise
Drei Lilien“ unterlegt wurde
Aus der Geschichte des Volksliedes.
Für uns beginnt das Volkslied etwa mit dem 15. Jahrhun—
»ert, weil unsere Quellen-Aufzeichnungen erst von da ab
ließen. Aber unsere Vorfahren, die alten Germanen, waren
zjanz gewiß nicht minder sangesfreudig als ihre Urenkel des
15. Jahrhunderts. Bei ihnen hat sich von jeher Leyer und
Schwert ganz gut vertragen. Heldenlieder werden die
iltesten Volkslieder der Germanen gewesen sein. Sie müssen
auf hoher Stufe gestanden haben, wenn anders wir von
den mittelalterlichen Nachdichtungen Mibelungenlied,
GBudrunlied) auf sie Rückschlüsse tun dürfen. Als eins der
ältesten, vollständig erhaltenen Lieder, die noch in die
Germanenzeit zurückreichen, gilt das jüngere Hildebrands—
lied aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Aber auch vor—
her gab es gewiß ein Volkslied. Doch ist uns darüber keine
Kunde gekommen. Denn wer hätte diese Lieder sammeln
und aufzeichnen können? Nur die Geistlichen, die Mönche,
—
— ——
—885
7277
— 7—
— — —
——
—
—————
— —2 .
—
* 2
—
— —
ι ια
ind die hatten anderes zu tun, als die womöglich derb—
rischen, ganz unkirchlichen Volkslieder aufzuzeichnen.
Erst mit dem 15. Jahrhundert beginnt sich plötzlich der
5„chleier zu lüften und einen unerschöpflichen, köstlichen
zchatz der herrlichsten Volkslieder bloßzulegen. Aufgezeichnet
ind uns aber diese Lieder nur in kunstvollen mehrstimmigen
ßearbeitungen. Die Kunstmusik hatte sich damals des
Kolksliedess bemächtigt und pflegte zur Volksliedmelodie
m polyphonen Satz neue Stimmen hinzuzusetzen. Das
bolkslied war also der „gantus firmus“, der „fest⸗
tehende Gesang“, von dem sich die Meister anregen ließen.
Nan kann sich denken, daß manchmal der cantus firmus,
»as Volkslied, sich zugunsten des mehrstimmigen Satzes
villkürliche Aenderungen gefallen lassen mußte, so
»aß es häufig nicht leicht ist, aus der kunstvollen Be—
irbeitung die ursprüngliche Melodie herauszuklauben.
diele uns fremd anmutende Besonderheiten, besonders
hythmischer Art (Taktwechsel, Taktverschiebungen). mögen
um Teil darauf beruhen.
Die älteste Sammlung ist das Lochheimer Lieder—
»uch (um 1450), das neben mehrstimmigen auch ein—
timmige Volksliedweisen enthält. Lieder wie „All mein
vedanken“, „Ich fahr dahin“, „Ich spring an diesem Ring“
ntstammen dieser Sammlung. In der Folgezeit, beson—
ders um 1530 schießen die Liederbücher wie Pilze aus dem
boden. Es entsteht jene Literatur des 16. Jahrhunderts,
zie heute wieder als Vorbild zu großer Bedeutung ge—
angt. Diese alten Lieder stehen unserm Geschmack zu—
zächst noch fern. Es sind meist herbe Weisen, zum Teil
toch in alten Kirchentonarten, mit den kompliziertesten
Tiherhalmmissen. (Bal. 3. B. „Innsbruck. ich muß dich
afsen“.
Mit dem 17. und 18. Jahrhundert fließen die Quellen
aum spärlicher. Erst das Zeitalter der Industriali—
sierung, der Entwurzelung des Volkstums
var kein guter Boden für das Volkslied und drückte auf
das Niveau. So haben diese jüngeren Volkslieder häufig
die kraftvolle Geschlossenheit. ihre markige Herbheit einde—
—
J
—B
—
— e——
Andere Lieder erhalten Zusätze und Anhänge, die zum
Teil unbekümmert aus anderen Liedern entnommen werden.
3. B. „Es wollt ein Jägerlein jagen“ mit dem Zusatz „Halli,
hallo“'aus dem Jägerlied „Im Wald und auf der Heide“,
oͤder „Ich hatt' einen Kameraden“ mit der, soldatischen Ver—
inderung ‚„Die Vöglein im Walde“. Uebrigens sind gerade
die Soldatenlieder ein Tummelplatz des Zersingens. Die
derbe Spottlust und die Freude an der Parodie trieb da
häufig die merkwürdigsten Blüten, wenn, um ein bekanntes
Beispliel zu geben, gesungen wurde: „Denn dieser Feldaug,
er ist kein Schnellzug“.
Die Ursachen füuͤr textliche Abweichungen sind sonst oft
höchst banal: Das Lied wurde beim ersten Hören falsch
derftanden, man suchte den Text aus dem Gedächtnis selbst
zurechtzufinden und half, wo das Gedächtnis versagte,
rzinfach nach. So ist es neuentstandenen Soldatenliedern
aus dem Weltkriege ergangen. Aber auch das altbekannte
„Horch, was kommt von draußen rein“ scheint mir diesem
Geschick verfallen zu sein. Fast in allen Liederbüchern heißt
die 2. Strophe: „Leute habens oft gesagt, daß ich ein
Feinsliebchen hab“. In dieser Form gibt es keinen Sinn;
sicherlich lautele es früher „Leute habens oft gesagt. was
ich für'n Feinsliebchen hab'“.
In sehr origineller Weise wurde von Soldaten das be—
kannte „Morgenrot“ verändert. Es steht im Takt, der
sich natürlich zum Marschieren nicht eignet. Kurzerhand
wird von Soldäten ein Takt daraus gemacht, die Pause
sogar laut mitgezählt, und dazu noch eine kleine Ver—
zierung angefügt (wie Beisp. 6 zeigt), und das zünftigste
Marschlied ist fertig. Aehnlich erging es auch dem be—
kannten „Morgen marschieren wir“, das ursprünglich im
Va⸗Takt stand. In diesem Falle ist die zersungene Weise
natürlich vorzuzliehen.
Von vielen Liedern existieren verschiedene Melodien,
z. B. von „Zu Straßburg, auf der Schanz“, „Des Morgens
zwischen dreiin und vieren“, „Ein Schifflein sah ich fahren“,
„Es wollt ein Schneider wandern“. Viel daner aller⸗
dinas ist der umgefehrte Fall. dak einer Mesodie ein