Full text : 14.1934/35 (0014)

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lsssh Saar⸗Säuger-Bund ihnneetetttriusti Nr. 7

der diese Forderung seit Jahren auf seinen Tagungen
und in der Sängerzeitung erhoben hat. Freilich nicht
überall mit gleichem Erfolg. Nun folgt der ganze
deutsche. Sängerbund dem Ruf der Zeit, und an Nahe.
Mosel und Saar sind heute wohl auch die Zögerndsten
aktiv geworden. Schon fand in unserem Gaugebiet
eine größere Zahl von Konzerten statt, in denen ein—
zelne einstimmig von der ganzen Konzertgemeinde zu
singende Volkslieder mit vollem Text in der Vortrags—
'olge standen und, wie wir hörten, begeistert mitge—
ungen wurden. Das Gaufest in Trier erhielt eine
zeitgemäße Note durch die „Offene Singstunde“
auf dem Palastplatz, in der das Saarkampflied „Glück
auf! Wir rufen aus Schächten zum Kampf für die
Freiheit euch zu!“ von Hans von der Saar in weitere
sreise getragen wurde. Und auf dem großangelegten
Bundesfest des Niederlausitzer Sängerbundes in Cott—
hus erlebte ich es soeben, daß inmitten und zur Be—
endigung der beiden übrigens trefflich gestalteten Haupt—
konzerte in dem etwa 4000 Personen fassenden voll—
besetzten Festzelt der Chorleiter Sänger und Gäste zu
den Liedern „Volk ans Gewehr!“ und „Märkische
Heide“ zusammenfaßte.
Es wird abgewartet werden müssen, ob unser Volk
im Volkslied überhaupt wieder aktiviert werden kann,
»b sich gegebenenfalls der eingeschlagene Weg be—
vähren und nach welchen Gesichtspunkten das Volk seine
Wahl treffen wird. Wenn ich nach verhältnismäßig
venigen und zeitlich ziemlich nahe aneinanderliegenden

Erfahrungen einen Ausblick versuchen darf: das
deutsche Volk ist von sich aus, zumindest in seiner
Jugend und in seinen handschaffenden Schichten sanges—
roh; es ergreift ein Lied sofort — auch Schlager —
venn es darin ausgedrückt findet, was es Ueberindi—
»iduelles, was es Gemeinsames denkt, fühlt, erlebt —
Bolkslied ist eben Volkslied; es zieht „unliterarische“,
zefühlsbetonte Texte den übrigens oft nur vermeintlich
ichterisch wertvolleren vor — und es tut aus gesundem
Befühl für das Echte und Wahre beinahe immer recht
daran; und schließlich scheint es mir, als knüpfe es nach
der musikalischen Seite immer wieder an die Ur—
lemente der Musik, an Rhythmus und Melos, nament—
ich aber an den Rhythmus an.
In dieses examen rigorosum, in dieses Volks—
rericht, gehen unerbittlich auch die Volkslieder, in
denen unsere Zeit wieder schöpferisch geworden ist:
die Lieder der nationalen Jugend, der H.J., des B. d. M.,
die Lieder der marschierenden Kolonnen, des kämpfe—
rischen, des heroischen deutschen Menschen, die zahl—
sosen Saarlieder, von denen die meisten nur auf den
kKrücken der Konjunktur mühselig genug daherhumpeln.
Ueber sie alle wird schließlich das Volk, in dem es
die einen in seinen Volksliederschatz aufnimmt, die
indern verwirft, das Urteil sprechen. Es wird sich
Boethes Wort an ihnen bewähren:
„Was glänzt, ist für den Augenblick geboren,
Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.“
Walther Stein

Was ift ein

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Auq Gattungsbezeichnungen haben ihre Schicksale und
Al nirgends mehr als in der lebendigen Kunst. Und eben
n dem steten Wechsel der Bedeutung solcher Grundbegriffe
iegt eigentlich das Darstellungsmittél jeder Kunstgeschichts—
schreibung. Am deutlichsten wird dies noch immer in der
ẽntwicklung der Musik zu verfolgen sein: hier, wo die
„Begrifflosigkeit“ zum innersten Wesen gehört, wandeln
sich Name und Art in verwirrender Lebensfülle. So ist
denn auch das „Volkslied“ ein Schmerzenskind für den,
der klare, fest umreißbare Bezeichnungen liebt. In die
diteratur erst durch Herder eingeführt, bestand das Wort
für die Musik schon längst, aber eben darum in tausend—
acher Abwandlung. Erkennt man drei Abarten des musi—
alischen Volksliedes: das im Volke entstandene, das ins
Volk gedrungene und zulctzt das kunstmäßig ans Volkstum
sich anlehnende, so verdankt die letztere Gattung ihr Ent—
stehen Herders Zeitgenossen, dem Berliner Schulz, dessen
„Lieder im Volkston“ von 1782 an erschienen. Die gegen—
seitige Durchdringung der ersten beiden Arten ist so alt
vie die Kunst selbst: wie die altgriechische Musikerschule
oon Lesbos, so suchten und fanden die gelehrten Kompo—
nisten der niederländischen, der französischen, der deutschen
Schule in volkstümlichen Weisen geeignete Elemente zur
kunstvolleren Bearbeitung.
Um so ersta unlicher bleibt es, wenn von jeher gegen das
volksmäßige Lied als „Selbstzweck“ eine verächtliche Herab—
setzung angewendet worden ist: Aristophanes, der attische
Komödiendichter und in der Politik wie in der Kunst gleich
reaktionär, kreidet es dem verhaßten Meister der „bürger—
lichen Tragödie“, Euripides, schwer an, daß er auch als
Musiker vom Sockel der hohen Kunst in die Niederungen
des Pöbels und seiner, vom asiatischen Ausland her ver—
seuchten Musik steige. Daß die mittelalterliche Kirche es
nicht gern mitansah, wie die ursprünglichere Gepflogen—
heit, Hymnen und Halleluja im täglichen Leben zu singen,
durch das Vordringen der fahrenden Musiker zum Still—
stand gebracht wurde, versteht sich. Dazu kam, daß unter
jenen Volks«musikanten sich entlaufene Kleriker und verlot—
arta Nfadentifer die den Nugen der Rechtgläuhbigen ein GGronel

ein mußten, befanden. So heißt jetzt das Volkslied „garmen
arbarum, carmen vulgare, carmen triviale“, und in deut⸗
cher Sprache bekam es den noch heute verschimpfierenden
ßeinamen „Gassenhauer“. Wie wenig noch ein Dichter von
»er im edelsten Sinne volkstümlichen Einstellung eines
xhristian Weise aufs „Volk“ zu sprechen war, beweisen seine
Vorte in der Vorrede zu seinem, mit dem Komponisten
drüger geschaffenen Liederbuch (1684): „Die Welt ist zwar
rfüllt, wo man die Melodeien“ Von fünfzig Jahren her
nRechnung bringen will / Doch: Was die Bauern schon
n ihrem Tanze schrein.“ Das ühertäubet auch das beste
zaitenspiel.“
An dem Begriffe „Volkslied“ ist zunächst einmal der
deil „Volk“ dahin zurückzuschrauben, daß, mit Ausnahme
»er primitiven wie der alten Kulturvölker, die sich nach
darl Bücher zur Arbeit, zum Tanz eigene Terxte dichten
ind eigene Rhythmen erfinden, unser Volk sich lange Zeit
indurch nicht mehr produzierend, sondern allein nach—
haffend betätigte. Jakob Grimms Meinung, die in der
zsesamtheit den Komponisten erkennen will, hat sich längst
ils unhaltbar erwiesen. Wir kennen eine Menge Fälle,
vo sich Dichter und Komponist oder der eine von ihnen
m Schlußreim naiv stolz vorstellen, nicht allein im „Prinz
5ugen“, den ja jeder von uns im Ohr hat. Das eine darf
ils feststehend angesehen werden: daß nicht ein jeder der
zunst sfolcher Aufnahme ins Volksallgemeingut gewürdigt
vird und mancher um so weniger, je mehr er's anstrebt.
Nönche (wie jener aussätzige, dem einige Perlen der Lim—
urger Chronik zugeschrieben werden), Minnesänger (wie
er abenteuernde Wolkensteiner, der Reuentaler), Spiel⸗
eute, Schulmeister (wie noch Silcher)), Kantoren (die
zchöpfer unserer choralischen Volkspoesie), aber sogar Stu—
zenten und ehrenwerte Geistliche (wvie der Verfasser der
„Singende Muͤse an der Pleiße“, derjenige des ziemlich
jandfesten „Augsburger Tafelkonfekts“) und endlich Groß—⸗
neister der hohen Kunst haben hier mit oder ohne Wissen
ind Wollen mitgeholfen, so Mozart. So kann es vor—
ommen, daß ein Lied wie das von Brahms verwendete
Narstohlen adeht der Mond auf“ und „Schwpestepsoin“ als
            
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