Full text : 14.1934/35 (0014)

Aus einem kleinen Gesangverein.

Fünf Mann im 1. Tenor — fünf Mann im 2. Tenor —
Bneun Mann im 1. Baß und noch sechs im 2. Baß —
däas ist der Sollbestand. Der Istbestand ist nach den Zeiten
oerschieden! — Mal hat der Jäb aus dem 1. Tenor Sonn—
tagsschicht — der Nickel aus dem 2. Baß hat Dienst —
der Schörsch aus dem 2. Tenor ist „geschäftlich“ verreist
der Hänns baut zu Beginn der Probe schon vor: „Ich
nuß mit dem Zug weg! Ich kann nicht bis zum Ende
oͤleiben!“ — Tjawoll! — Und am nächsten Sonntag fehlen
drei andere „entschuldigt“ — und zwei, weil Saarwelliugen
und Diefflen ein „wichtiges“ Fußballspiel austragen! —
Tjawoll! — Und wohin soll man sich da wenden, wenn
Gram und Schmerz uns drücken? — Und da soll ich nicht
einschleichen ein laues Lüftelein? — Und da soll „Die
Marianne vom Rhein“ noch gepriesen und „Der Psalm
der Befreiung“ noch gesungen werden?! — Ihr lieben
Leute — es ist schon richtig: es weht dann ein laues
düftelein! und es nimmt den Schwung und die Begeisterung
mit — und wenn der Dirigent sich auf sein Fahrrad ge—
schwungen hat und abgesaust ist — dann stehen zwanzig
und ein paar Sänger in Grüppchen beisammen und reißen
alle Verdecke von ihrem „Vereins-Elend“ runter und machen
chrem Gram und ihrem Schmerz Luft: „Es hat keinen
Wert, ihr Männer! So kann es nicht weiter gehen! Es
nuß eine Aenderung eintreten!“ —
„Zu dir, zu dir, o Vater, komm ich in Freud' und
Leiden“ — — ja, aber der „Vater“ wird erst fragen: „Was
hast du selbst unternommen, um dem „Elend“ abzuhelfen?
Hast du einmal versucht, die Quellen des Uebels festzu—
stellen? Und auch versucht, die gefundenen zu verstopfen?
— Wenn nicht, darf ich auf drei Quellen des Uebelstandes
rufmerksam machen, die in fast allen kleinen Landvereinen
clließen und ein ersprießliches Wirken „ersäufen“. — Die
1. Quelle ist die ungünstige Zeit der Proben! Es ist not—
vendig, daß man solange warten muß, bis der Dirigent
da ist — ohne ihn zu proben, das ist falsch. Aber es ist auch
notwendig, daß sich ein Einzelner nach der Mehrheit richten
muß! Der Dirigent ist eine Hauptperson! Aber er ist
dennoch nur ein Stück vom Ganzen! Er darf die Proben
nicht ansetzen nach seiner Bequemlichkeit, sondern so, wie
sie im Interesse des Vereins am günstigsten liegen! Dann
hat er fast in jeder Probe alle Sänger! — Ich habe als
sehr günstige Zeit — für den Sommer zunächst — die
anderthalb bis zwei Stunden nach dem Hauptgottesdienst
gefunden. Während dieser Zeit sitzt und geht und steht
der Sangesbruder doch irgendwo und weiß eigentlich nichts
anzufangen, als auf's Mittagessen zu warten. Nun, dann
mag er sich hungrig singen und mit den noch frischen Ein—
drücken aus der Chorstünde heimkommen — er wird ganz
gewiß seiner Familie irgend etwas vom Singen und vom
Liede und von all dem Schönen des deutschen Gesanges
zu sagen wissen — er pflanzt also das eigene Erleben uün—
nittelbar weiter und ist, ohne daß er es eigentlich weiß
und will, Wegbereiter des deutschen Liedes! — Und den
ganzen Sonntagnachmittag ist er freil Kann tun, wozu
es ihn treibht: Mag zum Fußball-Wettspiel gehen — mag
‚geschäftlich“ verreisen — mag zu Hause sitzen bleiben —
soll mit seiner Familie ausgehen — — und — — denken
wir doch nur einmal daran: Unsere Frauen!! (Ich verrate
doch wohl kein Geheimnis?!“) — Die 2.Quelle, die uns den
Weg versandet, ist die ungünstige Liedauswahl. — Es ist
ija geradezu erhebend, wenn uns die Fraulauterner Sänger
Das Totenvolk“ vorsingen! Und wenn ich an den „Wiener
dehrergesangverein“ denke, überläuft's mich heute noch kalt
und heiß! — Aber —.— wir kleinen Landvereine!?! Wir
brechen uns das Genick an solchen Chören! Und verspotten
den Komponisten, und erniedrigen den Chorgesang! Sind
vir doch ehrlich! — Und unser Publikum?“ Ja, das ist
enttäuscht! Das muß sich hernach vom Sänger sagen las—
en, was der Vortrag ihm selber sagen sollte! — Der
Kölner Männergesangverein hat bei seinem Konzert vor
einigen Wochen am Deutschen Eck in Koblenz den meisten
Beifall des zahlreichen Publikums gefunden mit dem Chor:
In einem kühlen Grunde“. Und schließlich können die
sKölner auch an einen „Chor“ sich heranwagen! — Wann
soll denn ein sogenannter „Chor“ gesungen werden? Beim
Moöttifreit? Und die ührige Leit? Mas stirn i nn

Bleibt uns nichts zu tun übrig, als an den „Chören“ zu
»roben, die wir im kommenden Jahre vielleicht einmal
ingen!! — Und unsere schönen, leichten Volksliedchen? Das
Lriedgut, das ja eigentlich erst den Inhalt des Deutschen
ꝛiedes ausmacht? Das an die Seelen aller Zuhörer greift
und in jeder Brust die Saiten mitklingen läßt? — Ja,
das ist nicht nur das wertvollste Liedgut, sondern auch
das dankbarste! Dankbar für den Sänger — dankbar für
»en Dirigenten — dankbar für den Vortrag. — Und wenn
»er Dirigent zu Beginn der Probe eine Einstimmung in
den Text des Liedes gibt, dann ist der Inhalt von den
Zzängern „erfüllt“, und dem rechten Vortrage sind die
Wege geebnet. — Und gesungen werden solche Liedchen!
zo gern! Und so oft! Ach, man muß es einmal ausprobiert
saben! — Die 3. Quelle, die uns lähmt, ist der Mangel
in Aktivität! — Wir treten zu wenig auf! Wir singen
rotz aller Proben zu wenig! Die Leute hören uns zu
elten! — Es darf uns nicht genügen, wenn wir alljährlich
im Familienabend oder bei Gelegenheit eines schwach be—
uchten Konzertes auf der Bühne singen! Nein, nein, das
st nicht genug und nicht richtig! — Warum sollen wir
denn, wenn sich aus jeder Stimme etliche zufällig zusam—
nenfinden, nicht so'n kleines Liedchen singen können? (Einen
„Chor“ bringen wir nicht zuwegel) — Warum sollen nicht
10 oder 12 Sangesbrüder dem Jäb zuliebe mit vor des
diebchens Haus ziehen und dem Mädchen ein schönes
„Ständchen“ singen? „Gut Nacht, mein feines Lieb“, würde
»en Jäb zu Tränen rühren und das Mädchen glücklich
nachen! — „Doch ich muß ziehn allein!“ Ach, lieber Jäb,
es ist ja gar nicht wahr! Du bist ja nicht allein! Ihr seid
zoch ein Dutzend Sangesbrüder und hattet eben ein schö—
ies, gemeinsames Erlebnis! — Warum sollen nicht mal
tliche Sangesbrüder — oder auch der ganze Verein! —
ich an der Bachbrücke bei einbrechender Dunkelheit sam—
neln und ein Liedchen singen? Und wenn's zwei sind —
»as wäre kein Schaden! Und wenn sich Buben und Mädel
in dem „Konzertplatz“ sammelten, warum sollte der Vor—
chlag — nun mal ein einstimmiges Lied zu singen — nicht
ingenommen werden? — Mein Nachbar hat eine Laube,
»ie Platz läßt für 10 Leute. Und der Schorsch spielt die
ßitarre! — Das ist wirklich schön, wenn aus den Bäumen
seraus am Sonntagabend ein kleines Liedchen tönt! Und
nteressant, wenn in der Nachbarschaft die Schlafzimmer—
enster leise geöffnet werden und ungeladenes Publikum
insichtbar Jauscht! — Hübsch ist das! Und wir Sänger
rus dem kleinen Landverein sind schuld, daß recht viel
und oft gesungen wird! — Und dann, wenn wir es ein—
nal so versucht und ausprobiert haben — ich wette — es
st wahr: „Und kam ich wieder zu singen — war alles
ruch wieder gut!“ Peter Gekl.

Zum Sãngerfest
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