Full text : 14.1934/35 (0014)

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Minuten weit die Südallee hinunter. Kurz, bevor wir
an die Mosel gelangen, statten wir den links sich direkt
an unserem Wege befindlichen ‚„Pömischen Bädern“
Barbarathermen) einen Besuch ab. Auch hier gewinnen
wir an der Hand sachgemäßer Führung einen interes—
santen Begriff von römischer Kultur und auch römischer
Technik. Wir können uns dabei ohne weiteres ein Bild
davon machen, wie praktisch die Römer gewohnheits—
mäßige Fragen des täglichen Lebens zu erfassen und
zu meistern wußten. „Römische Bäder“ sind bekannt—
lich noch heute für eine Reihe Erkrankungen erfolg⸗
reich im Gebrauch.
Wenige Schritte weiter, und wir stehen am Ufer der
Mosel, zu unserer Rechten die römische Mosel—
brücke, die aus verkehrstechnischen Notwendigkeiten
heraus vor einigen Jahren erheblich erbreitert wurde.
der neue Oberbau ist dem Ganzen formgeschichtlich an—
—V00— Nordseite eben—
falls erbreitert, sind geblieben.
Damit haben wir die hauptsächlichsten Kultur- und
Kunstdenkmäler Triers kennengelernt. Zu empfehlen
ist im Anschluß daran ein Besuch der beiden an den
äußersten Polen der Stadt gelegenen Kirchen, der das
Nordende beherrschenden Paulinuskirche mit
ihren herrlichen Barock-Deckengemälden und der dem
südlichsten Teil der Stadt das Gesicht gebenden
Matthiasbasilika, die das einszige Apostelgrab
diesseits der Alpen in sich birgt.
Hat der wissensdurstige Wanderer auf diese Weise
einen Einblick in die geschichtlichen Schätze der altehr—
würdigen Augusta Treverorum gewonnen, dann bleibt
ihm noch übrig, die Bergeshöhen auf der anderen
Moselseite aufzusuchen und sein Auge über die reiz—
vollen Schönheiten hinschweifen zu lassen, mit denen
die gütige Natur Trier und seine Umgebung in so
reichem Maße begnadet hat. Wer von diesen Höhen
herab zum ersten Male das vielbesungene Tal der
Mosel betrachtet, wird begreifen können, daß auf einem

solch schönen Erdenfleck auch die Freude am Schönen
und Guten eine Heimatstätte haben muß. Der Cha—
rakter des Trierers, einfach in seinen Ansprüchen und
herzlich in seinen Gemütsregungen, zeigt als bemerkens—
vertesten Grundzug einen ausgeprägten Hang zum
Frohsinn. Dabei pflegt er mit treuem Eifer ange—
stammte Tradition und Sitte, was bei einer so be—
deutungsvollen und abwechslungsreichen Geschichte sich
sozusagen von selbst ergibt.
Und noch etwas ist dem Trierer Gemüt in bemerkens—
wertem Maße eigen: Die Liebe zum Liede! Seit
dem der römische Prinzenerzieher Ausonius im 4. Jahr—
hundert, vom ersten Anblick der lieblichen Schönheit
des Moseltales gefesselt und bezwungen, in so be—
geisterter und formschöner Weise das Lob der Mose
'ang, haben bis auf unsere Tage alle großen Geister
die hier weilten, es nicht unterlassen, Triers und der
„diva NMosella“ landschaftlichem Zauber ihren Tribut
zu zollen. Auch Goethe zählt zu ihnen, und die Zahl
derjenigen, die seit ihm der Mosel Preis in Wort und
Ton sangen, ist eine gar stattliche. Mehrere Weisen
sind direktes Volksgut geworden.
So vereinigt sich in Trier das wertvolle Gut einer
zroßen Vergangenheit in köstlicher Weise mit den volks—
lümlichen Werten der Gegenwart zu einem innerlichen
und gemütvollen Ganzen, getragen von echt deutscher
Ehrlichkeit und tätiger Vaterlandsliebe, die noch in
neuester Zeit allen Stürmen und Verlockungen einer
kein Mittel unversucht lassenden Fremdherrschaft sieg
reich und wesensbewußt widerstand.
Das deutsche Trier entbietet seinen Gästen, in ganz
besonderer Weise den Sangesbrüdern von der, Saar
den herzlichsten Willkommgruß!
„Wo mit dem Lied Gemüt sich paart,
Gedeiht am schönsten deutsche Art!“
Karl Werding.
Trier

Ddas Werden

des Ranaon.

Wernn ich über das Werden des Kanons schreibe,
will ich zuerst etwas berichten über die ursprüngliche
Bedeutung dieses Wortes. Bei den Griechen war „Kanon“
der Nameé des Monochords, eines einseitigen, akustischen
Schulinstrumentes, das zur Erklärung der Intervalle und
zwar vermittels mathematischer Bestimmung (Olktave⸗1⸗
Saitenlänge usw.) verwandt wurde. Daher wurden gauch
die Pythaͤgorgeer, deren musikalische Theorie auf dem
Kanon füßle, Kanoniker genannt im Gegensatz zu den Har—
monikern, die von der Mathematik in der Musik nicht viel
hielten. (Ariftoxenes, griech. Schriftsteller um 354 v. Chr.)
und seine Schule.
In der griechischen (byzantinischen) Kirche verstand man
under Kandn Vichtungen großen Umfangs., Sie bestanden
aus neun mehrstrophigen Oden, die inhaltlich in Beziehung
zu den alttestamentärischen Cantica (Kobgesänge, Canticum
canticorum, das hohe Lied Salomonis) standen. Jede Ode
hatte ihre besondere Melodie, nach der ihre saͤmtlichen
Strophen gefungen wurden. Die berühmtesten Kanondichter
und komponisten waren Andreas von Kreta, Johannes
Damscenus und Kosmas von Majuna (alle drei im 7.
und 8. Jahrhundert). Ihre Kanons sind erhalten mit
Melodien.
Kanon ist nach dem heutigen Sprachgebrauch die
strengste Form musikalischer Nachahmung,
bei welcher zwei oder mehrere Stimmen dieselben Stimm—
schritte machen, aber nicht gleichzeitig, sondern nachein—
d Moun unßferscheide“ den Känon im Einklang. bhei

velchem die Stimmen tatsächlich dieselben Töne vortragen.
iber so, daß die imitierende Stimme nach einem halben
»der ganzen Takt oder auch in viel größerem Abstande
nach der ersten einsetzt. Es gibt Kanons in der Ober- und
Intersekunde, in der Ober- und Unter-Quarte usw. Beim
Kanon in der Oktave bringt die zweite Stimme dieselbe
Nelodie in anderer Oktavläge; der Kanon in der Ober—
ind Unter-Quinte verschiebt die Lage um eine Quinte nach
ben oder unten. Weitere Aenderungen entstehen durch
»ollftändige Umkehrung der Bewegungsrichtung, Kanon der
Segenbewegung, durch Verlängerung oder Verkürzung der
—
digmentationen, per diminutionem). Nur noch Künsteleien,
veil ihrem Wesen nach, aber dem Ohre nicht mehr ver—
ländlich, sind Krebskanons (die zweite Stimme singt die
Melodie ruͤckwärts, fängt also am Schluß an) oder Spiegel—
anons usw. Der Kanon im Einklang wurde unter dem
Namen Caceia (Katscha)-Jago bereits seit Anfang des 14.
Jahrhunderts in Oberitalien gepflegt, scheint aber in der
Kolksmufik noch älter zu sein. (Randellus, Rota, Radel)
Auch Krebs-Zirkelkanons sind im 14. Jahrhundert nach—
veisbar. Zur höchsten Blüte kam der Kanon durch die
ranzösisch iederländischen Kontrapunktisten des 15. und
I6. Jahrhunderts (Guillaume, Dufay 14002 1474 Binchois
Hälfte des 15. Jahrhunderts, FJeane de Okeghem um
1460, Josquin des Près 1450-1521. Im 11. und 12.
Jahrhundert taucht der Kanon aus der vulgären Musik
Af üud mird ersscngsid niedergeschriehen. IAm 13. und 14
            
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