Full text : 11.1933-1934 (0011)

Nr. 3 IIIT

seh Saar⸗Sänger-Bund Ilbhe Rj Seite 63
dem Kriege kennengelernt haben. Ihre Form erlangt viel—
mehr eine Nation in erster Linie durch die Gemein—
samkeit des geistigen und seelischen Nus
drucks.
Ohne ihn gibt es keine Nation, kein Volk. Daß wir
Deutsche innerlich fsormlos geworden waren, und daß uns
iotwendig auch die Ausdrucksmöglichkeiten des Gesamt—
derstehens sich abstumpften und verloren gingen, das war
die Wurzel unseres ganzen Unglücks. Die persönlichsten
uind stärksten, die untrüglichsten Afeußerungen unseres Volks—
zeistes aber sind deutsche Sprache und deutsche
Musik, und jeder Sänger muß sich immer der großen
Verantwortung bewußt sein, die deshalb im Singen liegt.
Er soll aber auch wissen, daß nicht nur er in und mit
dem Wort und dem Ton denkt und fühlt, sprechend und
ingend gestaltet, sondern daß die mit den Tönen der
Musik in starker Zeugungskraft verbundene Mutter—
prache umgekehrt auch in ihm gestaltend und bildend
virkt; er soll wissen, daß er Träger und Uebermittler des
Ausdrucks ist, den die lauge Reihe seiner Vorfahren und
iller Vorfahren aller Volksgenossen als Wunderwerk per—
önlichsten und gleichzeitig ureigenen und gemeinschaftlichen
Beistes geschaffen hat. Er soll wissen, daß seine Mutter—
prache im Auf und Ab der deutschen Geschichte durch
zjanze Zeiten der einzige lebendige Ausdruck unseres Volk—
eins war. In der deutschen Wort- und Tonsprache, wie
vir sie in harmonischer Verbindung als Gemeinschaäftsauf—
zjabe im Chorgesange pflegen und lieben, ergreift die Fa—
nilien- und gleichzeitig die ganze deutsche Volksvergangen—
zeit Besitz von einem jeden von uns, und wir ergreifen
Besitz von ihr, wirkt und gestaltet der Geist unserer Väter
und Urväter in uns, wie wir in ihm. Unserem Bunde waren
eit der Stunde seiner Gründung deutsche Sprache und
»eutsche Musik die große erzieherische und völkische Auf—
zjabe, und wir wollen diese Aufgaben immer leidenschaft—
icher und tiefer erfassen und erfüllen.
Wir fühlen die schwere, aber auch erhebende Verant—
wortung, die darin liegt, daß in diesem Sinne gerade an
der Grenze ein jeder von uns Volk, ein jeder Vaterland
ist. In diesem Sinne von innen heraus ein Heil
der nationalen Bewegung und ihrer Re—
gierung, hinter der unser Saar-Sänger-—
Bund bewußt und ganz steht; in diesem tiefen Sinne:
Heil deutschem Wort und Sang!
Heil deutschem Volk und Vaterland!
Es konnte nicht besser als durch das Deutsch—
landlied, das die Menge spontan anstimmte,
zezeugt werden, wie stark das Echo war, das diese
Ausführungen in aller Herzen geweckt hatten, ein
kraftvolles Treugelöbnis zu Deutschland
und seiner Regierung. St.

sucht die inneren, vor allem die nationalen Unter—
gründe, in denen alle deutschen Menschen
wurzeln. Er will in diesem Streben aber die Gegen—
sätze im Unwesentlichen und den Kampf um ihren Aus—
gleich, den jedes gesunde Leben bedeutet, nicht auflösen
durch einen weichlichen Scheinfrieden. Er will die Be—
deutung und das Recht der Persönlichkeit nicht verrühren
in einen Brei wirklichkeitsfremder Theorien und billiger
Phrasen von äußerlichem und deshalb unechtem Fortschritt
und Glück der Massen. Er müht sich vielmehr um die
von innen gesteuerte, überzeugte Einspan—
nung des einzelnen Deutschen in das große,
geistig-seelische Gesamtstreben; er will also
die Synthese des Eigenartigen, des Persönlichen, dieses
Urelementes jeder gesunden Gemeinschaft, zum Ganzen der
Volkseigentümlichkeit, der Bolkspersönlichkeit. Wir
Sänger ian umstrittenen Grenzraum der Saar erstreben
im Chorfingen mit der Kunst und über das Künstlerische
hinaus zuversichtlich die Lösung einer der entscheidenden
deutschen Volksfragen; gerade wir suchen die durch Natur
und Blut geprägte Form, die alle Deutschen aller Stämme
als Wesensbestandteil in sich tragen, herauszuarbeiten, zu
entwickeln und deutlich in Erscheinung treten zu lassen.
Wir sind der Gewißheit voll, daß diüese geprägte Form
durch keine zersetzenden Einflüsse vernichtet werden kann,
mögen sie kommen von innen oder außen, daß sie letztlich
in unseren Abwehrkampfe gegen kulturelle
Ueberfremdung und politische Losreißung
die beste Wehr und Waffe ist.
Auf dieser Gesinnungsgrundlage haben sich im Saar—
SZänger-Bund Pfälzer und Preußen einträchtig zu—
sammengefunden, und ich darf es heute in St. Ingbert als
Preuße dankbar aussprechen, daß unsere Pfälzer Sanges—
brüder in der Erfassung und Erfüllung der geschilderten
deutschen Hauptaufgabe mit zu den eifrigsten und treuesten
zählten. Und die Begründung für unsere Ueberzeugung,
daß gerade das Singen im Chor dem Menschen innere
Form und Haltung gibt und damit den Geist jener Ge—
meinschaft, die als Tat wirklich und wirksam ist? Im Chor—
gesang stellt sich ein Seelisch-Geistiges dar durch die mensch—
liche Stimme, die nach Richard Wagner der Ursprung der
Musik überhaupt ist; und zwar beansprucht der Gemein—
schaftsgesang jeden Sänger mit seinen eigenartigen Stimm—
mitteln und seiner persönlichen Darstellungskraft. Die
starke, innere Aktivität aber, die das Singen von dem
einzelnen fordert, bedingt im Chor die entsprechende Hal—
tung nach außen: das Stehen in räumlicher Geschlossen—
heit, Mann neben Mann, die disziplinierte körperliche
Ruhehaltung, die Blickrichtung des Auges auf einen Punkt,
die Unabhängigkeit von allen dekorativen Aeußerlichkeiten
ein einziger großer, einheitlich beseelter Gesamtkörper, der
in seiner Beherrschung und Verhaltenheit die innere Be—
wegtheit und die Kraft des Ausdrucks doppelt stark ahnen
und erleben läßt. Dasselbe Seelisch-Geistige aber, was
jeden Sänger bewegt und in ihm um Ausdruck ringt,
waltet ungleich stärker und tiefer noch im rechten Chor
leiter und beruft ihn so zum Führer der im Inwen—
digen gleichgerichteten Brüder. So gibt er, mit seinen
Sängern menschlich verbunden im Ausgangspunkt und in
der Richtung, miterlebend und miterarbeitend, die Möglich—
keit und den Impuls der äußerlich und innerlich einheii—
lichen Gesamtgestaltung, der Gemeinschaftstat. Kann es
eine tiefere und nachhaltigere Weckung und Pflege des
Geistes der Zusammengehörigkeit geben, der uns so not
tut? Ist eine bessere Veranschaulichung seines wahren
Wesens möglich, als ein Chor singender deutscher Men—
schen? — In glücklicher Ergänzung rundet sich der Ge—
dankengang über die große Bedeutung des Chorsingens
gerade für unsere Tage ab durch die Tatsache, daß es wie
kaum etwas anderes das spezifisch Deutsche klar
und schön zum Ausdruck bringt. Wir Sänger an der Saar
wissen aus eigener Anschauung, daß eine Nation Gestalt
und Gesicht nicht nur durch die äußeren Grenzen erhält,
so wichtig sie sind; auch Landschaftsraum und historisches
Schicksal formen sie nicht allein und erst recht nicht Wirt—
schaäft und Politik. wie wir sie in ihrer Entartung nach

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