Full text : 11.1933-1934 (0011)

Schulmusfik und Thormusik.

M.G.V. Wadgassen und M.G.V. Differten, der
Verein, der beim Bundessingen der Gruppe Jl am besten
abschnitt, veranstalteten unter der Leitung von Adolf Groß
am 22. Januar ein Konzert mit nachstehender Vortrags—
folge:
Dee he 1. Mädchenchor der Klasse Ib 7. und 8. Schuljahr der kath. Volksschule Wadgassen.
2. Manner⸗Gesangverein Differten, 3. Männer⸗Gesangverein Wadgassen.
Männerchor: 1. Die beiden Särge Friedrich Hegar
MGV. Differten
Totenvolk Friedrich Hegar
MGV. Wadgassen
Maria auf dem Berge Satz von K. Hogrebe
Oberschl. Volksweise nach den Aufzeichnungen von Erk
Vionlinsolo: Herr Lehrer Kiel, Baritonsolo: P. Weiler
Zusani Satz von Walter Rein
uus dem Seraph. Lustgarten, 16835
rdardehi MGV. Wadgassen
Vern hh MGW. Differten
Feins brauns Maidelein
Nach Melchior Newsidler, 1674
Der Winter ist vergangen
Weise aus Thysins Lautenbuch, um 1600
Ade zur guten Nacht
Volksweise vor 1848 MGVW. Wadgassen
Frech und froh
Ansprache des J. Vorsitzenden des S. G. B.
Herrn Dr. h. c. Bongard, Saarbrücken
Tema con variazioni MGV. Differten
Weise: Es waren mal drei Gesellen, 19. Ihrh.
Mäbdchenchor: 10. a) Deutschland: Kein schöner Land Satz von P. Kickstat
b) Wenn alle Brünnlein fließen Satz von W. Rein
Weise aus Schwaben
Gesamitchor: 11. a) Innsbruck, ich muß dich lassen Heinr. Isaak 1507
b) Jung Volker Julius Rontgen
c) Der Jäger aus Kurpfalz Satz von Otbegraven
Eine angenehm empfundene Abwechselung bedeuteten die
entzückenden Darbietungen des Mädchenchores in dem in
der Hauptsache mit neuzeitlichem wertvollem Liedgut be—
strittenen Programm. Von einer nur zu begreiflichen Be—
fangenheit abgesehen (erstmaliges öffentliches Auftreten),
die sich aber nur beim Vortrag des ersten Liedes bemerkbar
machte, sangen die Kinder die durchweg polyphon gehal—
tenen dreistimmigen Liedsätze mit absoluter Tonreinheit,
gepflegter Tongebung und starkem, natürlichem Ausdruck,
so daß man seine helle Freude daran haben konnte. Das
begeisterte Publikum erzwang sich denn auch mehrere Zu—
gaben. Es bleibt nur noch sFestzustellen, daß die hoch ge—
schraubten Erwartungen der Zuhörer auch von den Männer—

„Tun darfft nicht Mensch sein, für dich nicht, nur für
andre: für dich gibt's kein Glück mehr als in dir selbst,
in der Kunst!“
Sie denkt, während sie den Satz noch einmal liest: mit
wieviel Enttäuschung und Bitternifsen muß diese Erkenntnis
bezahlt sein! Ein Mensch, hier auserwählt, Schöpfer, hoch
über allen — und dort leer, taub, hungrig, nicht einmal
das, was alle sind. Sie atmet kaum. Ihre Augen wollen
feucht werden, Mitleid überkommt sie. Traußen winselt
ein Hund. Dann ist es still, aber nicht so leblos und
starr, als stünde die Nacht wie eine feste Masse über der
Erde, sondern voll, rauschend, belebt, wie eine Muschel:
Dar mußt ihm helfen, du darfst ihn nicht allein lassen,
diesen Menschen, diesen hilflosen, unglücklichen Menschen
Gib diesem vagabundierenden Herzen Ruhe und Dach! —
Sie liest Blatt für Blatt, nicht mehr mit dem beschämenden
Gefühl der Neugierde, sondern an seiner Verlassenheit
sich weidend. Es folgen Gedichte, Notizen über die Hör—
maschine, Sentenzen, Klagen über sein Leiden: „Tas Allein—
sein ist wie Gift für dich bei deinem gehörlosen Zustand;
Argwohn muß bei einem niedern Menschen um dich stets
gehegt werden.“ Halt — da:
„Mein Herz strömt über beim Anblick der schönen Natur
obsschon ohne sie ...“
Sie liest es drei-, viermal. Etwas verletzt sie an diesem
Satz. Ohne sie? Ohne wen, ohne wen? SOhne die Ge—
liebte 12Hastig durchblättert sie das Buch. Ein wür—
gender Schmerz in der Kehle bleibt ihr zurück. Wie damals,
als ihre Schwester ihn fragte, ob er außer der „fernen Ge—
liebten“ noch eine andere habe. Und obwohl er darauf den

hören keinesfalls enttäuscht wurden. Die merklich kühlere
Aufnahme der Männerchöre ist erklärlich. Wenn es für den
Sänger vieler Proben bedarf, ehe er sich in die Musik
eines Lendvagi oder Leib eingefühlt hat, so kann man von
dem Durchschnittshörer nicht erwarten, daß er gleich beim
zrstmaligen Hören dieser Musik viel Verständnis und Wür—
digung entgegenbringt. Sämtliche Chöre wurden geradezu
oollendet dargeboben und waren getragen von starkem
inneren Erleben der Sänger. Die Schlußgesänge, von dem
Besamtchor gesungen, krönten das überaus gelüngene Kon—
zert durch eine machtvolle Steigerung. Wer es noch nicht
wußte, „an diesem Abend, nach diesem selte—
nen Konzerterlebnis,drängtesich jedem, der
Ohrenhatte zuhören,die Erkenntnisaufvon
der bedeutungsvollen Verbundenheit zwi—
schen Schulmusik und Chormusik“. Ueber dieses
Thema sind in Fachzeitschriften schon riesige Tintenströme
bergossen, bei Versammlungen (Reichsschulmusikwochen) stun—
denlange Referate gehalten worden. Es würde im Rahmen
eines Konzertberichtes auch zu weit führen, wenn ich die
wechselseitigen Beziehungen zwischen Schulmusik und Chor—
musik im einzelnen aufdeckte. Nur einige Feststellungen:
Adolf Groß, der schon seit Jahren in der Gemeinde Wad—
jassen als Lehrer und Chorleiter wirkt, gibt in fast allen
katholischen Volksschulklassen den Musikunterricht. Außer
dem Mädchenchor hat er auch einen großen Knabenchor ge—
zründet, der das nächste Mal sein Können zeigen wird. Auf
den soliden Grundpfeilern: Notenkenntnis und
Stimmbildung aufbauend, bildet Adolf Groß in der
Gemeinde ein musikkundiges und musikfreudiges Geschlecht
heran, wie man es sich mit Hinsicht auf den Nachwuchs
für das Chormusikleben nicht idealer wünschen kann. Daß
in den Uebungsstunden des M.G.V. Wadgassen, dem jetzt
schon eine große Anzahl jugendlicher Sänger angehören,
die durch die Schule Adolf Groß's gegangen sind, die
Notentafel eine wichtige Rolle spielt, daneben aber auch,
als ebenso wichtig, planmäßig Stimm- und Tonbildung
detrieben wird, bedarf kaum einer Erwähnung. Kurz: In
Wadgassen hat das musikpädagogische Wirken eines energie—
vollen, von seiner hohen Aufgabe durchdrungenen Mannes
heute schon die allerschönsten kulturellen Ersolge gezeitigt.
Daß es auch in kleineren Gemeinden möglich ist, in dieser
orbildlichen Weise Musikbetätigung und Sangesfreude auf
zreiter solider Grundlage auszulösen, davon überzeugte mich
zor einigen Jahren die Bekanntschaft mit einem schwäbischen

unwirschen Blick senkte und schwieg, rissen ihr mit einem
Male alle Fäden, die sie um ihn gesponnen hatte. Und
sie verließ damals das Zimmer. Einsamkeit überfiel sie
darauf: Ich habe da mein Herz auf den Händen und will
es ihm geben, doch er sieht es nicht, will es nicht sehen,
weil ... weil er einer anderen gehört!
Sie schließt das Buch. Das Geheimnis der „fernen
Geliebten“ bleibt. Sie löscht die Lampe aus. Die Schwester
rekelt sich im Schlaf und richtet sich auf:
„Was ist denn los?“ fragt sie mit geschlossenen Augen.
„Nanny“, sagt sie, das Herz will ihr auf die Zunge
sommen, und doch sagt sie: „Nichts!“
Sie schlüpft wieder ins Bett und kuschelt sich dicht an
die Schwester. Schlafen ... schlafen .. . .! Ihre Gedanken
rnnen wie Sand:
„Ich werde dieses Lied nicht mehr singen, ich werde mich
mit einem harten Panzer von Zurückhaltung umgeben ...
Er gehört ihr längst ... Er gehört ihr so, daß er nichts
andres mehr denken kann als sie, daß er die Welt durch
ihre Liebe sieht ... Sie ist das Bild seiner Sehnsucht ...
ich glaube sicher ... Und ich bin nur ein einfältiges Täng,
ich bin ihm nichts ... gar nichts ... Frau Aebtisfin nennt
zx mich im Spott ... Da liegt's drin ...!“
Sie schlummert ein. Gegen Morgen wird sie plötzlich
vach. Irgendwo war der friedlose, wirre Schrei eines
kleinen Kindes aufgesprungen, mitten durch die Nacht. Ein
hilfeheischender Ruf, wie sie Kinder oft im Schlaf aus—
toßen, in dem alle Erdenschwere und Einsamkeit der armen
Kreatur liegt. Alfred Petto.
            
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