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fand edle Freunde und Helser, lebte aber in einsachen
Verhältnissen, zumal er keine bestimmten Einnahmen hätte.
Als er dann 1808 eine ehrenvolle Berufung nach Kassel
bekam, setzten ihm seine Gönner eine jährliche Rente aus
und erreichten so, daß er in Wien blieb und hier seine
unsterblichen Werke schuf: eine Oper „Fidelio“, eine Reihe
von Messen, von denen wir die „Missa solemnis“ heraus—
heben, neun Sinfonien, Sonaten für Klavier und Sonaten
sür Geige, Streichquartette und andere Werke für Kammer—
musik, eine Reihe von Liedern, namentlich nach Terxten
Gellerts und Goethes, unter ihnen auch zarteste Liebes—
lyrik, die schon von dem Zauberhauch echter Romantik
durchweht sind, — dagegen keine reinen Männerchöre.
Im 1. Akt seiner einzigen Oper „Fidelio“ findet sich
der „Gefangenenchor“: „O welche Lust, in freier Luft
den Atem leicht zu heben“ und hernach: „Leb wohl, du
warmes Sonnenlicht, schnell schwindest du uns wieder.
Schon sinkt die Nacht hernieder, aus der sobald kein
Morgen bricht“ — ein Männerchor, der weder aus dem
Orchester, noch aus der Oper überhaupt, deren integrierender
Bestandteil er ist, gelöst werden kann. Wenn unsere
Männerchöre gelegentlich Beethovenchöre singen, so darf
hier der Hinweis nicht fehlen, daß diese von dem Meister
nicht für Männerchor bestimmt sind. Das gilt von „Die
Himmel rühmen des Ewigen Ehre“, das ebenso wie das
Bußlied der gleichen Liedersammlung „An Dir allein hab
ich gesündigt und übel oft vor Dir getan“ ursprünglich für
eine Singstimme mit Klavierbegleitung, das Bundeslied
„In allen guten Stunden“, das ursprünglich für zwei Solo—
stimmen geschrieben ist. Das gilt von der Vesper: „Hört
vom Strand die Vesper klingen“ wie von dem Opferlied
„Die Flamme lodert.“ Andere Männerchöre sind ent—
standen, indem Orchestersätzen Text unterlegt wurden, wie
es bei dem Andante der Appassionate, der Klaviersonate
op. 57, der Fall ist, die zu der bekannten „Hymne an die
Nacht „Heil'ge Nacht, o gieße du“ bearbeitet wurde. Beet—
jsoven hat eben das Größte und Tiefste in seinen Sinfonien,
stammermusiken und Klaviersonaten ausgesprochen. Ohne
sie ist ein Beethovenkonzert undenkbar.
In Beethovens Werken drückt sich ein echt deutscher
Tharakter aus, ein allem Spielerischen, Efsektvollen, Vir—
uosenhaften, Aeußerlichen und Verschraubten abgekehrter,
der Natur und dem Volkstümlichen zugewandter Mensch,
oll faustischem Grüblertum, beherrscht von unerbittlicher
Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, erfüllt von titanischen
dämpfen in der eigenen Brust, urgesund, krastvoll und
Jäubig, wie im Menschlichen, so auch in der Kunst das
Zchicksal meisternd, Vollendung findend im edelsten klassi—
chen Maß und aus reifster Abgeklärtheit als freie Persön—
ichkeit im Letzten, den ewigen Mächten verbunden und
ergeben, die über allem Schicksal stehen. Wir erleben in
hin und seinem Werk die restlose Versöhnung des Mensch—
ichen mit dem Göttlichen, ein völliges Aufgehen in die
Bottheit, die alles in Liebe umspannt. So brach ihn das
chwere Gehörleiden nicht nieder, das um die Jahrhundert—
vende seinen einsamen Lebensweg zu beschatten begann,
uind nicht die Widerwärtigkeiten, die ihn als Vormund
seines Neffen Karl durch dessen Haltlosigkeit und Undank—
zarkeit soviele Lebenstage verbitterten. Sein Leitstern blieb:
„Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen, ganz nieder—
»eugen soll es mich gewiß nicht.“ Diese kraftvolle männliche
Bejahung des Lebens und dieses zutiefst im Innern ge—
reifte Prophetentum des Göttlichen reißt alle Hörer seiner
zroßen Kunst, welchen Volkes, Glaubens und Standes sie
mmer auch sein mögen, gleicherweise in ihren Bann und
rus der Alltäglichkeit des Irdischen in die Welt des Un—
russprechbaren, des Jenseitigen, des Ewigen. Zu dieser
Lebenssinfonie gehört denn auch das erschütternde Finale,
daß Ludwig van Beetvohen nach qualvollem Leiden an
ꝛinem Vorfrühlingstag des Jahres 1827 unter zuckenden
Blitzen und schwerem Donnergrollen in die Schar der
zroßen Unsterblichen einging. ...
Walther Stein.
— 4 —— 6 —A das Haus für
liegt neben ihr mit tageswachen Augen. Draußen klopfen
Schritte vorüber. Ein einziger Regentropfen klatscht auf
die Fensterbank, es klingt, als speie einer aus. Zwei Uhren
wechseln sich ab. Warum sie nicht einschläft, von unwirk—
lichen Dämmerbildern begleitet, die mit einem Male wie
Zunder zerfallen? Das Ohr knistert auf der Decke. Sie
hat die Augen offen, obwohl es dunkel ist. Warum?
Ach, da ist so vielerlei:
Sie fühlt durch die Dunkelheit: Da sind die Wände, da
gegenüber hängt das Bild seines Großvaters. Er schätzt
diesen gepflegten, grundgediegenen alten Mann sehr. Und
hier der Schrank, der Sessel, das Waschbecken. Seltsam,
heute schlafe ich in diesem Raum, schlafen zwei Mädchen
darin, gemeinsam mit diesen Dingen, die ihn atmen,
die von ihm wissen, die Vasallen seines täglichen Wollens
sind. Und da steht das Klavier. Es ist das Werkzeug,
der Pulsschlag seiner geistigen Liebe, formuliert sie. Wie—
viel Musik, gewaltige, eigensinnige, gotterfüllte Musik, ist
darin erklungen! Und darauf das Hörrohr. Dort die
Noten, gestochene und handgeschriebene Notenblätter,
störrisch hingekritzelt. Und daneben — sie hat es soeben
bei Licht genau gesehen — liegt ein Notizbuch, wahrschein—
lich sein Tagebuch. Sie weiß um die Unverhülltheit und
Aufgeschlossenheit solcher schriftlichen Selbstgespräche, nackten
kleinen Kindern vergleichbar, die unter dem grellen Licht
der Neugierde erschrecken und frieren ...
„Dieses Tagebuch,“ denkt sie, „ist gewissermaßen der
Mensch, dem er sein Innerstes offenbart.. Ich weiß,
daß er scheu und verschlossen ist .. er hält seinen Menschen
immer mit den Händen fest ... Das Wort ist ihm schon
Entblößung, Schaustellung. Wo soll er aber seine Ge—
danken abladen? In sich verschließen? Nein, das kann
er nicht, das kann überhäaupt kein Mensch auf die Dauer!
Vielleicht schreibt er etwas über diese Frau, die „serne
Beliebte“. Ich glaube sicher ... Ich habe schon oft über
sie nachgedacht ... Eifersucht? — Ach, er weiht ihr Lieder;
aeulich — wer hat das noch gesagt? — klagte er, diese
Frau habe er nicht aus dem Gemüt bringen können,
Sie trübt ihm die Welt; Herrgott, wer ist diese Frau?“
Da steht sie auf. Sie ist ohne Beherrschung. Die
Lampe ist schnell angezündet. Das Fenster steht offen. Die
euchte Luft, die aus dem nassen Laub im Garten weht,
bringt einen Geruch von Herbst, Erde und Fäulnis mit
und streicht ihrakalt über die Arme. Sie friert in ihrem
Nachtkleid. Aber dieser Erregung, knisternd bis in die
Kopfhaut hinauf, wird sie nicht mehr Herr. Da liegt das
Buch. Die Blätter haben Eselsohren. Sie greift es auf
und blättert darin. Und setzt sich auf den Stuhl. Da
stehen die Notizen, bunt durcheinander, zufällig, wie sie
dem Meister gerade bemerkenswert erschienen und in dem
breiten Strom des Alltags dahintrieben. Musikalische,
aphoristische Aufzeichnungen, Notizen über den Haushalt.
„Baumwolle in den Ohren am Klavier benimmt meinem
Gehör das unangenehm Rauschende“, liest sie.
Tas trifft fie irgendwie. Welche Tragik liegt darin,
velche Ergebenheit! Ein Beethoven ohne Gehör — eine
Beige vhne Resonanz! Da stehen Zahlen. Eine Sub—⸗
traktion. Gedankenlos rechnet sie nach und entdeckt einen
Fehler. Darüber muß sie nun lächeln. Und hier: