Full text : 11.1933-1934 (0011)

Ludwiqnqpan

Nr. 2

ihl Saar⸗Sänger-Bunde

IIII Seite 35

eethoven.

Andwig van Beethoben, in Bonn 1700 als Sohn
Wedes dem Trunke ergebenen Kurfürstlichen Hoftenoristen
Johann van Beethoven geboren und von seinem Vater.
der die musikalische —IF des Knaben erkannte, aus
Ehrgeiz und Gewinnsucht in frühster Kindheit mit grau—
sainer Strenge zum Klavierspiel gezwungen, fand lich erst
inwendig zur Musik berufen, als der Bonner Hofmusiker
Neefse sein Lehrer wurde. Es bezeugt seine außerordent
lichen Fortschritte, daß wir ihn, kaum 14 Jahre alt, be—
reits in der Kurfürstlichen Besoldungsliste als Hosorganis
aufgeführt finden. Aus Druck und Demütigung des Eltern—
haufes flüchtete sich der verschüchterte und dennoch un—
gebrochene eigenwillige Knabe oft zu der, hochherzigen
Witwe Breuning, die ihm namentlich nach seiner Mutter
Tode zur mütterlichen Freundin wurde und mit deren
Kindern er zeitlebens in Freundschaft verbunden blieb.
Durch Vermittlung des Grafen Waldstein kommt Beethoven
1792 „mit unbekümmertem Gebaren, in lässiger Haltung
und nach der freieren Weise der überrheinischen Mode
ekleidet als der „neue Mensch“ in die kunstvoll ver—
eite Welt des Barocks“ nach Wien, wo er durch
Unterricht bei Haydn, Schenk und Albrechtsberger und in
strengster Selbsttätigkeit seine Studien vollendete, zuersi
als Pianist an die große Oefsentlichkeit trat und alsdann
sestuer auf den Kunstsinn des Hoses und des Adels, an—
üpfend an die große musikalische Tradition Haydns und
Mozarts, die er — ohne durch Sturm und Drang zu
schreiten — in sich selbst überwand, eine neue Epoche
deutscher Kunst heraufführte. Richard Wagner sagt von
Ludwig van Beethoven: „Das reiche, vielverheißende Erbe
der beiden Meister Mozart und Haydn trat er anz er bildete
das symphonische Kunstwerk zu einer so fesselnden Breite
der Form aus und erfüllte diese Form mit einem un—
erhört mannigfaltigen und hinreißenden melodischen In—
halt, daß wir heute vor der Beethovenschen Symphonie
wie vor dem Marksteine einer ganz neuen Periode der
Kunstgeschichte stehen. Er ist der Held, der das weite ufer—
lose Meer der absoluten Musik bis an seine Grenzen durch—
schiffte. Er gleicht zu jeder Zeit einem wahrhaft Be—
sessenen; denn von ihm gilt, was Schopenhauer vom
Musiker überhaupt sagt: Dieser spreche die höchste Weisheit
in einer Sprache aus, die seine Vernunft nicht verstehe.“
Bis zu seinem Tode lebte Beethoven in Wien oder aui
dem Lande in der Nähe Wiens; seine rheinische Heimat,
die er sehnsuchtsvoll im Herzen trug, sah er nie wieder.
Gleich in den ersten Wiener Jahren erfüllte den jungen

Meister ein ungeheurer Schaffensdrang: es entstanden in
cascher Folge Klavier- und Violinsonaten, Klaoiertrios
und die erste Sinfonie. Er wurde allgemach bekannt.

Zudwig van Beethoven

Begebnis in Beethovens Zimmer.
AMAu⸗ den Aufzeichnungen Fanny del Rios, der Tochter
9 des Wiener Pädagogen del Rio, erfährt man, daß
dieses Mädchen bereit gewesen wäre, sein junges fünfund—
zwanzigjähriges Leben mit dem des tauben und nach und
nach verwahrlosenden Beethoven zu vereinen. Man kennt
weitum die Schwäche des Meisters für seinen ungeratenen
Neffen Karl, um sich auszurechnen, wie oft er die Familie
del Rio aufsuchte, in dessen Privatschule Karl unter—
gebracht war: Ob man ihn liebevoll behandele, ob man
ihn nicht züchtige. Und so weiter. Und jeden Besuch
schreibt sich Fanny auf, beschreibt ihn, vertraut rückhaltlos
dem Papier an, was sie unausgesprochen lassen muß.
Man kann es sich vorstellen, noch spät abends, ehe sie
schlafen geht, greift sie zur Feder. Und sie schreibt, ob
Beethoven aufgeräumt, mitteilsam, heiter war oder ob
er sich hinter seinen Gefühlen verschanzte, knurrte, klagte;
wie er aussah, was er sprach, Kleinigkeiten, aber niemals
so unbedeutend, daß sie nicht verdienten, festgehalten zu
werden. Man spürt aus diesen Zeilen das wache und
warme Herz: opfermutig, liebehungrig, ungeduldig, bis
ihr törichter Wunsch in Erfüllung geht. Sie sorgt sich um
sein leibliches Wohl wie eine Mutter, und als sie bemerkt,
daß man — vor allem die Dienstboten — ihn übel be—
handelt, daß seine Gesundheit, sein Gehör, sein ganzer
Mensch zerbrechen will, wird ihr Entschluß zur bren—
nenden Begierde. In stillen Stunden spielt sie seine Musik.
Lieder, Klaäviersonaten, Variationen. Sie singt auch das

zekannte Lied des Meisters an die „ferne Geliebte“, dessen
virklicher Hintergrund selbst von der forschenden Nach—
velt nicht hat erleuchtet werden können. Sie singt es —
ich, wie oft! — beziehungsvoll und mit einer süßen Heim—
ichkeit, die Zwiesprache sein soll, weil sie glaubt, daß
dieses Lied nur in den Wesenlosigkeiten seiner Sehn—
ucht lebe, daß es nur Wunsch, Siunbild sei und nicht
Sein und Gestalt. Vielleicht singt sie es auch, um ihn
zu verleiten, den Schleier von jenem Mädchenbildnis zu
seben, das sie quält.
Im Oktober 1816 ist sie in Baden mit ihren Eltern
uind ihrer Schwester Nanny bei Beethoven zu Gast. Der
Tag wird ihr immer lebendig bleiben. Ein seiner Sprüh—
segen ging nieder, der sich mit der Luft verwob. Sie
reffen Beethoven an der Arbeit, hinter einem Berg von
Notenblättern auf dem Klavier, den Stühlen, dem Boden.
das Metronom schlägt seinen betriebsamen Rhythmus in
die Stille. Beeihoven hat nichts zum Empfang vor—
zereitet. Er ist leerer Hände. Groß, unwirsch schaut er
zie Gäste an und schiebt die Arbeit beiseite. Nach einer
Weile sind die trüben Wolken verslogen, er plaudert
nit einer müden Vergnügtheit, die verrät, daß der heutige
Tag ein Tag der beglückenden, göttlichen Ernte gewesen
st, der ihn ganz entleert und doch erfüllt hat. Da die
Bäste über Nacht dableiben, wird den Mädchen das ge—
räumige Arbeitszimmer hergerichtet, Beethoven hilft selbst
mit, schafft heraus, was hindert, Stühle, Sofa, Noten,
und nur das Klavier bleibt im Zimmer stehen.
Nanny, die jüngere Schwester, schläft bald den reinen,
kindlichen Schlaf der unbeschwerten Seele. Fanny aber
            
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