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pliziertheit. Wie ist es nun heute? Ueberall Wandel!
Schauen wir einmal den Wandel in der Baukunst: Früher
war der äußere Eindruck beim Bauen beherrschend: hier
ein Türmchen, dort ein Erker mit allerhand Ornamentik;
heute gilt nur die Zweckmäßigkeit. In der Musik ist es
aähnlich“ Wir können diesen Wandel sehr klar bei den Volks—
liedbearbeitungen beobachten. Vergleichen Sie doch bitte
selbst solche Bearbeitungen aus dem Kaiserliederbuch mit
Bearbeitungen derselben Lieder aus dem Lobeda-Singebuch.
Im ersteren ist noch viel Zopfisches, unangebrachte An—
hängsel, Verdickung des Klanges und gequälte Stimmfüh—
rung zu finden, während in letzterem schlichte Klarheit und
freier Fluß der Stimmen vorherrscht.
In der Volksmusik sind neue Einflüsse zur Geltung ge⸗
langt. Die Jazzmusik, so sehr wir sie vielfach ablehnen
müssen, bringt Belebung des Rhythmus. Ausländische
Komponisten (ungarische z.B.) tragen aus ihrer Heimat mit
ihren herrlichen Volksliedern neue Blutzufuhr in die Musik.
Vor allem aber ist die Jugend-Musikbewegung zu nennen.
Was hat diese bisher erreicht, oder besser: zu was hat sie
beigetragen? 1. zur Wiederentdeckung des Volksliedes,
2. zur Rückkehr zur ursprünglichen Funktion des Musi—
zierens, 2. hat sie auch in die neue Musik die alten
Formen: Polhphonie und Kanon wieder eingeführt, 4. ist
zu nennen die Wiederbelebung vorklassischer Chormusik,
5. Anteil an der neuen Chorproduktion durch Armin Knab,
Walter Rein, Erwin Lendvai, Ludwig Weber u. a. Zu
nennen wäre 6. noch ihr Einfluß auf die Volksliedbearbei—
tung. Selbstverständlich haben auch andere, der Jugend—
Musikbewegung fernstehende Komponisten, die Mängel der
verflossenen Männerchorliteratur erkannt und sind bestrebt,
dem Männerchor neuzeitige, künstlerisch hochstehende Musik
zu schenken. Ich nenne Nellius, Jochum, Bruno Stürmer
und viele andere.
Man muß alle Kunst aus ihrer Zeit heraus zu verstehen
suchen. Ein wirkliches Urteil können wir uns immer erst
dann bilden, wenn eine neue Epoche uns gestattet, von
neu gewonnenem Boden aus das Zurückliegende ganz zu
überschauen. Ist nicht so vieles, was uns früher auch im
Männerchor begeistert hat, wert, vergessen zu werden, und
Gott sei Dank vergessen. Ich erinnere nur an einige sehr
bekannte Kanonen auf dem Gebiete des Männerchorgesanges.
Wer singt sie heute noch? Hundert andere teilen mit ihnen
dasselbe Schicksal mit Recht. Wieviel Unwahrhaftiges, Sen—
timentales, Uebertriebenes wurde oft komponiert. Und hat
nicht ein übersteigerter Hurra-Patriotismus häufig die
lächerlichsten Blüten auch in der Männerchorliteratur ge—
trieben? Das geschaffene Schöne und wirklich Gute hält
sich von selbst; es geht nicht unter. Wir müssen uns nur
die Mühe machen, die Spreu von dem Weizen zu trennen.
Daß das nicht immer leicht ist, weiß jeder Chormeister.
Ist denn alles, was unsere Modernen schreiben und ge—
schrieben haben, unbedingt anzuerkennen und gutzuheißen?
Nein, auch da ist man oft zu weit gegangen und hat unseren
Kehlkopf zu einer Maschine machen wollen. Sodann ist,
wie ich schon bemerkte, die Liedertafelet und manches andere
noch nicht ausgestorben. Wir haben indessen so viele wirk—
liche Könner unter unseren heutigen Komponisten, daß uns
um die Auswahl nicht bange zu sein braucht. Es darf
ruhig behauptet werden, daß die Entwicklung im Männer—
chorwesen nie allgemein eine solch künstlerische Höhe zeigte
Wie kommt das? Daher vielfach, daß die alten Musik—
formen, Polyphonie und Kanon, in der Männerchorkompo—
sition Einlaß gefunden haben. Und mit diesen kann im
allgemeinen nur der wirkliche Künstler umgehen, der
Stümper kommt da nicht mit. Sodann hat das unserer Zeit
eigene Streben nach Einfachheit und Klarheit in der Künst
die Auswüchse der Romantik verbannt. Es entstehen
Männerchorkompositionen von großer Schönheit und hohem
ünstlerischem Wert. Durchsichtigkeit des Klanges — daher
»ft nur dreistimmiger Satz — melodische Stimmführung,
zesunde Harmonik und Melodik sind Hauptmerkmale des
nodernen Satzes. Man wolle in der Dreistimmigkeit nicht
ꝛine Unvollständigkeit sehen oder gar glauben, der Saätz
länge schlechter als der vierstimmige. Das ist keineswegs
der Fall, im Gegenteil. Die Vierstimmigkeit klingt häufig
dick, ist undurchsichtig, unklar. Die wenigen Original—
Männerchöre Mozart's sind z. B. alle nur drei- pder gar
vierstimmig.
Eine äußerst wichtige Aufgabe ist uns heute gestellt, uns,
»en Männergesangvereinen. Unser Volk soll wieder singen
ernen; keine öden Schlager, sondern fröhliche, kernige
Volkslieder. Man kommt tatsächlich manchmal auf den
Bedanken, unsere ganze Geisteshaltung sei verblödet, wenn
nan diese Schlager mit solcher Begeisterung singen hört.
daben Sie schon einmal Text und Musik vieler dieser Er—
‚eugnisse näher betrachtet. Man findet selten soviel Un—
inn vereint. Man braucht kein Feind des Schlagers zu
ein, wenigstens nicht des textlich anständigen, muß aber
och die Tatsache zugeben, daß das gesunde Volkslied durch
hn unterdrückt wird. Und das müssen wir bekämpfen. Des—
vegen ist es unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit,
venn wir auf die Geltung als Kulturfaktor auf dem Ge—
ziete des Gesanges Anspruch erheben wollen, zu handeln
ind das Volkslied in seine Rechte wieder einzusetzen. Man
önnte mir entgegenhalten: Ja, wer mag denn heute, bei
obchen Zeiten, außerhalb des Vereins noch zu singen? Ich
entgegne: Sollen wir denn dem Blödsinn allein das Feld
iberlassen? Es kommt auch wieder eine Zeit, in der unser
Volk singen will. Wir haben die Vorbereitung dazu in
der Hand. An die Chormeister richte ich die Bitte, beim
Einüben eines Volksliedes zuerst mit allen Stimmen die
Melodie zu singen. Sie erreichen zweierlei: 1. Alle Sänger
ernen die Melodie kennen und haben die Möglichkeit, sie
zu Hause ihren Kindern vorzusingen, 2. erleichtern Sie g
die Arbeit mit den übrigen Stimmen. Ueben wir doch auch
nal einstimmige Volkslieder, wir haben heute herrliché
SZammlungen an solchen! Vereinsveranstaltungen müßten
m Programm immer mehrere einstimige Volkslieder auf—
eigen. Unsere neue Chorliteratur unterstützt diese
uinsere Bestrebungen. Alle Stimmen haben melodischen
Fluß. Keine ist zum toten Füllsel verdammt. Durch Pflege
des neuen Gesanges fördern und bereiten wir die Aufgabe
dor. Wedbereiter für das Volkslied zu sein.
Verachten wir das wirklich gute Alte nicht, aber ver—
uchen wir doch auch, dem guten Neuen gerecht zu werden,
sonst wächst uns die Zeit über den Kopf. Es gibt heute für
den kleinsten Verein reizende, echt künstlerische Chormusik,
uind es ist für den Chorleiter ein Kunstgenuß, sich damit
zu beschäftigen. Wer den neuen Stil innerlich noch nicht
versteht, muß ihn auch nicht singen, aber er soll sich ehr—
ich damit beschäftigen. Verständnis und Freude daran
tellen sich von selbst ein, und der Vorwurf, ein schlechter
Führer in bewegter Zeit gewesen zu sein, wird ihn nicht
reffen. Willibold Endres,
St. Wendel.
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