Full text : 11.1933-1934 (0011)

Nr. 2 IIII IAln Saar⸗Saͤnger⸗Bund I Inn Seite 33
a
Unsere Stellung zur Münnoerchorliteratur
insbesondere d X
insbesondere der nemzeirlichen.
Hortrag des Gauchormeisters auf der Gautagung in St. Wendel am 12. März 1033.
Wm uns innerlich über diese Stellung klar zu werden, ist
D die Beantwortung einiger Fragen unbedingt erforder⸗
siich: 1. War unsere alte Chorliteratur erneuerungsbedürf⸗
tig? War sie nicht mehr zeitgemäß? Welche Iehler und
inger hatte sie? 2. Was will die neue Männerchor—
literatur? Erfüllt sie ihren Zweck? Wird sie ihrer Auf—
gabe gerecht?
Die Beantwortung der ersten Frage erfordert, daß ich
etwas weiter aushole und kurz die Entwicklung des Chor—
liedes stizziere. Allen ist wohl aus unserer gut geleiteten
Sängerzeitung die Tatsache bekannt, daß im Zelterkreis
der erste Ansfatz zum deutschen Männerchor im modernen
Sinn zu suchen ist. Hier wurden allerdings nur hochge—
bildete Musiker aufgenommen. Allmählich aber trat diese
hochkünstlerische Tendenz zurück, zumal bald in schneller
Folge überall solche Liedertafeln entstanden. In Süd—
deutschland war gleichzeitig, durch den Schweizer Nägeli,
eine Männerchorbewegung auf mehr volkstümlicher Basis
angeregt worden, die sich lebhaft verbreitete. Und nun war
die Zeit gekommen, in der für die Komponisten und Auch—
komponisten des Männerchorliedes der Weizen blühte.
Manches Herrliche und Edle wurde geschaffen, denken wir
an Schubert, Silcher u. a. aber noch viel, viel mehr
Minderwertiges.—
Wenn wir die Entwicklung des Männerchorliedes ver—
folgen, so lassen sich zwei Richtungen feststellen: eine volks—
tümliche, die znrue e auf Silcher, und eine kunstmäßige
Richtung, die ihr Vorbild in Schubert hat. Silcher hat
ßeinen Nachfolger, der einigermaßen gleichwertig wäre, ge—
funden. Seine Nachahmer enden schließlich in der ödesten
Liedertafelei. Was ist Liedertafelei? Nun, wenn irgend
ein Auchkomponist über einen mehr oder weniger schönen
Text recht brav und ordentlich, oft mit viel Schmalz, eine
Melodie schreibt, worunter er nach den Regeln der
Harmonielehre Akkorde setzt. Der 1. Tenor hat meistens
die Melodie, manchmal der 1. Baß ein Solo, die anderen
Stimmen mühen sich um die Begleitung. Von einer melo—
dischen Linie der Begleitstimmen ist nichts oder kaum etwas
zu merken. Oft versucht man sich sogar in Polyphonie,
kommt aber über Anfänge nicht hinaus. Die Liedertafelei
ist nicht ausgestorben. Sie hat ein zähes Leben und blüht
auch jetzt noch, wenn auch kümmerlich. Machen wir uns
frei von dieser unwürdigen Musik.
Die kunstmäßige Richtung, als deren Vater wir Schubert
ansprechen, nahm einen anderen Verlauf. Wir unterscheiden
hier Kompositionen lyrischen Inhaltes und Balladen. Da—
zu kommt, daß vaterländische Gesichtspunkte in der Männer—
chorkomposition eine bedeutende Rolle spielten. Hier sei
einiges über die musikalische Gesamtentwicklung gesagt. Ein
starker Ausdruckswille, der in der von den Klassikern über—
nommenen melodischen und harmonischen Gestaltung und
Form nicht genügend Mittel zum Sichausleben fand, suchte
und fand neue Anreize. Die Harmonik wurde allmählich
komplizierter, gesuchter, ebenso die Melodik. Diese ver⸗
kümmert, sie gerät in Abhängigkeit. Die formale Einheit
geht verloren. An deren Stelle tritt die Gebundenheit an
den Text. Die Musik wird literarisiert, sie tritt im 19.
Jahrhundert, allmählich in Abhängigkeit vom Tert. So
bildet sich eine empfindsame Spätromantik. Auf dem Ge⸗
hiete der Ballade sehen wir die Entwicklung bis zur musi⸗
kalischen Artistik sich versteigen. Der Sänger soll zum Go—

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