Full text : 11.1933-1934 (0011)

Nr. 12 IIw: hhhh Saar⸗Sänger-Bund lill UVlhhh Seite 281
Damit ist die Quint selbst der eigentümliche romanische Durch all das ist sie eine ständige Bedrohung für die Ge—
Ausdruck dieses allhaften Grundgefühls. Sie stürmt nicht schlossenheit allhaften Insichruhens.
vorwärts ohne Ziel und Grenze, sondern strebt formgebun— Die Strenge der Askefse, das scheue Fortdrängen von
den zum Grundton zurück, den sie in der Oktave wieder allen Gebieten der Sinne hatte bewußt duf die quantitie—
aufnimmt. Als, die germanische Mehrstimmigkeit und die rend keusche Gliederung der alten Gesänge hellenischer
romanische Quint und so germanisches und romanisches Kultmusik zurückgegriffen, Schon für den Griechen hatte das
Wesen sich miteinander verschmolzen, da, hatte die Allzeit Zusammenklingen der Töne kein Ethos. Und Ethos grade
den ihr gemäßen musikalischen Ausdruck gefunden. war die Forderung, die er zuoberst stellte und nicht zuletzt
In der romanischen Quint und Oktave findet die ge- in dem anarchischen Gebiet der Töne. Die katholifche Kirche
schlossene Einheit des Weltganzen ihren höchsten Ausdrück vollends legte äan alles den Maäaßstab rechtgläubiger Ge—
Wenn man von der Quint zur Oktave fortschreitet, so bundenheit und gesetzbestimmter Ordnung. Wer sich außer—
empfindet man eine rhythmische Vollendung. Das Oktaven— halb dieser Grenzen stellte, war für sie Ketzer. Zu diesen
intervall ist einfach, faßlich und in sich selbst befriedigt. Ketzern zählte auch die Terz.
Die Quint hört den Grundton und die Oktave lieber als In der ganzen Allzeit beherrscht die Quint den christlichen
wieder die Quint, als wolle sie zum Ton zurück sich wenden, Bottesdienst. Sie sorgt, daß der fort und fort an die
von dem sie ausgegangen. Ganz anders ist die germanische Pforten der Dome klopfenden, Einlaß begehenden ger—
Terz. Sie hat qualitativen Wert, Sie, die das germanische manischen Terz der Zutritt zum Altär geweigert wird,
Musikempfinden verkörpert, hat Eigenwert. Sie durchbricht damit sie nicht den Gottesdienst gefährde und nicht an den
die Geschlossenheit. Sie strebt im Gegensatz zu der gesät- Allgrundlagen rüttle, auf denen Rom seine Kirche aäufgebaut
tigten Quint vorwärts. Sie will weiter, höher, will von Bogislav von Selchow.
den Ketten sich befreien, an die sie sich gebunden fühlt Der deutsche Mensch.

Musik der

Oie Landschaft, d. h. die geographische Lage eines
Sleckens Erde und dessen Beschaffenheit, ist die Kraft,
die mehr als irgend eine andere alles formt und schafft,
allem ein gewisses Etwas einimpft, was wir dann als nur
dieser Gegend gehörend empfinden und erkennen. Nörd—
liche und südliche Lage, große und geringe Höhe, endlose
Ebene, fanfte Hügelzüge oder wildes Gebirge, Art des
Bodens, des Gesteins, die Nähe kalter oder warmer Luft—
und Wasserströmungen: dies alles sind Bestandteile der
Landschaft und bedingen deren Flora und, Fauna, geben
somit auch die Lebensgrundlage für den Menschen. Unsere
Lebensart und —weise ist also naturbedingt, hat ihren
Grund in der Wesensart der von uns bewohnten Land—
schaft. All unser Tun und Lassen steht unter dem Zwang
des Bodens, der uns nährt, der Luft, die wir atmen.
Echte Kunst, ethisch wertvolle Musik ist ebenso natur—
verbunden, so erdgewachsen wie der Mensch felbst, der
sie aus schöpferischem Trieb gestaltet. Form und Art dieser
Musik geht aus von den Hilfsmitteln ihrer Erzeugung.
den Instrumenten, und deren Ursprung liegt — wenigstens
im Anfang aller Kunst — in den landschaftlichen Gegeben—
heiten. So schuf sich der Senn sein Alphorn aus in seinen
Bergen gewachsenem Holz in einer Größze, die nicht nur
der Majestät der firnigen Häupter entspricht, die über seiner
Hütte und seinen Matten wachsen, sondern dem Alphorn
auch den notwendigen großen Ton verleiht, also einem
sichtlichen Zwecke dient. Wie nun hier alles darauf hinaus—
geht, Ohren des „Zuhörers“, der womöglich auf der andern
Bergseite oder jenseits des Tales wohnt, zu erreichen, wie
aus der Allgewalt riesiger Bergmassen ein Instrument und
ein Ton, eine Melodie erwächst, die eben nur dort denkbar,
nur dort heimisch ist, so bringen andere Landschaften Er—
scheinungssormen der Musik, die eben nur in ihnen möqg—
lich, schön, natürlich und verständlich sind.
Die Landschaft, wurde oben gesagt, ist, Grundlage für
die Lebensart des Menschen. Folglich ist sie Bildnerin
der Gebräuche und Sitten, innerhalb der Gesell—
schaft, also der kulturellen Lebensform. Die wach—
sende Zivilisation, die sich verfeinernde Kultur brachte eine
Wandküng und Entwicklung der musikalischen Form mit
fich. Die Behauptung Paul Beckers, die Formen der Musik
häften sich nur gewandelt, nicht auch entwickelt, ist direkt
uͤnsinnig. Ebensolchen Wandlungen und Entwicklungen war
und ist die Menschheit unterworfen. Die Sippen sind Keim—
zellen des Stammes. Diese wie ihre Fortsetzungen und
Sammlungen, die Nationen, wurzeln, ebenso wie der ein⸗
zelne Mensch, in ihrer Eigenart und ihrer idealen Willens—
äußerung, der Kunst, in der Landschaft. England, Frank—
reich, Spanien, Italien, Rußland, Norwegen, Deutschland:
das sind alles NRamen. die für uns nicht nur den Begriff
einer Nation als völkischer Einheit bilden, sondern bei
deren Nennung schwebt uns das jeweilige landschaftliche
Bild ebenso vor Augen wie wir das Bewußtsein haben,
jedesmal einer durchaus arteigenen, Kultur und
Funft gegenüherzustehen. Diese Bölker hahen einige In—

Lanöschaft.

strumente und musikalische Formen, die allen gemeinsam
sind, So das Instrument der Hirten, den Dudelsack. Toch
dergleichen wir eine englische mit einer italienischen, eins
ranzöfische mit einer rufssischen Musette! Die feuchten
Nebel Albions, die glühende Sonne der römischen Cam—
pagna, die welligen, gallischen Hügel, die ewigen Steppen
Rußlands, sie formen aus anderm Geiste die Melodie ihres
dandes und ihres Himmels. Rembrandts dunkle, tief leuch—
ende Farben gehören ganz den Niederlanden, wie die
zewaltigen, dämonischen Skulpturen Michelangelos, der
zuellende Reichtum seiner Sistina nur in Italien denkbar
st, wie Dürers große Kunst mit ihrer Feinheit der hand—
verklichen Ausführung eben nur Deutschland eigen sein
»ann. Und wie zwar kaum ein Land ohne eigenen Wein
ist, so ist der heiterwürzige Wein unserer Mosel, unseres
Rheines doch von anderem Gepräge als der herbe Schlesiens,
der seurige Burgunder, der dicke, süffige Wein der rösnischen
Abruzzen. Ein jeder netzt so die Zunge mit den köstlichen
Eigenarten der Landschaft, welcher der Rebensaft entquollen.
Also mögen auch immer mehrere Nationen dieselbe musika—
liische Form ihr Eigen nennen, der Geist entsprang doch
anderm Boden, und dessen seelischen Gehalt birgt sie.
Haben wir so in gleichen und ähnlichen Formen mehrerer
Bölker Bestandteile, die von der Verschiedenartigkeit ihres
Beistes und ihrer Kulturen zeugen, so haben wir umgekehrt
nnerhalb des einzelnen Landes zwar ver—
chiedene Formen, doch ver wandtes Denken, Natür—
ich, denn nicht nur ebene Küstenländer, auch. waldige
zügelzüge, tiefe, warme Flußtäler und hohe Berge ge—
jören, üm ein naheliegendes Beispiel zu nehmen, unserm
Vaterland. Und die Söhne desselben können nie ganz
hre engere Heimat verleugnen. werden sie auch vom Schick—
al in fernere Gaue, andere Landschaften verschlagen. Wir
ennen diesen und jenen Menschen: Er kommt aus Sachfen,
Thüringen, vom Rhein, aus Hamburg. Obwohl er seit
Faͤhrzehnten hier wohnt, der Dialekt jenes Landes, dem er
ntftammt, verläßt ihn nie ganz. So ist Brahms doch
tets ein Norddeutscher geblieben im Innersten seines Her—
zens, obwohl ihn die Freundlichkeit des Wiener Waldes,
zie Herzlichkeit und Fröhlichkeit des Wiener Freundes—
reises umgab. Aber seine Juͤgend gehörte Hamburg und
vpas wichtiger: seiner Väter Heimat war Deutschlands
Norden. Genau so ist Beethoven in einem tieferen
Zinne nie Wiener geworden. Wir brauchen nicht erst seine
och in den letzten Lebensiahren geäußerten Wünsche, die
heinische Heimat wiederzusehen. zu kennen. Kriterien seiner
HMufik, z. B. die französischen Marschthemen und Fan—
aren, verraten uns nicht nur die Zeit der blutigen Re⸗
olution Frankreichs, die Art ihrer Verwendung zeigt uns
n ihrer“ disfziplinierten Energie die männlich deutsche
Sammlung, die weiter jenseits des Rheins in dieser Art
und in solcher Reinheit und Kraft nicht mehr zu finden
st. Wir erkennen in der Musik Bachs die Kunst des
nittleren bis nördlichen Deutschland; Weber, Schu⸗
Rann und Wadgner alle arundverschiedenen Temvera—
            
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